«Der interaktive Roman» Kapitel 1
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / Cascadas

«Der interaktive Roman» Kapitel 1

Kapitel 1:

«Ein biblischer Name in einer gottlosen Zeit.» Das ist es, was sich wohl seine Eltern gedacht haben müssen, als sie ihm den Namen Noah gaben, respektive ihn damit bestraften. Jedes Mal wenn er sich jemandem vorstellte, ging in seinem Kopf ein kleiner Countdown los, der dann von drei bis null zählte und dem Gegenüber somit die Möglichkeit gab irgendeinen blöden Kommentar dazu abzugeben. Anfangs fand Noah Sprüche wie «Wo ist deine Arche?» oder «Darf ich mit auf’s Schiff?» irgendwie noch witzig, aber irgendwann dann nach dem fünfhundertsten Mal war das Mass auch wirklich voll. Wirklich gläubig war Noah nicht und mit der Bibel konnte er auch nicht wirklich was anfangen. Es dünkte ihn immer, dass die Sätze dort drin, doch gar störend von irgendwelchen Zahlen unterbrochen würden. Auch die Bibelmenschen auf der Strasse irritierten ihn mehr, als dass sie ihm einen Zugang zur Materie verschafft hätten. Es war für ihn schwierig, die Emotionen, die der Glauben bei Menschen auslösen kann, richtig einzuordnen. Er hatte immer ein wenig das Gefühl, dass in diesem «Business» viele Scharlatane ihr Unwesen treiben und dass der Grat zwischen gläubigen Kirchgängern und Anhänger einer Sekte ein verdammt schmaler ist.


Falls ihn jemand gefragt hätte, wie er zu seinem Glauben stehe, hätte er wohl irgendwas davon gefaselt, dass er seinen Glauben sehr persönlich und für sich auslebe. In Wirklichkeit war es aber viel eher so, dass er sich nicht wirklich Gedanken um seinen Glauben machte und für Gebete, das Beichten und Gottesdienste schlicht und einfach keine Zeit fand. Die ganzen Fragen wären alle überhaupt kein Thema gewesen, wenn seine Eltern sich einen geläufigeren Namen ausgesucht hätten als den seinigen. Sie hätten ja beispielsweise «Peter» nehmen können. Das wäre irgendwie international und zugleich nicht mit einem christlichen Stempel besetzt gewesen. Doch wie er seine Eltern kannte, hätten sie sogar dies noch geschafft zu versauen und ihm den Namen «Petrus» gegeben.


«Herr Feldmann, kommen Sie bitte mit?»
Noah schreckte auf aus seinem Tagtraum und sah in das Gesicht der Empfangsdame. Es war ihm fast ein wenig peinlich, aber er konnte sich in diesem Moment nicht an ihren Namen erinnern. Er konnte auch sonst sehr schlecht Namen merken. Bei ihm war dies fast ein wenig so, wie wenn jemand unter einer Gesichtsblindheit leidet…. Gab es echt die Krankheit «Namenblindheit»?


Zum Teil stellte er sich neuen Bekanntschaften doppelt oder gar dreifach vor, um nochmals eine Chance auf die Nennung des Vornamens zu erhalten. Oft war es aber so, dass er einfach auf «Du» oder «Sie» umschaltete, da es ihm schlicht zu peinlich war, nach ein paar Monaten nochmals nachzufragen. Zu diesem mentalen Handicap gesellte sich in seinem speziellen Fall noch eine echte Gabe: Er konnte völlig belanglose Dinge, welche ein anderes Kind ihm vor 25 Jahren an den Kopf geworfen hatte, aus dem Stegreif rezitieren, hatte auf der anderen Seite aber erstaunlich Mühe damit sich an seinen vierstelligen Pincode zu erinnern.


Noah glaubte recht gut gebildet zu sein. Er las im Schnitt zwei Bücher pro Monat und konnte bei Diskussionen, auch wenn es um komplexe Sachverhalte ging, locker mitreden. Ja, er war überzeugt davon, dass er nicht dumm war. Aber hin und wieder überkam ihn die Angst, dass er bei wichtigen Dingen an einer Art Amnesie leiden könnte und ihm irgendwann die Kontrolle über sein Wissen komplett entgleiten könnte. «Diese Lücken im Gedächtnis sind zwar mühsam, man kann aber auch daran arbeiten.» Mit diesen Worten hatte ihn sein RAV-Verantwortlicher ermutigt, auch mal Schwäche einzugestehen und sich beispielsweise einen wichtigen Namen oder eine Zahlenkombination aufzuschreiben. Wie gut das zu funktionieren schien, zeigte sich dadurch, dass er sich in diesem Moment zwar nicht an den Namen seines Arbeitsvermittlers, dafür aber an eine Situation aus dem Jahre 2007 erinnern konnte. Damals arbeitete Noah bei der Hotline eines Telekomunternehmens gemeinsam mit einem kleinen, kahlköpfigen Italiener. Dieser Ausbildner, dessen Namen sich mit der Zeit in Luft aufgelöst hat, hatte die lustige Angewohnheit, dass er sich alle Passwörter und Logins auf Post-It-Zettel notierte und sie anschliessend an seinen Computerbildschirm klebte. Auf die Frage Noahs, warum er dies so handhabe, antwortete er, solche Dinge im Kopf zu behalten, sei ein reiner «Waste of memory». Vielleicht waren die ganzen Namen der oft schnell wechselnden Bekanntschaften auch reine Speicherverschwendung… Er musste doch auch Jahre später immer noch lächeln, als er an diese Konversation dachte. Was wohl aus diesem kurrligen Typen geworden ist? Arbeitet er echt immer noch dort in diesem Grossraumbüro? Dort wo Noah mal mit einem Umstecken von Internetkabeln für einen ganzen Tag für eine Stilllegung des Betriebs sorgte. Hätte er sich damals doch den richtigen Stock des Serverraums aufgeschrieben, wäre ihm wahrscheinlich einiger Ärger erspart geblieben. Das Unternehmen bei dem Noah unter anderem deswegen nur eineinhalb Jahre angestellt war, hatte jetzt doch schon längere Zeit kein «the next big thing» mehr an den Start gebracht und war in den Medien nur noch präsent, wenn es mal wieder eine gröbere Netzstörung gab. Es war auch für Grossfirmen reichlich schwierig geworden bei den schnellen technologischen Fortschritten und der Digitalisierung mitzuhalten. Fast täglich gab es Neuheiten, die den Alltag überfluten und irgendwie verspürte Noah Mitleid mit seinem alten Arbeitgeber. Denn wer nicht mehr ganz oben mitspielen kann, muss oft die Menschen ganz unten rausschmeissen, wie er es schon oft erlebt hatte.

«Herr Feldmann, können wir dann?»
«Äh, natürlich. Entschuldigen Sie…»

Antwortete Noah und biss sich gleichzeitig auf die Unterlippen. Er hatte es sich definitiv vorgenommen, dieses Mal ganz genau hinzuhören, wenn sich jemand vorstellt. Den Namen des eventuellen, zukünftigen Vorgesetzten hatte er sich vorsichtshalber auf der Innenfläche seiner Hand vermerkt, doch für das Merken des Namens der Empfangsdame waren die paar wenigen Sekunden vorhin doch zu knapp. Die Dame mit dem für ihr Alter definitiv etwas zu gewagten Ausschnitt schien nichts von seinem Namendilemma mitgekriegt zu haben und führte ihn vom Warteraum durch die Geschäftsräume.


Es war ein trostloses, ziemlich sanierungsbedürftiges Gebäude, das sie passierten und doch machte Noah sich über andere Dinge Gedanken. Jemandem zu folgen war seit der Coronapandemie zu einer echten Challenge geworden. Das Desinfektionsmittel schienen seinen Händen überhaupt nicht zu bekommen und auch sonst hatte er Mühe, die zwei Meter Sicherheitsabstand zu wahren. So eine Situation hatte die Menschheit wohl zum letzten Mal während des Krieges erlebt und eine gewisse Panik schien allgegenwärtig zu sein. Ein wenig Licht ins Dunkel brachten die Pressekonferenzen der Regierung, aber so richtig schlau wurde niemand aus dem ganzen Wirrwarr. Es lag eine Anspannung in der Luft und schwierig war es in dieser turbulenten Zeit auf jeden Fall arbeitssuchend zu sein. Definitiv würde es wohl auch kein Kinderspiel sein sich persönlich bei einer Firma vorzustellen. Einerseits sicher wegen den «Massnahmen», andererseits vielleicht auch, weil die Arbeitslosenquote dank dem grassierenden Virus absolute Rekordhöhe erreichte.


David Fritschi hatte eigentlich keine Lust auf Vorstellungsgespräche. Immer häufiger kam in letzter Zeit der Verwaltungsratspräsident auf ihn zu und er konnte dann wieder den ganzen Scheiss ausbaden, die sein Stellvertreter wieder mal verbockt hatte. Ursprünglich war er ja nicht mal aus der Branche und hatte auch kein ehrliches Interesse am Geschehen vorne im «Kindergarten». So nannte er das Treiben der «Pläuschler», die auf seinem Lohnblatt standen und mehr mit Surfen als mit Arbeiten im eigentlichen Sinn ihre Zeit todschlugen.


Sein Job war eine Sache, bei der man nicht gewinnen konnte. Auf der einen Seite war er gezwungen, Geld einzusparen, auf der anderen Seite schienen vor allem die alten und teuren Mitarbeiter mit ihren Sonderbehandlungen ihm noch die letzten Haare vom Kopf zu fressen. Ihm fehlte oft die Kraft und der Durchhaltewillen für stundenlange Diskussionen mit diesem faulen Pack. Immer kam der Vergleich zu früher und dass man hier schon immer so gearbeitet habe. Seine Optimierungsvorschläge stiessen auf taube Ohren und allzu lange würde er dieses Theater nicht mehr mitmachen. Er ging doch auch schon auf die 40 zu und wollte nicht noch einen Herzinfarkt riskieren. Sein Vater hatte damals in seinem Alter die Chance verpasst eine Umschulung zu wagen und brach dann auf der Baustelle zusammen. Ironischerweise passierte dies drei Monate vor seiner Pensionierung und es war wie ein Mittelfinger direkt vom System. Da arbeitest du ohne Unterbrüche fast 50 Jahre durch, zahlst jeden verdammten Monat deine Beiträge ein und am Schluss bleibt dir nichts ausser einem Stein mit deinem Namen drauf und eine schockierte Familie. Das Leben war definitiv kein Ponyhof, aber heimlich hatte er sich schon während der Arbeitszeit die Ausbildungsmöglichkeiten zu Gemüte geführt. Wenn nichts dazwischen kam, wie beispielsweise eine Schwangerschaft seiner Verlobten, könnte das Experiment Neustart beginnen und er wäre bald wieder raus aus diesem Affentheater.


Doch jetzt musste er wieder mal als Chaospräsident sein Zahnpastalächeln montieren und gute Miene zum Idiotenroulette machen. Irgendwie verwunderlich, dass sich immer wieder neue Menschen fanden, die vom Traum elektrisiert waren bei ihnen mitzumischen und die Welt zu verändern. Fritsch, wie ihn die meisten seiner Freunde nannten, hätte ja sein Geschäft mit ein paar hübschen Praktikantinnen aufgewertet. Auch wenn es ein wenig sexistisch war, wäre so zumindest visuell etwas gegangen. Es war trostlos und mühsam mit den alten Schabraken, die sich mit viel zu tiefen Ausschnitt versuchten bei ihm einzuschleimen und…


Es klopfte an seiner Tür.
«Ja! Herein»
«Herr Fritsche, der Bewerber Herr Feldmann wäre hier.»
Für ihre knapp 50 Jahre sah Frau Wolf doch noch relativ gut aus. Auch wenn sie jeden Tag wohl zwei bis drei Stunden vor dem Spiegel Optimierungen vornahm, schätzte David nicht nur ihr Äusseres, sondern auch ihre offene und unkomplizierte Art.  

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