Achtung, Rasurkontrolle! #1
Bild/Illu/Video: zvg

Achtung, Rasurkontrolle! #1

negativ

Rasurkontrolle

In der Schweizer Armee geht es nicht nur darum mit Waffe und Ausrüstung umgehen zu können, sondern ebenso darum dabei gepflegt auszusehen. Über Wochen hinweg mussten wir abends in Reih und Glied einstehen, um von den Ranghöheren überprüfen zu lassen, ob wir unser Gesicht rasiert hatten. Wir standen breitbeinig, die Armee hinter dem Rücken verschränkt und angehobenem Kopf rund eine Viertelstunde reglos da. Die Vorgesetzten überprüften unsere Rasur mittels einem Plastikkärtchen, und lauschten, ob die Karte einen Ton erzeugte. Wenn das der Fall war, mussten wir vom Platz ins Gebäude, drei Stockwerke hoch in die Nasszelle, um uns nochmals zu rasieren und danach auf schnellstem Wege zurück auf den Platz an unseren alten Platz in der Formation rennen. Die Zeit, welche darauf verwendet wurde, um sich nochmals zu rasieren, wurde uns allen von unserer Freizeit abgezogen. An manchen Tagen krampften wir bis nach Mitternacht, weil wir in den Augen der Ranghöheren als nicht diszipliniert genug erschienen.


Körperliche und mentale Bestrafung

Der Militärdienst in der Infanterie ist in den ersten Wochen eine körperliche und mentale Herausforderung. Vier bis fünf Stunden Schlaf mussten pro Nacht reichen. Man erwachte um fünf Uhr morgens und musste innerhalb einer Stunde das Zimmer putzen, das Bad sowie den Verbindungsgang putzen. Ein Gang wurde von vier Zimmern à 12 Mann geteilt. Ein Bad à sechs Duschen, zehn Händewaschbecken und fünf WCs von über vierzig Personen geteilt. Dies alles musste jeden Morgen vor sieben Uhr gründlich geputzt werden. Man kann sich vorstellen was für ein Lärm dies schon frühmorgens war. Keiner ausser einige wenige Kameraden und ich schien die Stille zu schätzen. War das Zimmer, das Bad oder Gang nicht gründlich genug gereinigt, wurden wir bestraft. Die Freizeit wurde gestrichen, es wurden gemeinsam Liegestütze gemacht, man musste sich anschreien lassen. Je nach Vorgesetzter Person war man in besseren oder schlechteren Händen. Manche Vorgesetzte schienen es zu geniessen uns arme Rekruten in den ersten Wochen unserer Rekrutenschule völlig kaputt zu machen. Ich litt darunter ständig von hunderten von Leuten umgeben zu sein. Nie hatte ich meine Ruhe. Nie konnte ich Zeit alleine verbringen. Ich konnte nicht mehr richtig denken, weil die anderen ständig plapperten und weil ich ständig zu wenig schlief. Manche meiner Leidensgenossen werden ein Leben lang wegen dem Militär mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Andere mit körperlichen Beeinträchtigungen. Ich kenne drei Menschen, welche im Stress und unter dem immensen Leistungsdruck einzelne Finger in Sturmgewehr, Leichtes Maschinengewehr oder Panzertüre eingeklemmt haben. Da fragt man sich schon, ob es das wert ist.


Fremdbestimmtheit

Ich habe im Militärdienst massive Fremdbestimmung erlebt. Mein gesamter Tag wurde von jemand anderem geplant, und ich sowie zweihundert weitere Männer mussten diesem Plan Folge leisten. Wir mussten uns dem Willen einer uns vorgesetzten Person beugen. Der eigene Wille bedeutete nichts. Es wurde von uns verlangt nicht darüber nachzudenken was wir tun, und gleichzeitig sollten wir mitdenken, Vorschläge für Verbesserungen bringen. Manchmal wurde man bestraft, weil man sich zu viel Mühe gab. Es galt nicht zu schlecht und zu gut zu erscheinen. Die Infanterie ist eine Truppengattung der Schweizer Armee, bei welcher die Intelligenz eines Einzelnen eine geringe Rolle spielte. Es zählte, dass man gut schoss, mit zwanzig Kilo Gepäck auf dem Rücken und drei Kilo schweren Kampfstiefeln fünfzig Kilometer am Stück gehen konnte und sich nicht beschwerte. Ich bin ein Mensch, der ein spirituelles Leben führen möchte. Im Militär ist das kaum möglich. Teil eines solchen Lebens ist es nämlich sich nicht von anderen unter Druck setzen zu lassen und Achtsamkeit und Gelassenheit zu praktizieren. Dementsprechend waren die ersten Wochen die reinste Hölle für mich. Ich schrieb die ganze Zeit über Tagebuch, um nicht vollends durch die Praktiken des Militärs zu verblöden. Ebenso wollte ich mir den Willen anderer nicht aufzwingen lassen. Ich fühlte mich so unfrei. Ich fühlte mich wie eine Marionette. Die ersten Monate waren eine schwere Zeit für mich, danach erhielt ich einen neuen Vorgesetzen, wurde einem Büro zugeteilt, in welchem fast zivile Zustände herrschen. Dort konnte ich mich erholen und erhole mich weiterhin von der Qual der ersten Monate.


Idioten als Vorgesetzte

Ich bekam Menschen vorgesetzt, welche sich einen Spass daraus machten mich zu quälen. Diese Menschen quälten ihre Untergeben lediglich, weil sie selbst genauso gequält wurden. Würde man diesen Kreislauf der immerwährenden Quälerei unterbrechen, was würde geschehen? Die Qual bestand daraus, dass wir an unseren körperlichen Grenzen und darüber hinaus getrieben wurden. Ich geniesse es durchaus alleine einige Stunden am Stück Sport zu treiben oder einen ganzen Tag über zu wandern, doch in der Gruppe körperlich bestraft zu werden, entzog mir alle Energie. Es war das ständige Beisammensein mit Menschen, welche ich kaum kannte. Es war diese Fremdbestimmtheit, welche ich überhaupt nicht akzeptieren wollte. Von ungebildeten Idioten gesagt zu erhalten, was ich zu tun hatte, war nicht das wofür ich den Militärdienst tat. Ich wollte etwas bewirken mit meiner Teilnahme am Prinzip «Schweizer Armee» und musste lernen, was es bedeutet völlig unbedeutend zu sein.

Themenverwandte Artikel

Der Stumpfsinn der Uniform
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Der Stumpfsinn der Uniform

Warum ich waffenlosen Militärdienst leiste
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Warum ich waffenlosen Militärdienst leiste

Auswandern nach Australien - Teil 1
Bild/Illu/Video: Jie Unsplash

Auswandern nach Australien - Teil 1

Auswandern nach Australien - Teil 2
Bild/Illu/Video: Fadzai Saungweme

Auswandern nach Australien - Teil 2

Empfohlene Artikel