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20.15 Uhr ist toter als tot
Bild/Illu/Video: zVg.

20.15 Uhr ist toter als tot

Lineares Fernsehen war nicht immer lineares Fernsehen. Es war einfach Fernsehen. Wir kannten den Begriff «linear» nicht, weil es für uns anderes nichts gab. Eine Sendung lief dann, wenn sie lief, und wer sie verpasste: Selber schuld. Dann kam der Videorekorder auf, und es konnte eigentlich nur noch an den Programmierkünsten scheitern.


Vergangene Zeiten. Unsere Kinder wachsen in einer «on demand»-Welt auf. Sie schauen das, was sie zu dem Zeitpunkt wollen, den sie selbst wählen, und wenn sie Lust haben, schauen sie es sich gleich noch einmal an. Gratis oder zur Flatrate natürlich. Das ist keine bewusste Entscheidung der jungen Generation, es ist eine Selbstverständlichkeit. Dafür hat schon Youtube gesorgt, Netflix und Co. hat es gefestigt. 20.15 Uhr? Was soll dann sein?


Wunderschön eigentlich. Wir erinnern uns ja kaum wehmütig an öde Abende, an denen wir uns von Unsinn zu Langeweile gezappt haben. In der Realität hat sich allerdings wenig verändert, wir sind noch immer oft unzufrieden mit dem Gebotenen. Denn früher war wenigstens eine klare Auswahl vorgegeben. Jetzt ersaufen wir in den Optionen, und das bedeutet: Wir schrauben die Latte immer höher und gieren nach noch sensationelleren Inhalten. Wir haben zuhause kürzlich mit Schrecken festgestellt, dass wir inzwischen drei verschiedene Streamingdienste abonniert haben, weil uns das aktuelle Angebot des jeweils letzten zu einem bestimmten Moment nicht überzeugt hat.


Die Qultur des «Das, was ich gerade will» ist nicht ohne. Sie erlaubt beispielsweise keine Überraschungen mehr. Wir bleiben nicht mehr beim Zappen interessiert irgendwo hängen, obwohl wir die Sendung niemals bewusst gewählt hätten. Streamingdienste schlagen uns gezielt das vor, was wir laut einem Algorithmus im fernen Amerika garantiert und unbedingt sehen wollen. Es ist derselbe Mechanismus wie bei Facebook: Eine unsichtbare Wolke saugt uns ein und umgibt uns mit Wohlfühl-Inhalten, frei von Experimenten. Die tolle Doku, in die wir früher versehentlich gestolpert sind, präsentiert uns weder Netflix noch Sky noch Amazon, weil wir bisher nichts Vergleichbares aufgerufen haben. Wir haben die totale Auswahl – aber wir kennen sie nicht.


Ich habe mir fest vorgenommen, in einer Art Selbstversuch bei Gelegenheit mal wieder lineares TV zu schauen. Es gibt nur ein Problem: Ich habe nicht mehr die geringste Ahnung, auf welchem TV-Eingang das normale Programm läuft...

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