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Der Anti-Oscar

Der «Golden Raspberry Award», kurz Razzie genannt und auf gut Deutsch «Die Goldene Himbeere», ist eine Art Gegenstück zum Oscar. Gekürt werden mit den «Razzies» die schlechtesten Filme, die miserabelsten Schauspieler oder das furchtbarste Drehbuch. Der Vorteil: Die Jury hat eine noch grössere Auswahl als beim Oscar.


Das Publikum wählt

Den «Razzie» als miesester Streifen 2020 beispielsweise erhielt «Cats», ein prominent besetztes und sehr aufwändig gemachtes Kino-Musical. Das Kultwerk mit der Musik von Andrew Lloyd Webber räumte gleich sechs Pokale ab: für den Film an sich, das Drehbuch, zwei Nebendarsteller, die mieseste Zweierpaarung und die Regie. Eine grosse Begründung für das Urteil gibt es bei den «Razzies» nie, was auch schwierig wäre. Denn die Jury ist ziemlich heterogen, sie besteht aus dem Publikum. Man muss sich nur (kostenpflichtig) als Mitglied registrieren und kann am Voting teilnehmen.


Wer nun glaubt, die Goldene Himbeere sei die perfekte Anleitung dafür, welche Filme man als Kinogänger vermeiden sollte, liegt möglicherweise falsch. Natürlich werden oft Streifen mit einem «Razzie» bedacht, die man wirklich nur mit Augenbinde und Musik auf den Kopfhörern erträgt. Oft aber stecken andere Überlegungen hinter der «Auszeichnung», und der Film ist durchaus sehenswert.


Vorlage nicht erreicht

So findet sich auf der Liste der «Gewinner» auch der eine oder andere Film, der längst Kultstatus hat und viel Geld einbrachte. «Shining» von Stanley Kubrick beispielsweise. Das ist, auch aus einigen Jahrzehnten Distanz, wirklich kein schlechter Film, und mit Sicherheit wurden 1980 noch weit schlimmere gedreht. Entsprechend kontrovers wurde die Entscheidung damals aufgenommen. In einer Art Rückschau rechtfertigen sich die Köpfe hinter dem «Razzie» dafür. Sie befanden, verglichen mit Stephen Kings Romanvorlage biete der Film einfach eindeutig zu wenig. Und damit haben sie wiederum recht. Sprich: Wer das Buch nicht kennt, mag das verfilmte «Shining» vermutlich durchaus, einen King-Fan packt vielleicht das Grauen.


Was Jahr für Jahr bei der Übergabe der Himbeere mit Spannung erwartet wird: Welche Stars holen sich ihren Negativpreis auch tatsächlich persönlich ab? Es war in all den Jahren nur eine Handvoll. Das hat vermutlich nur am Rande etwas mit dem vollen Terminkalender von Hollywoodstars zu tun. Ein «Razzie» ist in erster Linie nicht gerade imagefördernd. Andererseits zeigen die paar Gekürten, die dennoch auftauchten, Grösse. Halle Berry beispielsweise, abgestraft für ihre Rolle als «Catwoman» kam tatsächlich an die Verleihung und meinte dort lapidar: Wer einen Oscar entgegen nehme, müsse das auch beim «Razzie» tun.


21 Nominationen für Stallone

Filmfreunde sollten die «Razzies» zudem mit einem gewissen Humor sehen und etwas abstrahieren. Wenn Ethan Coen als Regisseur von «Holmes & Watson» den Preis als schlechtester Regisseur erhält (2019), so weiss dennoch jeder, dass er zusammen mit seinem Bruder Joel unterm Strich zum Besten gehört, was die Traumfabrik zu bieten hat.


Mehr Gedanken müssen sich wohl die machen, die fast jedes Jahr dabei sind. Sylvester Stallone wurde 21 Mal für einen «Razzie» nominiert. Was ihm als Trost dienen kann: Nach Jahren des Durchboxens (Rocky) und Durchballerns (Rambo) hat er im Alter als Schauspieler zu sich gefunden und den einen oder anderen wirklich einprägsamen Auftritt hingelegt. Und von seinem Anwesen mit vermutlich 30 Badezimmern aus kann man wohl auch eine saure Beere ziemlich gelassen schlucken.

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