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Das Interview zum Buchtalk mit Petra Näf
Bild/Illu/Video: zVg

Das Interview zum Buchtalk mit Petra Näf

Als Stadträtin leitet Petra das Ressort Gesundheit und Alter. Sie ist aber auch Familienfrau. Ihre inzwischen fast erwachsenen Kinder, 17 und bald 20 Jahre alt, sieht Petra als grosses Geschenk und Bereicherung. In ihrer Freizeit treibt Petra gerne Sport und sie leitet seit vielen Jahren Seniorenturngruppen in Buchs und Räfis.


Passage aus dem Buch von Wolfgang Krüger:
«Meist wissen wir zu wenig über Freundschaften. Obwohl sie sehr wichtig sind, stehen sie nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit. Denn im Allgemeinen unterschätzen wir ihren Einfluss auf unser Lebensglück. Deshalb gibt es tausende Bücher über die Liebe und nur wenige über Freundschaften.


Sicher sind Liebesbeziehungen oft aufregender. Wir verleben tolle Nächte, geniessen die Erotik, den Rausch der Gefühle. Aber dies macht die Liebe auch anfälliger für Affekte, für Kränkungen und emotionale Schwankungen. Demgegenüber sind Freundschaften etwas distanzierter und dadurch stabiler.»


Was hat es mit der Passage auf sich, die du vorhin vorgelesen hast? Hat sie vielleicht auch etwas mit dir zu tun? Wie wichtig sind dir Freundschaften?
Mir ist so richtig bewusst geworden, dass Freundschaften einen konstant durchs Leben begleiten. Sie sind wie ein Grundpfeiler. Und in schwierigen, gar kräfteraubenden Situationen können sie wie ein Fels in der Brandung Kraft und Unterstützung geben. Das ist besonders wertvoll. 


Zitat aus dem Buch: «Freundschaften können uns ein tiefes Gefühl der Sicherheit geben. Was eine gute Mutter oder ein guter Vater für das Kind ist, können verlässliche Freundschaften für uns Erwachsene sein. Sie können uns das Gefühl vermitteln, dass wir nie ganz allein sind. Sie helfen uns die dunklen Stunden des Lebens zu überstehen.»


Was hat dich sonst noch im Buch bewegt oder überrascht? Findest du grad eine Stelle, die du uns vorlesen kannst?
«Ein Streit zwischen wahren Freunden und Liebenden bedeutet gar nichts. Gefährlich sind nur Streitigkeiten zwischen Menschen, die einander nicht ganz verstehen.»


Wenn man sich wirklich versteht, dann sind auch Meinungsverschiedenheiten meist kein Problem, denn man schätzt das Gegenüber und tritt wohlwollend auf. Freundschaft basiert auf Vertrauen und Vertrauen braucht Zeit. Ich glaube, man kann erst von Freundschaft reden, wenn man sich gut kennt, dafür braucht es auch Tiefgang.


Wie bist du auf dieses Buch gestossen?
Ich leite eine Nordic Walking Gruppe mit Seniorinnen. Dort hat mir eine Teilnehmerin einen Zeitungsartikel mit dem Titel «Keinen Freund zu haben ist ein furchtbarer Mangel an Glück» mitgebracht. Ich las das Interview mit Wolfgang Krüger und fand den Artikel sehr interessant. Darum habe ich das Buch bestellt.


Wie definiert der Autor des Buches «Freundschaft»?
Wahres Interesse am Menschen/am Gegenüber. Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Und man kann nicht unzählig viele Freundschaften pflegen. Ich habe gelesen, dass man 300-500 Stunden miteinander verbringen sollte, damit man sich gut genug kennt und das nötige Vertrauen aufbauen kann, das es braucht, um Freunde zu sein.


W. Krüger: «Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr.»


Also stimmst du mit ihm überein?
Ja, definitiv. Ich, zum Beispiel, pflege Freundschaften mit Spaziergängen im Wald. Ein Waldspaziergang wirkt sich ohnehin schon positiv auf Körper und Geist aus. Kommt dann noch ein gutes Gespräch hinzu, ist das einfach wunderbar.


Wie weit würdest du für eine Freundschaft gehen? Das Buch behandelt auch dieses Thema auf Seite 41 - Juden verstecken vor Adolf Hitler
Wir leben glücklicherweise nicht in einer solch schwierigen Zeit. Ich kann daher nicht sagen, wie weit ich wirklich gehen würde, vor allem wenn ich mein Leben dafür lassen müsste.

Es ist aber halt schon so, dass man in Krisen spürt, wen man als Freund bezeichnen kann.


Gibt es laut Krüger einen Unterschied zwischen Männer- und Frauenfreundschaften?
Gemäss Krüger pflegen Frauen grundsätzlich häufiger Freundschaften als Männer. Ausserdem schreibt Wolfgang Krüger «…sind Männerfreundschaften häufig sachlicher und weniger emotional. In den typischen Männerfreundschaften spielt gemäss Autor der gemeinsame Sport häufig eine grosse Rolle oder man spricht beispielsweise über Autos – aber wenig über sich selbst. Häufig hätten Männer grosse Schwierigkeiten, sich emotional zu öffnen. Daher stellt sich Krüger die Frage: Sind solche Beziehungen krisentauglich?» Das finde ich eine interessante Frage.


Seid ihr auf der Stadtratsebene befreundet oder seid ihr Kollegen, sozusagen kollegial verbunden?
Wir sind Kollegen. Im Stadtrat geht es um sachliche Diskurse und nicht um uns als Privatperson. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass wir einen respektvollen Umgang miteinander pflegen, aber es geht dabei wie gesagt um sachliche Themen und nicht um private Angelegenheiten. Da wir uns alle für die Entwicklung von Buchs und der Region interessieren, haben wir natürlich auch ausserhalb unserer Sitzungen genügend Gesprächsstoff. So können wir vielleicht von Berufsfreundschaften sprechen.


Und wie ist es mit deinen Kindern? Bist du heute Mutter oder Freundin?
Ich bin Mutter. Ich musste glücklicherweise nie «die gute Freundin für sie sein», weil ich meinen Kindern viel Zeit geschenkt habe und meine Mutterpflichten ernstgenommen habe. Die Basis unserer Mutter-Kind-Beziehung ist Liebe. Als Mutter möchte ich meinen Kindern einen sicheren Rahmen geben.


Können Tiere laut Wolfgang Krüger einen Freundschaftsersatz sein?
Wir haben eine Katze namens Mira. Sie ist für uns eine grosse Bereicherung, aber kein Freundschaftsersatz. Laut Krüger ist es möglich. Als Beispiel nimmt er die Beziehung Mensch – Hund.


Können vielleicht Bücher ein Freundschaftsersatz sein?

Der Autor verrät uns, dass wir in Büchern auf viele Menschen/Figuren treffen, mit denen wir innerlich Freundschaft schliessen können.


Tatsächlich erinnere ich mich an eine Begebenheit vor vielen Jahren. Ich hatte meiner Tochter die Geschichte von Pippi Langstrumpf vorgelesen. In der Fasnachtszeit wollte sie dann gerne als Pippi verkleidet in den Kindergarten gehen. Die Kindergärtnerin hat mir im Nachhinein erzählt, wie anders sich Valeria als sonst verhalten hätte. Durch das Kostüm der Pippi war sie viel mutiger und extrovertierter als sonst. Somit können solche Figuren schon einen Einfluss auf uns haben, das sehe ich auch so.


Was sind Todsünden einer Freundschaft?
•             Unzuverlässigkeit

•             Die Nehmerhaltung

•             Tratscherei


Freundschaften im Alter – sozusagen dein Fachgebiet, was gibt es hier zu berichten?
Schon früh sollte man sich die Frage stellen: Verfüge ich über so intensive Freundschaften, dass ich auch ohne Partner über eine gute soziale Stabilität verfüge. Freundschaften sollten daher genauso wie Liebesbeziehungen gepflegt werden.


Kannst du uns auch ein paar Informationen über den Autor preisgeben?
Wolfgang Krüger ist Psychologe und Psychotherapeut mit Schwerpunkte Ängste Psychosomatik, Partnerschaft und Freundschaft. Er publizierte mehrere erfolgreiche Bücher zu zentralen Themen von Liebesbeziehungen.


Wir sind jetzt am Ende gelangt. Kannst du uns noch eine finale Buchpassage vorlesen?
Echte, tiefe Freundschaften sind nur mit solchen Menschen möglich, die über eine ausgeprägte Beziehungsfähigkeit verfügen. Sie können wirkliche Bindungen mit anderen Menschen eingehen, weil sie eine intensive Beziehung mit sich selbst pflegen. Anders ausgedrückt: Diese Menschen haben eine tiefe Freundschaft mit sich selbst geschlossen. Sie kennen sich selbst und waren in der Lage, ihre Minderwertigkeitsgefühle zumindest teilweise zu überwinden. Durch ihre vielfältigen Interessen verfügen sie über ein reiches Innenleben und haben damit den Schlüssel zum glücklichen Leben gefunden.


Wenn wir so intensiv leben, sind wir zu einer echten Begegnung fähig, die noch lange in uns nachwirkt. Dann gehören wir zu jenen Menschen, die uns tatsächlich ihre ganze Hand und ihre volle Aufmerksamkeit geben, während uns die Durchschnittsfreunde immer nur den kleinen Finger in Form ihrer sparsamen Zuwendung reichen. Das war auch die Überzeugung von Carl Zuckmayer. Er schrieb einmal, die wichtigste Voraussetzung für die Freundschaft sei: «…die Aufgeschlossenheit, das Weit-Offen-Sein der Herzen, auch für die flüchtige, vorübergehende, unscheinbare Zufälligkeit der Begegnung, und die Bereitschaft, davon gerührt… zu werden.»

Petra: Wir müssen aufmerksam durchs Leben gehen, mit dem Herzen offenbleiben, denn wir wissen nie, wann uns der nächste Freund im Leben begegnet.


Danke dir, liebe Petra, für das sehr aufschlussreiche Interview zum Thema Freundschaft.


Ich möchte mich mit folgendem Zitat von dir und unseren Gästen hier in der Bibliothek Buchs verabschieden:
«Une vie sans amis serait comme un jardin sans fleurs.»
Ein Leben ohne Freunde wäre wie ein Garten ohne Blumen.

Hinweis: Am 25. Januar 2023 um 19 Uhr wird Kuno Bont, freischaffender Filmemacher, aber auch Regisseur für Theater und Musical uns sein neues Filmdrehbuch vorstellen. Und Qultur darf ihm dazu ein paar Fragen stellen. Wir freuen uns schon sehr darauf.


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