An meine kinderlose beste Freundin
Bild/Illu/Video: Heidi Troisio

An meine kinderlose beste Freundin

Bett an Bett kamen wir ins Gespräch und entdeckten unsere gemeinsame Leidenschaft fürs Tanzen. Spätestens nach dem ersten Ausgang war klar: Wir tanzen auf derselben Musikwelle: Zu «Don't Cha» von den Pussycat Dolls haben wir unsere Hüften geschwungen, den Männern den Kopf verdreht und uns bei Liebeskummer getröstet.


In meiner ersten eigenen Wohnung verbrachten wir Nächte damit, über Gott und die Welt zu quatschen. Wir vertraten in den grundlegenden Themen die gleiche Meinung und waren uns damit viel ähnlicher als es im ersten Moment für Aussenstehende schien. Warst du doch das ruhige, scheue Mädchen, das keinen Anlass zur Konfrontation gab. Ich, genau das Gegenteil: laut und temperamentvoll, die mit ihrer klaren Meinung nicht immer bei allen gut ankam.


Aber auch, wenn du eine weniger dominante Präsenz als ich hattest, so hattest du doch die gleiche Einstellung wie ich: Wir kümmerten uns nur bedingt um die Meinung anderer, zogen unser Ding durch und hielten uns beide in der Schule den Rücken frei. Nicht selten versuchte man uns gegeneinander auszuspielen. Das gelang dank unserer Loyalität zum Glück nicht. Wir waren über 10 Jahre lang unzertrennlich, auch wenn wir nebenbei noch einen anderen Freundeskreis hatten.


Dann kam die Zeit, als unser gemeinsamer Weg eine Abzweigung nahm: Ich lernte meinen jetzigen Ehemann kennen und zog mit ihm zusammen. Vorbei waren die spontanen Übernachtungen, schliesslich musste ich nun auf einen Mitbewohner Rücksicht nehmen. Die Hochzeit folgte ziemlich bald, darauf auch die erste Schwangerschaft. Ich liess mich mit meinem Mann in Liechtenstein nieder, wo ich auch seit Jahren eine Fixanstellung in einer Redaktion habe. Du hingegen bist immer noch auf der Suche nach deiner beruflichen Bestimmung, bildest dich laufend weiter und machst verschiedene Praktika an den unterschiedlichsten Orten.


Die ganze Situation hat an deinem 30. Geburtstag ihren Höhepunkt erreicht. Schwanger war die geplante Party in einem Club in Zürich nicht gerade sehr komfortabel für mich. Auch beim anschliessenden Massenlager fühlte ich mich ohne meinen Mann unwohl. Du hast das nicht bemerkt und im ersten Moment auch nicht verstanden. In deinen Augen war ich kompliziert und unflexibel geworden. In meinen Augen schienst du mir plötzlich empathielos und egoistisch.

Unter Tränen haben wir uns ein paar Tage später ausgesprochen. Uns wurde klar: Wir waren an zwei verschiedenen Lebensabschnitten mit unterschiedlichen Prioritäten angekommen – an einem Punkt, an dem es schwieriger war als früher, unsere Freundschaft aufrecht zu erhalten – an einem Punkt, wo wir aktiv etwas tun müssen, damit unsere Freundschaft nicht langsam aber sicher im Sand verläuft. Wir haben uns dafür entschieden, unsere Freundschaft auch unter den aktuellen Umständen zu pflegen!


Auch wenn wir uns manchmal mehrere Wochen bis Monate nicht sehen, immer wenn du da bist, ist es wieder wie früher! Und das zeigt mir, dass es sich lohnt, weiter in unsere Freundschaft zu investieren. Auch wenn ich manchmal deine Ausbildungsorte durcheinander bringe, ich interessiere mich sehr für deinen beruflichen Werdegang. Auch, wenn du dich als Gotta von meinem Sohn manchmal wochenlang nicht meldest, weiss ich, du hast das Interesse an deinem Gottabub nicht verloren. Ausserdem überwinden wir bei wirklich wichtigen Anlässen immer unsere räumliche Distanz: Sei es bei deiner Diplomfeier oder dem Geburtstag meines Sohnes.

Ich möchte mich hiermit bedanken, dass auch Du für unsere Freundschaft kämpfst. Dass auch du versuchst, mich und meine veränderten Prioritäten zu verstehen. Auch danke ich Dir, dass wir offen über unsere Probleme sprechen können, auch wenn es nicht immer einfach ist. Ich wünsche mir, dass unsere Freundschaft auch die künftigen Herausforderungen meistert und wir Herzensschwestern bleiben!


Wer weiss, vielleicht nähern wir uns irgendwann wieder an. Vielleicht, wenn du selbst Familie und Kinder hast oder aber meine Kinder aus dem Haus sind. Aber auch wenn nicht: Ich möchte dich auf keinen Fall als Freundin an meiner Seite missen. Du bist ein herzensguter Mensch: Offen, ehrlich, loyal und frei von Neid und Missgunst. Alles wunderbare Eigenschaften, die man so nur selten in einer Person vereint findet. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, dich als Freundin zu haben!


Liebe beste Freundin, du fragst Dich vielleicht, warum ich diese Zeilen veröffentliche? Weil es ganz vielen Frauen genau so geht wie uns. Immer wieder höre ich Geschichten von Mamis, die sich plötzlich nicht mehr verstanden fühlen von ihren kinderlosen Freundinnen – und umgekehrt! Ich bitte euch: Gebt eure langjährigen Freundschaften nicht so schnell auf! Überlegt euch gut, was eure Freundschaft ausmacht und entscheidet dann, ob ihr sie weiterpflegen wollt oder nicht! Nicht jede Freundschaft dauert ein Leben lang, aber ein Versuch ist es allemal wert, eine langjährige Freundschaft aufrecht zu erhalten!


Zum Schluss noch ein paar Worte zum Bild: Meine beste Freundin und ich haben uns auf unserem Städtetrip nach Berlin spontan ein Freundschaftstattoo stechen lassen. Gleichzeitig habe ich auf meiner Bucket List den Punkt «Einmal im Leben etwas Verrücktes machen» abgehakt!

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