Aussergewöhnlich und spannend oder doch gefährlich?
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

Aussergewöhnlich und spannend oder doch gefährlich?

Ich schaue aus meinem Bürofenster. Auf der anderen Bergseite liegt das Skigebiet Grüsch-Danusa. Ich sehe zu, wie die Gondeln den Berg hochfahren. Eine Gondel, sie ist ganz grün, fällt dabei besonders auf. Sie ist etwas Aussergewöhnliches. Eine Firma sponserte diese Gondel und hat sie entsprechend hergerichtet. Darin mitzufahren ist das Ziel mancher Kinder, die am Morgen bei der Bahn anstehen. Es ist etwas Besonders, etwas Aussergewöhnliches… Alle Kinder und auch manch Erwachsene freuen sich auf das «Abenteuer» mit der grünen Gondel.


Szenenwechsel: Ich sitze am Mittagstisch mit Primarschüler. Plötzlich bricht Unruhe aus. Einige Kinder streiten miteinander. Die Lage spitzt sich zu und ein Schüler beschimpft den anderen mit «Du Jude!». Ich trenne die Jungs, will wissen, ob es der Jugendliche ernst gemeint hat und, ob ihm die Hintergründe bekannt sind. Das Vieraugengespräch macht mich traurig. Der Jugendliche kennt die Vergangenheit der Juden im zweiten Weltkrieg. Er kann mir ziemlich detailliert schildern, was sich zugetragen hat. Der Holocaust wird Thema und es fallen antisemitische Aussagen. Ich bin schockiert.


Im Gespräch denke ich an die Gondel. Sie ist einzigartig. Es gibt nur diese Eine unter den Vielen. Sie ist etwas Besonders. Aber warum sehen wir in anderen Menschen nicht das Einzigartige? Das Besondere? Warum lassen sich viele nicht auf das «Abenteuer» ein und lernen diese fremden, anderen Menschen näher kennen? Wir wollen auch unbedingt in diese fremde, einzigartige Gondel.


Der Junge muss zugeben, dass er keinen Juden kennt. Aber, dass er vieles vom «Hören-Sagen» mitbekommen habe. Wir Menschen neigen dazu Angst zu haben, wenn uns ein Fremder begegnet. Wir haben plötzlich Angst etwas zu verlieren. Wir merken, dass diese andere Person vielleicht etwas besser oder anders kann als ich.


Und, wenn dann etwas Schlimmes geschieht, dann suchen wir schnell unseres Gleichen und verbünden uns gegen die Minderheit, gegen diese Fremden. Und dann kommen die Vorurteile, die wir selbst nie erlebt haben, aber wovon wir gehört haben und jetzt felsenfest davon überzeugt sind, dass es stimmen muss. Oft projizieren wir unbewusst unsere eigenen Schwächen in diese Menschengruppe.


Dabei hat Gott uns extra alle als einzigartige Wesen geschaffen. Genauso wie die spezielle Gondel an der Bergbahn. Jeder Mensch hat seine eigenen Fähigkeiten und Talente. Jeder hat seine eigenen Gedanken, Meinungen und auch sein eigener Glaube. Gleichzeitig hat uns Gott den Auftrag gegeben gemeinsam Sorge für seine Schöpfung zu tragen: «Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.» (Gen 1,26).


Egal wie einzigartig wir sind: Wir alle sind Menschen. Menschen mit einem gemeinsamen Auftrag. Und, wenn uns etwas in die Zukunft bringt, dann ist es die Zusammenarbeit untereinander. Die verschiedenen Fähigkeiten zu nutzen und gemeinsam an der Zukunft weiterzuarbeiten. Es macht wenig Sinn uns in «Gruppen» zu unterteilen: Wir sind Menschen! Und hier haben Antisemitismus, Rassismus oder andere Anfeindungen keinen Platz.

Themenverwandte Artikel

Sonntagsgedanken: Gott ist «out»!
Bild/Illu/Video: Lars Gschwend

Sonntagsgedanken: Gott ist «out»!

Sonntagsgedanken: Der Boxhandschuh
Bild/Illu/Video: Lars Gschwend

Sonntagsgedanken: Der Boxhandschuh

Empfohlene Artikel