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«Der interaktive Roman» Kapitel 3
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

«Der interaktive Roman» Kapitel 3

Bahira Sabia hatte schlecht geschlafen in der letzten Nacht. Die Bilder vom Krieg und ihrer Flucht hatten sie wieder einmal eingeholt und immer wieder aufschrecken lassen. «Auch wenn hier in der Schweiz Frieden ist, fühlen sich diese Träume unheimlich realistisch und so nah an.», hatte sie es bei der letzten Sitzung ihrer Psychologin erzählt. Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass die Botschaft durch ihren starken Akzent nicht so wirklich angekommen konnte und verstanden wurde. Allgemein empfand sie die deutsche Sprache als eine wahnsinnig komplexe, die sie wohl nie wirklich beherrschen würde. In ihrer Heimat Syrien war sie eine angesehene junge Frau, die viel für die Jugend auf die Beine stellte und der eine grossartige Zukunft bevorstand. Doch hier in der Schweiz fühlte sie sich oft irgendwie hilflos und wegen der Sprachbarriere auch irgendwie dumm.


Als der Bürgerkrieg 2011 ausbrach, verschwand nicht nur alle Normalität, auch ihre Jugend war auf einen Schlag vorbei. Über fast fünf Jahre hinweg hatte ihr Vater Saad damals bei allen Bekannten Geld gesammelt, um ihr eine Flucht ins gelobte Land Schweiz zu ermöglichen. Als älteste Tochter musste sie ihm dabei versprechen, zu verschwinden ohne auch nur ein einziges Mal zurückzublicken. Dass dies mit vier Geschwistern nicht gerade ein Kinderspiel sein würde, war ihr aber schon vor ihrer Flucht klar. Doch dass diese Bilder sie über Jahre hinweg immer wieder in der Nacht jagen würden, war selbst für eine starke Frau wie sie zu viel.

Es war eine Nacht- und Nebelaktion ihre fast 3700 Kilometer lange Flucht. Es lief ihr heute noch kalt den Rücken runter, wenn sie an diese zweiwöchige Odysee dachte. Eingepfercht auf engstem Raum in einem ranzigen alten Lastwagen mit anderen Glücksuchenden, war wohl nicht die Reise, für die ihr Vater jegliche Bekannten und Verwandten bekniet hatte… Doch alles schien ihr besser als jede Nacht von Explosionen geweckt zu werden und in ständiger Angst vor dem Tod zu leben.


Als sie dann in der Schweiz an einer Autobahnraststätte «abgeliefert» wurde, war sie nicht nur ausgehungert und extrem durstig, sondern auch noch ziemlich verloren. Bahira erinnerte sich nicht wirklich gerne zurück, da sie als selbstständige Frau immer schon sehr viel Mühe mit dem Annehmen von der Hilfe anderer hatte. Doch im Nachhinein gesehen, war die Familie Bühler definitiv zum richtigen Zeitpunkt da und Bahira, die sich mit Händen und Füssen und ohne einen einzigen Brocken Deutsch verständigen musste, unglaublich dankbar für deren grosszügige Unterstützung. Das netten beiden Eltern Thomas und Ursina mit ihrem Kleinkind Raphael hatten sie damals in ihrem Minivan mitgenommen, ihr Essen und Getränke gegeben und sie zu den richtigen Menschen beim Amt gebracht. Kaum vorstellbar, was passiert wäre, wenn sie damals von einem Zuhälter oder Drogendealern aufgegabelt worden wäre…


Seit dieser nervenaufreibenden Flucht waren jetzt auch schon wieder drei Jahre durch das Land gezogen. Für Bahira fühlte es sich aber eher so an, als wäre sie gestern noch mitten in Nawa zum Himmelfahrtskommando aufgebrochen und hätte neben dem bleichen Jungen auf dem harten LKW-Boden Platz genommen.  


So richtig warm wurde sie bisher mit der Bevölkerung ihres Exils nicht. Es schien für sie einfach unverständlich, wie man in einem so sicheren Staat wie der Schweiz nicht ständig mit einem Lächeln auf dem Gesicht durch die Gegend schlendert. Viele Schweizerinnen und Schweizer jammerten für sie auf hohem Niveau, denn kaum jemand musste bisher für die eigene Sicherheit und Freiheit in der Schweiz kämpfen. Zusätzlich sahen viele sie als Nutzniesserin an, da sie das Sozialsystem in der «Eidgenossenschaft» missbrauche. Allgemein war Bahira schockiert von der Fremdenfeindlichkeit, die ihr nicht nur auf sozialen Medien, sondern auch draussen auf der Strasse entgegenschlug.  Ein wenig schmunzeln musste sie aber schon, als die gleichen Menschen, welche sie sonst denunzierend über sie ausliessen, die gleichen Menschen waren, welchen der Lockdown während der Corona-Pandemie ziemlich nahe ging. Die Dummheit der Menschen schien grenzenlos zu sein, dachte sie sich, als sie ein paar Zitate von Demonstrationen dazu im TV sah.


Bahira hatte grosses Interesse daran sich rasch zu integrieren und die zweite Chance, die das Schicksal für sie bereithielt nicht zu vergeuden. Sie gab immer 150 Prozent, um ihre Dankbarkeit auszudrücken und um möglichst rasch selber für sich sorgen zu können. Auch wenn sie selbst vor zwei Jahren, nicht nur aus ethischen, sondern auch finanziellen Gründen Vegetarierin geworden war, unterschrieb sie beim grössten Fleischfabrikanten «Hackel Fleisch» ihren ersten Arbeitsvertrag. 15 Franken pro Stunde erhielt sie pro Stunde für den Job. Das erschien ihr als ziemlich viel Geld, bis sie realisierte, wie viel hier im Paradies normale Dinge wie Essen oder auch das Wohnen kosten. Doch sie jammerte nicht. Es war auch einfach nicht ihre Art. Das Leben hatte ihr eine zweite Chance geschenkt und anderen ging es sicher dreckiger. Bahira wusste, wenn sie mehr Geld brauchen würde, müsste sie einfach mehr arbeiten.


Aus diesem Grund hatte sie neben dem Job am Fliessband noch ein Amt bei der Post als Zeitungszustellerin angenommen und half ab und zu in der Oase im Service aus. Sie glaubte, wer wirklich arbeiten will, findet vor allem in der Schweiz immer was. Doch sie spürte schon auch, dass viele Schweizer sich nicht unbedingt gerne die Hände schmutzig machten und die Knochen- und Drecksjobs gerne Immigranten wie ihr überliessen.  

Auch wenig Verständnis hatte die Heimwehgeplagte für die Schweizer Karrieregeilheit und die Hierarchien, welche in gewissen Firmen praktiziert wurden. Es erschien ihr fast ein wenig so, als würde ein Schweizer nur solange seinen Beruf mit Freude und motiviert ausüben, bis er endlich eine Beförderung und somit eine Streicheleinheit für sein Ego bekäme. Sie mochte den Big Boss Fritsche sehr, aber mit dem Chef der Fleischerei, Herr Rieder hatte sie doch ein wenig ihre Mühe. Kein Wunder wurden im Wochentakt neue Stellen bei ihnen ausgeschrieben, wenn dieses Arschloch wie eine Wildsau durch die Firma sauste und alle fertigmachte. Selbst den netten Aufseher hatte der Typ verscheucht, obwohl dieser gerade mal zwei Wochen bei ihnen war und einen sehr anständigen Eindruck machte. Bahira wusste nicht, wieso man so ein Verhalten toleriert, aber Rieder war anscheinend ziemlich gut mit der Gründerfamilie befreundet, weshalb er sich wohl mehr Dinge erlauben konnte als andere.


Im Pausenraum hatte sie aufgeschnappt, dass ihnen in Kürze ein neuer Aufseher gestellt werde, was Bahira freudig stimmte. Trotz dem Umstand, dass sie dank ihren drei Stellen ständig bei den Leuten war, fühlte sie sich nämlich hin und wieder ziemlich einsam. Für Datingplattformen wie Tinder war sie sich einfach zu schade und auch sonst hielt sie sich fern von der digitalen Scheinwelt. Sie verstand das voyeuristische Verhalten der Menschen nicht, die sich gegenseitig irgendwelche Phantasiewelten voller Reichtum vorspielten und gleichzeitig zu Hause jeden Rappen drei Mal umdrehen mussten. Sie liebte den Geschmack des echten Lebens und der direkten Begegnung mit anderen Menschen. Hätte sie mehr Zeit neben dem Arbeiten zur Verfügung würde sie in der heutigen Zeit auf jeden Fall ihr Liebesglück in der Realität suchen und nicht im Internet.


Ausprobiert hatte sie das ganze moderne Zeugs natürlich schon, doch ihre Erfahrungen mit Datingapps endeten zumeist in einem Desaster. Einmal lernte sie einen Typen kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebte. Alles schien perfekt zu sein, denn er versprach ihr das Blaue vom Himmel. Er faselte was von Familie, Kindern und Eigenheim, wollte letztendlich aber trotzdem nur eine schnelle Nummer mit ihr und liess sie alleine zurück in ihrer kleinen Wohnung. Nach diesem ersten schlimmen Erlebnis ohne Happy End wollte sie es besser machen, verliebte sich nur ein bisschen, doch auch beim zweiten Versuch schien der Wurm drin zu sein. Der etwas ältere Schweizer, mit dem sie sich traf, war nämlich bereits verheiratet und wollte bei ihr bloss ein wenig Druck ablassen. Auch wenn sie als Frau durchaus auch ihre Bedürfnisse hatte, war ihr schon immer klar, dass sie sich für niemanden prostituieren wollte. Da konnte er sich noch so häufig in die teuersten Restaurants der Stadt einladen.  


Sie empfand ihre digitale Abwesenheit nicht als fehlend und falls sie sich irgendwann eine andere Meinung bilden sollte, könnte sie ja jederzeit wieder ein neues Profil anlegen. Doch im Moment stimmte es so für sie. Sie hatte ja einen Laptop mit dem sie hin und wieder mit ihrer Cousine Mara über Skype kommunizierte. Ihr Vater Saad hatte ihr verboten zurückzublicken und doch versuchte sie so wenigstens ein bisschen was aus ihrer alten Heimat zu erfahren. Sie konnte sich vorstellen, dass ihr Vater wohl ausgerastet wäre, wenn er erfahren hätte, dass sie auf diese Weise an Updates kam und sich nicht an die Abmachung hielt… Aber es war eben auch so, dass ihr ihre jüngeren Geschwister unheimlich fehlten und sie so wenigstens sicher gehen konnte, dass es ihnen gut geht. Durch diesen Kontakt konnte sie auf Umwegen ihren drei Schwester und dem jüngsten Bruder Geld zu kommen lassen, ohne dass ihr Papa Wind davon bekommen hätte. Wie gerne hätte sie direkt mit ihnen kommuniziert, doch die Regeln waren von Anfang an klar abgesteckt.


«… und das ist Frau Bahira.», hörte sie Damaris Wolf sagen, als sie leicht genervt vom Fliessband aufschaute und der dummen Sekretärin zum dreissigsten Mal erklärte:
«Sabia ist mein Nachname, nicht Bahira…»

«Oh, das tut mir jetzt aber leid.», erwiderte die blöde Kuh flapsig, die meist recht herablassend mit ihnen umging und immer wie ein Popstar durch die Fabrik stolzierte. Auch heute hatte sie wieder ein Parfüm aufgelegt, welches die Kühe zum Rennen gebracht hätte, wenn sie nicht schon tot wären. Doch heute brachte sie das nicht aus dem Konzept, vielmehr war es Noah, welcher ihr den Atem raubte und in dessen blauen Augen sie zu versinken begann.

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