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Der gefundene Schatz!
Bild/Illu/Video: Milena Rominger

Der gefundene Schatz!

Nach genauerer Schatzkartenbetrachtung finden sie die umliegenden Strassen und Wege, die von ihrem Haus weggehen. Darin sind Pfeile eingezeichnet. Typischer geht’s nicht. Mit den Augen verfolgen sie die Pfeile und entdecken am Ende des Weges ein dickes, fettes, rotes Kreuz.


Spätestens jetzt vermuten oder wissen sie gar, wo dieses Kreuz gemeint ist. Und sie fragen sich: Liegt da wirklich ein Schatz vergraben?


Nervenkitzel breitet sich in ihrem gesamten Körper aus. Sie müssen da hin! Aus reiner Neugier, sie müssen da hin. Und zwar sofort. Ihnen ist egal, ob sie jemand beobachtet, sich jemand ins Fäustchen lacht. Wer diese Karte gezeichnet hat, geschweige denn, ihnen in den Briefkastenschlitz gepfercht hat, spielt keine Rolle. Diese Karte ist für sie gedacht, für niemanden sonst. Wieso sonst, sollte ihr Haus darin eingezeichnet sein?


Mit Begleitung und Schaufel im Rucksack machen sie sich auf die abenteuerliche Suche. Sie sind willensstark und wissen ganz genau wo sie die Pfeile hinführen wollen. Die eingezeichneten Häuser und Ställe passen zur Realität. Sie können die Merkmale mühelos miteinander vergleichen.


Ihre Begleitung fragt des Öfteren: «Sind wir hier wirklich richtig? Bedeutet das nicht, dass wir geradeaus gehen müssen?»


Doch sie lassen sich von ihrer Begleitung nicht beirren und gehen beharrlich den eingezeichneten Weg weiter. Am Ziel angekommen suchen sie die Umgebung nach einem Kreuz ab. Ihre Begleitung hilft ihnen dabei, findet aber nichts. Sie sind sich sicher, dass das Kreuz genau an einer bestimmten Stelle ist, an der sie schon einmal waren. Noch einmal suchen sie die Stelle ab und finden es. Ein Kreuz aus Holzstöckchen.


Eine Aufregung bibbert durch ihre Magengegend. Sie haben es tatsächlich geschafft. Hier muss der Schatz vergraben sein!

Mit ihrer Schaufel graben sie und stossen sogleich auf ein kleines Schatzkistchen mit einer aufgeklebten, verwaschenen Weltkarte darauf. Ihre Augen leuchten. Sie schütteln das Kästchen sachte. Es ist etwas drin!


Alles was sie jetzt noch zu tun haben, ist das unverschlossene Kläppchen zu öffnen. Ihr Herz setzt für einen Augenblick aus. Der Schatz öffnet sich in ihren Händen. Darin liegen durcheinander Nüsse, Trauben, Zückerli, einen Fünfliber und ein winziges Traktörchen.

Aus lauter Freude springen sie auf, hüpfen auf dem weichen Waldboden, der mit Tannennadeln übersät ist. Was für ein Erlebnis! Glückselig spielen sie mit dem winzigen Traktor auf dem Boden, im Dreck, während sie eines der süssen Zückerli lutschen.


Lieber Leser, liebe Leserin.

Sie merken spätestens jetzt, dass sie bestimmt nicht mehr mit einem Traktor im Dreck spielen wollen, dass ihre Skepsis gegenüber dieser Schatzkarte von Anfang an grenzenlos war, dass sie sich fragten, was das Ganze soll. Bestimmt hätten sie sich nach dem Täter umgeschaut, der ihnen diese Karte zukommen liess. Vielleicht hätten sie sich nie auf dieses Abenteuer eingelassen, aus Angst heimlich verfolgt, gefilmt und ausgelacht zu werden. Sie hätten sich von ihren Begleitern sicherlich vom Weg abbringen lassen, denn wieso sollten sie der Einzige sein, der sich des Weges sicher ist? Schlussendlich hätten sie dieses kleine Abenteuer vielleicht niemals gewagt. Die Schatzkarte in den brennenden Ofen geworfen oder ins Altpapier gegeben. Der Schatz würde Tage-, Wochen-, Jahre später immer noch vergraben sein. Die Trauben gedörrt, den Nüssen geschieht wahrscheinlich nichts, vielleicht hätten sie die Eichhörnchen gefunden. Und der Traktor läge da, zum Spielen bereit.


Für ein Kind aber, ist diese Schatzkarte die absolute Realität. Ein Kind lässt zu, dass diese Karte für sich bestimmt war. Es nimmt das Kribbeln in sich wahr, die Aufregung auf der Suche. Diese gefestigte Sicherheit in sich, sich nicht vom Weg abbringen zu lassen, ist für das Kind allgegenwärtig.


Jetzt einem Kind ein solches Abenteuer zu ermöglichen ist noch nicht verboten. Ihm einen Schatz zu verstecken und seinen Alltag mit Freude zu versüssen und ganz nebenbei sein Selbstvertrauen zu stärken, sodass ein Erlebnis mit hohem Erinnerungswert entstehen kann.

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