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«Der Hypnotiseur»
Bild/Illu/Video: Milena Rominger

«Der Hypnotiseur»

«In meinem früheren Leben war ich ein Hänger.» Erzählte ihr dieser Mann mit den überschlagenen Beinen, während er über seine dünn gefasste Brille hinweg gespielt sorgenvoll in ihre Augen sah. Er fuhr fort: «Sie sollten sich also auf alles gefasst machen. So eine Rückführung kann ihr ganzes Leben verändern.» Der grosse, schlaksige Mann lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und atmete lange aus. So, als hätte er nun alles gesagt, als sei sie jetzt an der Reihe ihn zu fragen, was sie noch wissen wollte, bevor er zur Sache kam.


Sie tippte sich cool an die Nasenspitze, während sie vornübergebeugt auf dem anderen hellbraunen Ledersessel ihm gegenübersass. Ihre braunen, langen Haare zerzaust bis zu den Knien hingen. Ihr Blick starr auf den öden Teppichboden gerichtet. Wer bitteschön hatte heutzutage noch Teppichboden im Büro? Keine Sekunde ihres langen Überlegens wichen ihre Augen davon ab. Diese Cognacfarbenen Fusseln; als wären sie mit den Ledersesseln abgestimmt worden. Als stünden sie beide schon seit fünfzig Jahren genau so da. Blinzeln würde sie nur stören.


Nach etwa fünf Minuten quietschte sein Sessel abermals, als er sich zu ihr nach vorn beugte und ihren Blick suchte: «Haben Sie sich entschieden? Soll ich sie hypnotisieren?»

Von einer auf die andere Sekunde blickte sie auf, machte ihren Rücken gerade und sagte: «Ja. Ich muss es wissen.»

«Nun gut, dann beginnen wir.»

Sie wurde aufgefordert, es sich in diesem rumpligen Sessel bequem zu machen. An der Seite gab es einen Knopf, den sie betätigen konnte, damit die Rückenlehne nach hinten und die Fusslehne nach oben gebracht wurde. Wunderbar, dachte sie. Doch der Gedanke an die vielen Kopfläuse, die schon vor ihr auf diesem Sessel verweilt haben mussten, schauderte sie.


Er führte sie in eine Tiefenentspannung. Es funktionierte tatsächlich. Die Läuse liess sie hinter sich. Wortwörtlich. Vor einer halben Stunde noch, stand sie vor dem Eingang des Edinburgher Hypnosebüros, irgendwo in einem Hinterhof und lachte laut aus. «Zzzz, was tue ich hier eigentlich? Das funktioniert ja sowieso nicht. Na wenigstens bringe ich eine lustige Urlaubsanekdote mit nach Hause.»

Jetzt lag sie da und versuchte krampfhaft den schottischen Akzent zu verstehen, was ihr überraschenderweise mit jedem Wort leichter fiel, so als würde sie allein durch die Tiefenentspannung zur Schottin.

«Bei 10 steigen sie die erste Treppe hinunter. Bei neun achten sie auf ihre Umgebung. Wo steht die Treppe? Draussen, drinnen? Bei acht nehmen sie einen tiefen Atemzug…» Raunte der Hänger mit seiner hypnotischen Stimme. Er hatte die Perfekte dafür, das musste man ihm lassen.


Bei eins kam sie vor einer verschlossenen Tür an. Sie wurde aufgefordert, diese zu öffnen. Ihre Gedanken wurden derart weggefegt, dass sie sich nicht einmal mehr fragte, was sie wohl dahinter erwarten würde. Sie machte sie einfach auf.

«Was sehen sie?» Fragte der Hypnotiseur.

Sie musste sich erst einmal bewusstwerden, was es war. Doch es war eindeutig, ganz klar.


«Ich sehe ein weisses Gartentor. Umgeben mit blühenden Sträuchern und Blumen. Dahinter steht eine weisse Bank. Jemand sitzt darauf…»

«Wer sitzt darauf? Gehen sie auf die Person zu. Vielleicht können sie sich neben sie setzen.» Sagte der Hypnotiseur.

«Es ist…ich weiss es nicht. Eine junge Frau mit sehr dunklen Haaren.»

«Kennen sie diese Frau?»

«Ja, und nein.»

«Stellen sie sich vor, sie setzen sich jetzt neben diese Frau. So können sie ihr Gesicht sehen.»

«Sie lächelt mich an. Und sie hat ein leichtes Doppelkinn.»

«Jetzt fragen sie sie, wie sie heisst.»

«Mairi.»

«Und ihr Nachname?» Wollte der Hypnotiseur wissen.

Das Seltsame daran war, dass sie sich keinen Namen aussuchen musste, sondern der automatisch auf sie zugeflogen kam.

«McKenzie.»


«…mhm…was denn sonst…», raunte der Hypnotiseur vor sich hin, sodass sie es nicht hören konnte. Er schrieb sich den Namen und die Details auf, die sie ihm erzählte. Die junge Frau auf dem Ledersessel sprach von merkwürdigen Pflanzen, von ausländischen, riesengrossen grünen Blättergewächsen. Von einem Haus, das mitten in einem blühenden Garten stand, umringt von seltenen Rosenarten und Steinpflanzen. Sie konnte dem Hypnotiseur nicht nennen, wo sich dieser Garten befand, doch er hatte eine klare Vorstellung und holte sie aus der Hypnose.


«Drei, zwei und bei eins sind sie wieder bei vollem Bewusstsein.»

Und das war sie. Einen Moment brauchte sie, um wieder ganz bei sich anzukommen. Komisch war das Ganze. Irgendwie lächerlich.

«Jetzt habe ich mehr über diese Mairi erfahren, als über mich selbst. Sollte das der Zweck des Ganzen sein?» Fragte sie enttäuscht, ihr Blick schläfrig.

«Sie werden noch einiges über sich herausfinden. Ich bringe sie an diesen Ort.» Entschlossen erhob sich der schlaksige Mann aus dem weichen Sessel, welcher einen furzenden Ton von sich gab. Sie sah ihm verdutzt nach, als er sich zur Tür bewegte.

«Ich soll sie jetzt irgendwohin begleiten? Ich kenne sie doch gar nicht.»


«Wollen sie wissen, wer sie in den 1930er Jahren waren?»

Ihr Verdutzen wurde noch grösser.

«Machen sie das immer so?»

«Nein, ich kenne nicht jeden Ort der Welt. Aber den ihren könnte ich kennen. Ich bin mir sogar sehr sicher. Und zufälligerweise befinden sie sich schon im richtigen Land…das hat bestimmt etwas mit dem Unterbewusstsein zu tun…dass sie hier ihren Urlaub verbringen. Das kann kein Zufall sein...», murmelte er mehr an sein inneres Memo.

Über sechs Stunden später stand sie in genau diesem Garten, von dem sie geträumt hatte. Der Hypnotiseur weilte geduldig hinter ihr und beobachtete ihre Reaktion. Sie setzte sich auf die weisse Bank vor ihr, auf welcher gerade eben noch diese Mairi sass. Ihr Kopf machte eine seitliche Bewegung, so, als würde sie nachsehen ob Mairi sich zu ihr hinsetzte. Doch es kam niemand. Eine Weile sass sie da, zwischen Hypnose und Echtheit, der Hypnotiseur sah sich mittlerweile selbst im Garten um.


«Ich kann mich an etwas erinnern.» Sagte sie zu ihm und schritt selbstbewusst vor ihm durch diesen fremden Garten, tief hinein in den ausländischen Dschungel, der so fremd in dieser kargen, schottischen Landschaft war. Sie schob ein paar dicke Blätter zur Seite, während diese dem Hypnotiseur ins Gesicht spickten. Ihr war egal ob er ihr folgte oder nicht. Abrupt blieb sie stehen.

«Hinter diesem Baum steht ein Klavier.» Mit tellergrossen Pupillen umrundete sie den dicken Baumstamm und konnte es kaum fassen, dass es wirklich so war.

Hinter diesem Baum stand ein Klavier. Ein sehr altes, abgenutztes, verbrauchtes Klavier.

«Hier war ich Gärtnerin. Und Meisterin Mairi hatte ausgefallene Ideen. Die Dinnerpartys fanden hier statt.»

Sie setzte sich ans Klavier und blieb stumm sitzen. Der Hypnotiseur setzte sich neben sie und war erstaunt über diese Reinkarnation.

«Ich durfte selten diese Erfahrung mit meinen Kunden machen. Das hier ist einzigartig. Sie sind eine der wenigsten Menschen auf dieser Erde, die genau denselben Lebensort noch einmal wiederfinden.»

«Es ist wunderschön und beängstigend zugleich. Ich weiss nicht, ob ich jetzt für immer hierbleiben soll, oder in mein jetziges Leben zurück.» Sagte sie, den Blick aufs Klavier gerichtet.

Und der Hypnotiseur sagte: «Es spielt keine Rolle wie sie sich entscheiden. Das Wichtigste ist doch, dass sie keine Angst vor dem Tod haben müssen, sie werden immer wieder geboren.»      


   

























Mehr zur Autorin

Schon als Kind kitzelte es Milena unter den Fingern. Als Enkelin einer dorfbekannten Geschichtenerzählerin versuchte sie solche zu schreiben, und verwarf die handgeschriebenen Blätter leider immer wieder. Nach dreizehn Jahren im liebgewonnenen Rheintal und überall sonst auf dieser herrlichen Erde, nach mehreren Ausbildungen und Reisen, fand sie schliesslich zurück in ihre leuchtende Heimat wo sich ihr Kreis schliesst und sie sich neben der Kindererziehung als Ehefrau und Autorin versucht.

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