Dabu Fantastic’s «Schlaf us» im Soundcheck
Bild/Illu/Video: zVg.

Dabu Fantastic’s «Schlaf us» im Soundcheck

Die neue Scheibe von Dabu Fantastic startet mit der positiven Hymne «Frisch usem Ei», welche die Herren schon im vergangenen Jahr veröffentlicht haben. So sollte moderner Mundartpop klingen: Groovig, etwas abgespaced und trotzdem sehr einprägsam. Die Stimmverzerrungen sind am Anfang vielleicht ein wenig ungewohnt, aber allerspätestens beim zweiten Refrain, singt dann doch jedes Kind frenetisch mit.


Auch beim nächsten Song namens «Lied» wurde viel an Dabu’s Instrument gewerkelt in der Strophe. Kurz vor dem Refrain wird seiner «natürlichen» Stimme dann viel Platz eingeräumt und ihr wohliger Klang berührt sofort. Es folgt ein sehr tanzbarer Refrain, dessen Hitpotenzial ähnlich wie bei gewissen Songs von Steff la Cheffe durch Klänge aus der Fremde zusätzlich angefeuert wird. Auch dieses Lied wurde schon 2019 ausgekoppelt und wird nun eben für Spätmerker wie mich, erst als Soundtrack der diesjährigen Sommerferien stattfinden... Als Untermalung von Reisen in die grosse weite Welt ist es nämlich verdammt gut geeignet.


«Jagge» ist ein wundervoll erzählerisches Werk, an dem wahrscheinlich ein Mani Matter eine Heidenfreude gehabt hätte. Die Mischung aus aktuellen Popbeats und den akustischen Gitarren ist perfekt auf den Punkt gebracht und bleibt sofort im Ohr hängen. Die charmanter Erzählstruktur lässt einem wie bei einem Troubadour aufhorchen und die Band hat hier etwas erschaffen, was nicht allzu vielen Schweizer Künstlern gelingt: Dieses Lied ist für alle und schliesst niemanden aus! Denn egal ob Kind, Grosseltern, Arme oder Reiche, jeder Mensch trägt seine kleine Welt in der Jackentasche mit sich herum und schützt sie wie den eigenen Augapfel. Genial, wieder mal ein zeitloses Stück Musik zu hören, welches durchs Band alle zu berühren vermag.


Auf dem Titelstück «Schlaf us» hört man eine treibende Gitarre, viele Metaphern und eine Aufforderung zum Entschleunigen. Während der Refrain fast schon in einen Gospelkanon ausufert, wird es auf einen Schlag ruhig und der einzigartige, grossartige (ja, ich gebe es ja zu, ich bin ein riesiger Fanboy seit Jahren) Stephan Eicher betritt die Bühne. Mit seiner hier ziemlich zerbrechlichen Stimme haucht er dem Stück die voraus angekündigte Ruhe ein und animiert die Band im Hintergrund ebenfalls entschlackter zu musizieren. Es ist so ein Stück, welches ich in Zukunft häufig anhören werde.


«In Ornig» ist frisch, beschwingt und voller Lebensfreude. Wundervoll wie die Band ein solch lebensbejahendes Gefühl federleicht in Noten packt und es einem beim Anhören sofort positiv stimmt. Ich freue mich jetzt schon drauf, diesen Song am Lumnezia lauthals mit zu johlen und dabei die wundervollen Menschen um mich herum zu geniessen. Wunderbar!


«Mach der en Name» ist der Hit schlechthin auf der Platte. Schon die erste Strophe ist voller Wortwitze, was sehr unterhaltsam ist. Die Message, dass man sich selber einen Namen machen soll, wenn man es gerne hätte, dass sich die Menschen an einem erinnern, ist grandios und ich ärgere mich gleich ein bisschen, dass mir solch ein naheliegendes Thema nicht vor ihnen in den Schoss gefallen ist… Wahrscheinlich habe ich wieder zu lange den blauen Mond im Hof beobachtet….


«Alles Cloud» ist ein nostalgischer Rückblick auf Liebhaberstücke wie Platten, Bücher, Fotografien und so weiter. Schon krass, wie sich die Lagerung von Qulturgütern in den vergangenen Jahren in die Datenwolken verschoben hat. Schön, wie Dabu hier die Dinge romantisiert und beispielsweise das «Rascheln» der Blätter zelebriert. Die Frage ist eben schon, wie viel Wert «gecloudte» Ware überhaupt hat…


Die Geräuschkulisse beim Lied «Wemmer gaht» irritiert mich irgendwie. Es ist ein bisschen schade, da das Lärmige im Hintergrund stetig ein bisschen ablenkend wirkt. So hört man zuerst nur mit einem Ohr zu und verpasst beinahe die packend erzählte Novelle.


Nochmals wird etwas Nostalgie versprüht. Das Lied «Video» erzählt das Aufwachsen in den späten 80ern/frühen 90ern mit VHS-Kassetten, die man noch auslehnen musste in der Ludothek oder jenachdem auch mehrfach gesehen hat. Das hier ist nicht nur ein Jugend- Abschiedslied, sondern behandelt zugleich auch das Auseinanderdriften von zwei Freunden. Dieses Phänomen, welchem jede und jeder früher oder später im Leben begegnet, wird hier aber nicht todtraurig und weinerlich beschrieben. Nein, hier wird dankbar zurückgeblickt und die gemeinsame Zeit gefeiert.


«Solangs no läbt» ist ein modernes Kinderlied, welches beschreibt, wie ein verwundetes Vögelein nach Hause genommen und gepflegt wird. Der Chor geht sofort unter die Haut und ich hoffe doch sehr, dass in naher Zukunft dieses Lied auch in den Kindergärten der Schweiz angestimmt wird. Denn, wenn Kinder den Respekt vor Tieren so spielerisch erlernen können, sehe ich mit viel Freude und hoffnungsvoll in die Zukunft.


Der Song «Berlin» ist voll mit poetischen Bildern. Das ruhige Lied voller Pathos beschreibt die Misere, dass es in der deutschen Hauptstadt immer regnet, wenn Dabu Bucher dort zu Gast ist. Dies ist irgendwie ein lustiger Zufall, welcher hier sehr kurzweilig in Noten gepackt wurde.


Das letzte Lied der CD «Late Check-Out» lässt die Stimme vom blonden Frontmann nochmals durch den Technikwolf laufen. Sie klingt dadurch wie aus einer anderen Galaxie. Die rockigen und doch irgendwie ruhigen Gitarren klingen, als würden sie nächstens ausbrechen und das Hotel einreissen, was sie dann aber trotzdem nicht machen.


Schlussfazit:
Dabu Fantastic gehen auf ihrem neuen Album «Schlaf us» ausgeschlafen und mit Konzept an die Sache ran. Während auf dem Vorgänger «Drinks» oft elektronische Elemente oder Synthis den Ton angegeben haben, wurde auf dem aktuellen Werk eine ausgewogenere Balance gefunden. «Holzig akustische» Klänge wechseln sich mit Studiospielereien ab und doch verliert die Musik dabei nie den roten Faden. «Schlaf us» klingt erwachsen und überraschend kreativ zu gleich. Der Band ist ein modernes Popalbum gelungen, welches nostalgisch zurückblickt, aber auch mit ziemlich viel Drive die Mundartszene Schweiz nach vorne bringt. Die Geschichten direkt aus dem Leben sprechen, ohne Heimattümelei zu betreiben, eine breite Masse an, wie es nur wenige Textern neben Dabu Bucher gelingt. Nicht umsonst hat der Grossmeister Eicher den Herren mit seiner Stimme ein Gütesiegel verpasst. Er muss es wohl geahnt haben, welch stimmiges und zugleich zeitloses Meisterwerk die Band Dabu Fantastic hier erschaffen hat.

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