«Der interaktive Roman» Kapitel 2
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

«Der interaktive Roman» Kapitel 2

Noah fragte sich die ganze Zeit, was er hier eigentlich tat und hätte gerne gewusst, welcher Spassvogel ihn auf diese Stelle beworben hatte. Er war es jedenfalls nicht gewesen, das wusste er. Bestimmt hatte ihn seine Mutter in diese unmögliche Situation gebracht und er, Vollidiot, hatte noch zu diesem Vorstellungsgespräch zugestimmt, als ihn dieser, wie auch immer er hiess, am Telefon gefragt hatte. An jenem Abend erzählte er seiner Mutter über das merkwürdige Gespräch und Hilde hatte danach die ganze Zeit nur gelächelt. Und er, Vollidiot, war natürlich darauf reingefallen. Er wohnte noch immer im Haus seiner Mutter, in einem kleinen Zimmer und bestimmt würde sie darin herumschnüffeln. Er musste sich an seinem Laptop ein neues Passwort zulegen, so konnte es nicht weitergehen. Vorhin, als er der viel zu aufdringlichen Sekretärin nachgelaufen war, hatte er sich das Grossraubüro angeschaut und nur ältere Mitarbeiter gesehen. Ehrlicherweise und das war auch der Grund gewesen, weshalb er diesem Termin zugestimmt hatte, hoffte er hier junge Frauen kennenzulernen. Die Sekretärin mit dem viel zu tiefen Ausschnitt öffnete eine Türe.  Sie hauchte: «Bitte, Herr Feldmann freut sich, sie kennenzulernen.»

Noah trat ins Büro ein und hinter einem riesigen, modernen Schreibtisch erhob sich ein kleiner, drahtiger Mann. Der Raum bestand hauptsächlich aus zwei grossen Fensterfronten, die einen atemberaubenden Blick über die Stadt ermöglichten.

«Guten Tag Herr Feldmann. Schön, dass sie den Weg zu uns gefunden haben.»


Noah stotterte und begann in seinem viel zu engen Anzug, der ihm noch vor ein paar Jahren wie angegossen gepasst hatte, zu schwitzen. «Ähh, es freut mich ebenfalls.»


Sein Gegenüber lächelte und kurz waren eine Reihe weisser, makelloser Zähne zu sehen gewesen. David Frischte wies mit seiner Hand auf eine schwarz gepolsterte Sitzgruppe.

«Nehmen sie doch Platz.»


Noah setzte sich vorsichtig auf das für ihn viel zu niedrige Sofa und spürte wie der Gurt gegen seinen Bauch drückte. Die beiden Hosenbeinenden zog es nach oben und seine weissen Socken wurden sichtbar. Verzweifelt versuchte er sich an den Namen das Mannes zu erinnern, der sich elegant, mit einer Mappe in der Hand, ihm gegenüber hinsetzte. Da er ziemlich schwitzige Hände bekam, war auch sein Spickzettel plötzlich verschwunden. Die Sekretärin betrat den Raum und servierte ihnen auf einem Tablett zwei Tassen Kaffee. Sie lächelte ihn etwas zu lange an und benötigte für die paar Meter zurück zur Türe eine gefühlte Ewigkeit.

Dann begann der Mann zu reden, er erzählte über die Firma, über die Gründerfamilie, über Meilensteine, über Zukunftsprojekte und dann fiel der Name, den Noah die ganze Zeit versucht hatte aus seiner Hand abzulesen.


David Fritsche war enttäuscht gewesen, als er Noah Feldmann zum ersten Mal die Hand schüttelte. Das Foto aus der Bewerbungsmappe musste zweifelslos schon einige Jahre alt sein. Feldmann hatte dünneres Haar und sichtbar ein paar Pfunde zugelegt. Er hatte das schon oft erlebt, dass Bewerber körperlich verändert zum Termin erschienen, doch er würde sich nichts anmerken lassen. Fritsche nahm sich vor, routiniert das Gespräch abzuhandeln und dann einen ruhigen Nachmittag am See zu verbringen. David lies die Bewerber, je nach Laune auf dem niedrigen Sofa Platz nehmen. Feldmann erwies sich dafür als ideales Opfer und so wie es aussah, wusste er weder etwas über die Firma, noch wie sein Name war. Er konnte nicht sagen, was ihm Spass daran bereitete, Menschen zu erniedrigen, aber bei diesem Noah Feldmann hat es ihm in den Fingern gejuckt. Nun sass er da, der Gurt drückte ihm in den Bauch und seine Wampe hing schlaff darüber. Er schwitzte und zu allem Übel trug er noch weisse Socken. David wusste nicht, was er davon halten sollte. Dann erschien Damaris Wolf mit dem Kaffee und er versuchte Blickkontakt mit ihr aufzunehmen, doch sie beachtete ihn nicht.


«So Herr Feldmann», hörte er sich sagen und dann flossen die einstudierten Wörter belanglos aus seinem Mund. «1843 wurde das Familien Unternehmen von Schorsch Hackel gegründet und nun sind wir in der Stadt, wenn nicht sogar in der ganzen Region, zum grössten und modernsten Fleisch Verarbeiter geworden. Bei «Hackel Fleisch» arbeiten über 300 Personen und wir verarbeiten über 100 Tonnen Frischfleisch jedes Jahr. Unsere Tiere werden schonend umgebracht. Mit unseren Produkten beliefern wir die ganze Welt.» Bei Welt machte er gewöhnlich einen Punkt und wartete die Reaktion seines Gegenübers ab. Doch von der anderen Seite kam nichts. «Ich freue mich sehr darüber, dass sie sich quasi als Einheimischer auf diese Stelle als «Aufsichtsperson am Förderband» beworben haben.» Nun stellte er zum ersten Mal eine Veränderung im Gesicht von Noah fest. «In dieser Produktionslinie werden wir den neuen Hackel-Riegel, zu 100% aus biologischem Misch-Fleisch herstellen!»


David registrierte, dass die Gesichtsfarbe von Noah jetzt ins weiss tendierte, doch noch hielt sich dieser Feldmann wacker. Er nahm ein Schluck Kaffee und stellte danach ein paar belanglose Fragen. Dann machte er sich Notizen auf einem Block, die er nie mehr lesen würde. Nun kam er an den Punkt, an dem er sich erhob und feierlich fragte: «Wollen sie die Produktionsanlagen sehen?» Zu seiner Freude nickte Feldmann schwach. David begleitete ihn zu Frau Wolf, die vor der Türe an ihrem Schreibtisch, schwerfällig auf der Tastatur herumhackte. Fritsche wandte sich direkt an sie und fragte mit gespielter Freundlichkeit: «Liebe Damaris, wärst du so gut und zeigst unserem Bewerber den Schlachthof?»


Damaris Wolf gab sich redlich Mühe in ihrem Job, der zwar schlecht bezahlt war, ihr aber dennoch ermöglichte, die Studiengebühren ihrer beiden Söhne zu bezahlen. Die Söhne waren aus zwei kurzen und fürchterlichen Ehen entstanden und es grenzte an ein Wunder, dass sie es im Leben so weit gebracht haben. Damaris hatte ihr gutes Aussehen von ihrer Mutter geerbt und den Charakter von ihrem Vater. Sie konnte sich nicht erklären, weshalb sie seit der Sekundarschule von einer Affäre in die andere rutschte. Anfangs brachte sie Paare auseinander, später ruinierte sie Ehen. In all den Jahren liess sie sich treiben, liess sich teuer beschenken und wurde an die schönsten Orte dieser Welt eingeladen. Es war schleichend gekommen und nun schien ihr Zauber langsam zu versiegen. Nur Karl aus der Buchhaltung, warf ihr hin und wieder verstohlen einen Blick zu. Sie richtete sich auf und schob ihre Brüste zurecht. Noch durfte sie wählerisch sein. Die Türe öffnete sich und der kleine Giftzwerg, wie sie ihn heimlich nannte, kam mit dem Bewerber auf sie zu. Sie lächelte und wusste, dass es nicht mehr lange dauern und ein junges Ding hier sitzen würde, mit den gleichen Plänen, wie sie es gehabt hatte. Sie würde dann die einsamen Tage mit einer Flasche Whisky verbringen, mit einer Zigarette im Mund auf den Postboten warten und den 80-jährigen Nachbar verführen. Natürlich hatte sie genickt, als Frischte sie viel zu höflich gefragt hat, ob sie dem Bewerber den Schlachthof zeigen möchte. Was hätte sie anderes tun sollen? Sie graute sich vor dem Schlachthof. Die Männer dort waren furchtbare Rüpel mit den immer gleichen, dummen Sprüchen. Auf die sie mit immer gleicher, überraschter Miene reagierte.


Sie setzten sich in einen kleinen, knall rosarot gefärbten und mit dunkel rot «Hackel-Fleisch» beschriebenen Fiat Panda.  Noah Feldmann gefiel ihr und wenn sie ein paar Jahre jünger gewesen wäre, dann hätte sie mit ihm offen geflirtet. Damaris fuhr durch die Stadt und noch schien ihr Beifahrer sehr zurückhaltend zu sein. Auch ein paar lockere Sprüche holten ihn nicht aus der Reserve. Auf dem grossen Hackel-Betriebsareal standen zwei LKW's. Ein Chauffeur in grünen Gummistiefel trieb eine Gruppe Schweine durch ein mit Gitter eingezäunten Weg. Die Schweine verschwanden im Inneren der Fabrik und würden diese erst wieder abgepackt in kleinen Schalen verlassen. Bei diesem Witz mussten die meisten Bewerber lachen, nicht so dieser Feldmann. Damaris stieg aus. Über dem Platz hing ein merkwürdiger Geruch. Sie hasste diesen Geruch und auch Feldmann schien ihn nicht zu mögen. Sie betraten durch einen Hintereingang das Gebäude und befanden sich in einem Umkleideraum. Damaris holte aus einem Kasten zwei weisse Ganzkörperanzüge und stülpte ihm eine Haube über den Kopf. Zum ersten Mal grinste Feldmann, als sich gegenseitig betrachteten. Dann öffnete Damaris eine schwere Türe und sie betraten eine grosse Halle, in der ein fürchterlicher Lärm herrschte. Überall standen Menschen an Förderbändern. Hubstapler brachten Paletten und brausten mit Kisten davon. «Dort werden sie arbeiten!» schrie Damaris und zeigte auf ein Förderband, dass mit Nummer drei angeschrieben war. «An den Förderbändern arbeiten nur Frauen, aber sie können nicht mit ihnen sprechen, da die meisten kein Deutsch verstehen.» Es war das erste Mal, dass sie Noah Feldmann strahlen sah.

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