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Der Familienrat in «Corona-Zeiten»
Bild/Illu/Video: Sandra Peters

Der Familienrat in «Corona-Zeiten»

Ich kann mir vorstellen, dass es für ganz viele Familien eine enorme Hilfe im Alltag sein kann, denn viele Familien stehen täglich vor den Fragen: Wer kocht heute was, wer geht einkaufen, wer darf zuerst ins Bad? Viele arbeiten derzeit im Homeoffice, Kinder haben ihre Hausaufgaben ohne Lehrkraft zu erledigen, manchmal mit nur einem PC. Daraus entstehen neue Fragen wie: Wer braucht wann und wo seinen Rückzug? Wann gibt es gemeinsame Zeit? Wann gibt es Spiel-, wann Lesezeit? Wer hat welchen Raum wann besetzt? Wie bekommen wir das für alle zufriedenstellend unter einen Hut? Hier braucht es Struktur und einen Plan, der variabel genug ist und gleichzeitig zum Ritual wird. Familienrat hilft an dieser Stelle, jeden Tag aufs Neue so zu gestalten, dass jeder individuell und alle gemeinsam das Tagesziel möglichst erreichen.


Da hilft uns der Familienrat. Seid ihr neugierig, was das ist, und wie der funktioniert? Dann will ich es euch hier mal erklären.


Was ist Familienrat?

Familienrat ist ein bewusst gestaltetes WIR mit deutlich strukturiertem Ablauf (Tagesordnung) und einem festen regelmäßigen Termin, normalerweise 1 x wöchentlich, in Corona-Zeiten wählen wir kürzere Abstände von 15-20 Minuten Dauer. Hier treffen sich Kinder und Eltern gemeinsam mit Themen, die alle betreffen.


Wie läuft das praktisch ab?

Wir suchen einen Termin, der für alle passt. Es gibt für alle eine Einladung. Die können kreativ gestaltet sein (malen, basteln oder persönlicher Brief…), um Neugier zu wecken. Wichtig ist eine angenehme Wohlfühlatmosphäre (Blumen, Kerze, etc.). Beginnen kann man mit dem Aussprechen und Hören einer Ermutigung, eines Kompliments, eines Lobes oder der Frage: «Was ist uns heute gut gelungen?» Dies verbessert sofort die Stimmung.


Es gibt zwei Ämter, die wechseln: Eine Person hat den Vorsitz und ist für alle sichtbar (Hut, Tuch, Ansteckbutton, kleine Glocke oder akustisches Signal). Sie achtet darauf, dass alle gehört und ernst genommen werden, kein Beitrag abgewertet wird, jeder ausreden darf, zuhört und wartet, bis er an der Reihe ist. Ein anderes Familienmitglied schreibt das Protokoll. Hier lohnt sich der Kauf eines schönen Heftes, das gemeinsam gestaltet werden kann. Jüngere Kinder malen gerne das Protokoll und die Erwachsenen schreiben daneben. Da es nur diese zwei Ämter gibt, ist der Familienrat auch für Alleinerziehende eine bewährte Form des gleichwertigen Miteinanders.


Lassen Sie sich für Ihren Familienrat anregen von Fragen, die kleine und große Menschen aktuell beschäftigen, etwa:


• Was weiß ich über das Virus? Wie geht es mir, wenn ich daran denke?

• Was wünsche ich mir von Papa, Mama, Bruder, Schwester?

• Was wünsche ich mir von der Politik (bei Jugendlichen)?

• Was vermisse und fürchte ich am meisten?

• Was ermöglicht uns das Virus?

• Was kann ich tun, damit es mir und anderen besser geht?

• Wie können wir als Familie unsere aktuelle Lage verbessern?


Der Austausch sowie das Teilen der Gedanken sind zentrale Elemente im Familienrat. Kinder beschäftigen Fragen wie: Warum darf ich meine Freunde nicht treffen? Warum darf ich nicht in den Kindergarten, die Schule? Warum soll ich eine Maske tragen, wenn ich rausgehe? Werden Kinder gleichwertig mit einbezogen, gibt ihnen dies Sicherheit und fördert Verständnis und Einsicht in notwendige Maßnahmen, etwa jetzt öfter mal die Hände zu waschen.


Es gilt: Der Familienrat ist keine Mecker-Runde! Es geht um Absprachen und Lösungsfindung. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie helfen wir uns gegenseitig in der aktuellen Situation?


Jeden Familienrat schliessen wir mit einer gemeinsamen Aktion ab, die allen Freude macht, zum Beispiel ein Lied, ein Spiel, etwas gemeinsam essen oder trinken.


Welche Chancen bietet der Familienrat Kindern und Erwachsenen?

Gleichwertiges Miteinander: Das Corona-Virus betrifft uns alle.


Eigenverantwortung: Jeder hält sich an den Plan und die Absprachen.


Empathie: Bedürfnisse von kleinen und großen Menschen erkennen, aussprechen, ernstnehmen und tolerieren.


Konfliktfähigkeit: Unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen. Gemeinsam Lösungen erarbeiten.


Teamfähigkeit: Aufgaben gemeinsam besprechen, altersentsprechend verteilen und ausführen.


Selbstvertrauen: Corona-Zeit gibt Erwachsenen und Kindern die Möglichkeit, sich intensiver mit den eigenen Stärken zu beschäftigen, indem sie Neues ausprobieren und Zeit zum Üben haben. Das Zutrauen und die Geduld der Erwachsenen helfen beim Entwickeln von Selbstvertrauen in bekannte und neue Fähigkeiten und Fertigkeiten.


Kommunikationsfähigkeit: Jede Idee ist es wert, ausgesprochen zu werden. Ein gutes Klima können wir schaffen durch Offenheit und über Fragen, wie:

• «Was meinst du dazu? Hast du noch einen Beitrag?»

• Keine Warum-Fragen stellen, diese können weder Kinder noch Erwachsene beantworten. Besser Fragen stellen wie: «Was machst du da? Was kannst du tun? Findest du das gut? Gibt es noch eine andere Möglichkeit?» und dann beobachten: Was passiert jetzt?

• Die anderen mit einbeziehen, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft: «Ich weiß nicht, was hier schiefläuft. Habt ihr eine Idee? Könnt ihr mir helfen?»

• Bei Schwierigkeiten einen Schnitt machen: «Stopp! Was passiert hier gerade? Wollt ihr noch mal darüber sprechen?»

• Beim Abweichen vom Thema: «Stopp, was willst du damit sagen?» Oder: «Kommen wir zum Thema zurück! Unser Thema ist...»

• Wenn man als Erwachsener ungeduldig wird, überlegen: Was stört mich an dem Kind oder Jugendlichen? Was könnte aber auch sonst noch dahinterstecken?

• Und wichtig! Abkühlen, bevor Sie reagieren!


Hier nochmals das Wichtigste, kompakt und anschaulich zusammengefasst:

F----->freundlich und fröhlich

A----->angenehm für alle

M----->Mut machend

I------>ideenreich und informativ

L----->lebendig und liebevoll

I------>intelligent und interessant

E----->einfühlsam und ehrlich

N----->nett und Neugier weckend

R----->reden ohne Reue

A----->attraktiv für alle

T----->tolles Team-Training


Wenn ihr jetzt auch Lust bekommen habt, so einen Familienrat in euren Alltag einzubauen, dann traut euch und probiert es einfach aus. Es hat keine unangenehmen Nebenwirkungen. Es macht Spaß! Einen kleinen Film dazu könnt ihr euch auch hier anschauen.  

Wer noch mehr darüber wissen möchte, findet hier noch mehr Informationen dazu.

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