Denken, warten und fasten
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Denken, warten und fasten

Denken

Unsere Gedanken sind nicht unkontrollierbar, im Gegenteil, Gedanken sind genauso kontrollierbar wie unsere Handlungen oder unsere Gefühle. Wir Menschen sind nicht unsere Gedanken. Wir stehen über unseren Gedanken. Wenn wir gesund leben wollen, können wir nicht jedem kleinen Gedanken in unserem Leben Bedeutung geben. Wir müssen lernen unsere Gedanken zu kontrollieren und sie loszulassen.


Nur indem wir sie versuchen loszulassen können wir sie wirklich kontrollieren. Nehmen wir folgendes Beispiel. Für die Umwelt ist es schädlich, wenn wir jedem Kaufimpuls nachgeben und uns unzählige neue Dinge anschaffen. Viele Dinge, welche wir erwerben, kaufen wir aus einem Impuls heraus. Indem wir bewusst nachdenken, was wir brauchen und was schierer Luxus ist, können wir das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Doch wie kontrolliert man die eigenen Gedanken? Wie lässt man die Verhaftung mit dem Äusseren los? Durch Konzentration auf den Atem, mittels Meditation und Atemübungen. Indem wir bewusst für längere Zeit auf unseren Atem achten und tief ein- und ausatmen, verschwinden die Gedanken im Nichts. Der Kopf wird leer, Stille herrscht, innere Ruhe strahlt durch Körper und Geist. Zeit in der Natur zu verbringen ist ebenso hilfreich sich wieder auf das Wesentliche, die Einzigartigkeit und Eigentümlichkeit des eigenen Wesens zu besinnen. Eine weitere Möglichkeit, um die Gedanken zur Ruhe zu bringen, ist indem wir uns in einen bequemen Stuhl setzen und nichts tun, nur die Gedanken zu beobachten. Manchmal wird das Verlangen zur Umsetzung eines Gedankens schier unerträglich, doch sollten wir in solchen Momenten nicht schwach werden, sondern standhaft bleiben wo wir sind. Nämlich im bequemen Stuhl unsere Gedanken beobachtend. Irgendwann wird einem bewusst wie absurd die eigenen Gedanken sind. Wir fragen uns vielleicht, weshalb wir darüber nachdenken? Was ist so wichtig an unseren Gedanken? Wäre es vielleicht nicht schöner nichts oder weniger zu denken und im Gegenzug mehr zu fühlen? Wie wäre es den Gefühlen und der Intuition mehr Vertrauen zu schenken? Doch mit den Gefühlen ist es ebenso wie mit den Gedanken, man darf sich ihnen nicht allzu sehr hingeben. Darf man schon, die Folgen sind eine Verhaftung mit den Gefühlen, was bedeutet, dass wir von unseren Gefühlen abhängig sind und unser Weltbild von unserer Gefühlslage abhängt. Wir können kaum in jeder Sekunde unseres Lebens tun, was sich gerade richtig anfühlt. Gefühle und Gedanken sind Nebenprodukte des Seins. Fühlen und Denken stehen nicht über dem Sein. Jeder Gedanke könnte unsere Laune trüben, jeder Impuls uns zu einem neuen Kauf bewegen. Es handelt sich vorwiegend um Selbstdisziplin, indem wir den Impulsen nicht nachgeben und uns durch bewusstes Denken und Warten und Fasten klarmachen, was wir wirklich wollen.


Sich Gedanken zu machen ist nicht per se schlecht. Die grössten Errungenschaften der Menschheit wurden durch Gedankenkraft erschaffen. Doch wer ständig über Sorgen und Ängste nachdenkt und an seinen Gedanken fast verzweifelt, hat das Prinzip des bewussten Nachdenkens nicht verstanden. Es geht darum die eigene Gedankenspirale zu beobachten und sich nicht mit den eigenen Gedanken zu identifizieren. Wer bewusst nachdenkt, kann seine Probleme lösen, kann seine Wünsche identifizieren und Wirklichkeit werden lassen. Wer nachdenkt, kann die Gefühle kontrollieren, kann mittels des Verstandes das Herz zur Ruhe bringen. Auch wenn wir alles verlieren, was wir an materiellem Besitz verfügen, so kann uns nichts und niemand die Schätze unseres Geistes nehmen. Indem wir den Gedanken zu viel Bedeutung beimessen, geben wir ihnen die Kraft unser Leben zu bestimmen. Wir werden zu besseren Menschen, indem wir dem gefühlsvollen Verlangen nach der Sucht nicht nachgeben, sondern standhaft bleiben. Wer bewusst nachdenkt und seine eigenen Gedanken bewusst hinterfragen kann, der kann ebenso warten und fasten. Natürlich ist es ein Wiederspruch in sich zu sagen, man solle den Gedanken nicht zu viel Bedeutung beimessen und trotzdem bewusst nachdenken, um die eigenen Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen. Doch erst indem man den Gedanken nicht zu viel Bedeutung beimisst, kann man erkennen, was man sich wirklich wünscht. Wer jedem kleinen Einfall nachgeht und das halbe Leben auf nebensächliche Einfälle verschwendet, wird die innersten Träume, Wünsche und Sehnsüchte niemals verwirklichen.


Warten

Weshalb ist es nützlich das Warten zu erlernen? Geduld ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines Menschen. Wer geduldig sein kann, der lässt sich durch wenige Dinge aus der Ruhe bringen. Der Geduldige hat keine Erwartung an die Zeit. Der Geduldige findet sich damit ab zu warten. Warten ist etwas Schönes, weil man entweder bewusst auf etwas Bestimmtes wartet ohne ungeduldig zu werden oder man wartet auf nichts. Durch dieses beinahe sinnfreie Warten, erlebt man eine bisher unbekannte Art von Bewusstsein. Auf nichts zu warten und trotzdem zu warten und nichts anderess zu tun als zu warten, eröffnet uns die Unendlichkeit des Lebens. Die Ewigkeit liegt im gegenwärtigen Moment. Während dem Warten versuchen Gedanken und Gefühle unsere Geduld herauszufordern. Wenn wir zulassen, dass einer unserer Gedanken oder Gefühle uns aus der Ruhe bringt, können wir durch bewusste Konzentration auf den Atem mittels Meditation oder Atemübungen den Fokus wieder auf das Warten richten. Das Leben soll kein Kampf gegen die eigenen Gedanken und Gefühle sein, nein es soll durch diese bereichert werden und dennoch gilt es sie im Zaum zu halten. Würden das Denken und das Fühlen das Zepter unseres Lebens in den Händen halten, so wären wir ihnen schutzlos ausgeliefert. Jeder Gedanke könnte unsere Laune trüben, jeder Impuls uns zu einem neuen Kauf bewegen. Es handelt sich vorwiegend um Selbstdisziplin, indem wir den Impulsen nicht nachgeben und uns durch bewusstes Denken und Warten und Fasten klarmachen, was wir wirklich wollen.

Das Warten hängt mit dem Denken und den Fasten zusammen, weil diese Lehre der Dreifaltigkeit ein Ganzes ist.


Fasten

Was ist fasten? Fasten ist die Enthaltung von Nahrung für Körper und Geist. Christen und Muslime fasten einmal im Jahr für einige Wochen. Sie reduzieren die Nahrung, welche sie in ihrem Körper beifügen. Das hat zur Folge, dass die Fastenzeit eine Zeit der Reflektion wird, da der Körper bei wenig Nahrung seine Funktionen zurückfährt, jeder Schritt etwas schwerer wird und die eigentliche Kraft sich in den Geist und das Herz zurückzieht. Das Fasten in Form von verminderter Nahrungsaufnahme, führt dazu, dass die Gedanken schärfer und konkreter werden. Der Kopf wird unruhig, deshalb gilt die Fastenzeit als Zeit der Reflektion. Aus unserem Ur-Hirn stammt der Impuls zu grösserer Hirnaktivität bei geringerer Nahrungszufuhr. Unser Körper schützt sich selbst, indem er uns bei Hunger häufiger ans Essen denken lässt. Diesen Gedankengang gilt es nicht zu unterdrücken, sondern vielmehr zu beachten und wieder nicht zu beachten. Lass ihn nicht zu sehr aus den Augen, damit er dich nicht in einem schwachen Augenblick ertappt. Wer wirkliches Fasten erleben will, muss den Geist ebenso fasten lassen wie den Körper. Dadurch, dass man während dem materiellen Fasten ebenso auf Bücher, Zeitungen, Filme und andere Unterhaltungsmittel verzichtet, muss sich der Geist nach Innen richten. Der Geist will sich unweigerlich mit etwas beschäftigen und da es einfacher ist, sich mit etwas Materiellem, wie einem Buch, zu beschäftigen, richten sich unsere Gedanken zuerst nach Aussen, bevor sie sich nach Innen kehren. Diese Zeit des Wartens gilt es zu überwinden. Indem wir während des Fastens geduldig genug sind, um nicht auf Äusserlichkeiten zu reagieren, werden wir irgendwann den Blick nach Innen richten.


Der Blick ins Innere unserer Seele offenbart unsere tiefsten Sehnsüchte. Ebenso erhalten wir einen direkten Einblick in unsere tiefsten Ängste und Sorgen. Durch diese Überwindung der Mauer, um vom Bewussten ins Unbewusste zu gelangen, erfahren wir, weshalb wir sind, wie wir sind. Wir pflegen viele unserer Gewohnheiten, Sorgen, Ängste und Wünsche unbewusst. Irgendwann im Leben haben wir uns entschlossen vor etwas Angst zu haben, sich um etwas zu sorgen oder uns etwas zu wünschen. Der Blick ins Innere offenbart uns die Gründe dafür. Das gibt uns die Chance die unbewussten Sorgen, Ängste und Wünsche nochmals bewusst zu überdenken und allenfalls zu ändern.


Ziel

Das Ziel dieser dreifaltigen Lehre des Denkens, Wartens und Fastens ist die Überwindung von Äusserlichkeiten, um zu lernen den Blick nach innen zu richten. Der Sinn besteht darin, bewusst zu leben, unbewusstes bewusst zu machen, geduldig mit sich selbst und allen anderen zu sein, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen durch eigene Gedanken und Gefühle oder durch die der anderen. Indem wir bei uns selbst sind, können wir lernen die Anforderungen der anderen an uns ausser Acht zu lassen und uns auf unsere innersten Wünsche besinnen und endlich für uns selbst mit uns selbst zu leben und daran zu gedeihen.


Wer sich nicht die Zeit nimmt, um auf sich achtzugeben, kann sich selbst nicht achten. Wer sich selbst nicht achtet, wird von niemandem geachtet.

Achte auf dich selbst, auf das, was du denkst,

Auf das, was du fühlst, auf das, was du tust,

Auf das, was du ungetan lässt.

Auf das, was du liebst, auf das was du ungeliebt lässt.

Nur wer sich auf sich achtet, kann sich achten.


Diese Kolumne ist ein Teil des Buches «Das Leben ist einfach». Das Buch ist im Qulturshop erhältlich.

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