«Der interaktive Roman» Kapitel 4
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

«Der interaktive Roman» Kapitel 4

Damaris Wolf betrat mit Noah das kleine, fensterlose Büro vom Chef der Fleischerei. Marcel Rieder war ein übergewichtiger, glanzköpfiger Mann Ende vierzig und besass eine gewaltige Stimme. Er sass hinter seinem Schreibtisch und schien gerade eine Wurst verdrückt zu haben, denn ein Fleischkrümel klebte noch immer in seinem Mundwinkel. Er machte keine Anstalten sich zu erheben und streckte Noah etwas unbeholfen seine Wurstfinger entgegen. «Wir pfeifen hier auf Corona», empfing er den Bewerber lautstark, dann lachte er schallend. «Sie wollen also bei uns arbeiten?» Damaris hatte Angst, er würde Noah, noch bevor dieser antworten konnte, glatt verschlingen. Ihre Augen glitten über den schwitzenden Koloss hinweg und betrachteten das grosse, eingerahmte Familienfoto der Hackels hinter ihm.


Auf dem Bild waren unzählige Menschen abgelichtet worden und jedes Mal, wenn sie hier stand, wurde ihr bewusst, wie gross die Gründerfamilie Hackel eigentlich war. Obwohl Rieder die dünnen Wände mit seiner Stimme zum Wackeln brachte, waren ihre Gedanken an einem ganz anderen Ort. Ihr Netzwerk, dass sie sich innerhalb des Verwaltungsrates mit kleineren Affären aufgebaut hatte, würde sich bald ausbezahlen. Nicht mehr lange und ihr ältester Sohn würde sein Studium beendet haben. Dann würde sie ein paar Fäden ziehen, Fritsche, diesen faulen Personalchef aus der Firma werfen lassen und ihren Sohn Jean-Marc auf den Posten hieven. Sie lächelte und Rieder's Redeschwall versiegte.

«Wieso lachst du so dumm? Währendem ich vom Schlachten der Tiere rede?» blaffte Rieder sie an. Damaris erwachte aus ihrem Tagtraum und blickte verstohlen zu Noah hinüber. Dieser schien von diesem Menschfresser kaum beeindruckt zu sein und sie dachte, er müsse bestimmt irgendwelche geistige Defizite haben. Sonst würde man das hier, bestimmt nicht ohne bleibende Schäden verkraften. Damaris starrte wieder das Foto an. Betrachtet die Menschen, die sich als der Fotograf den Auslöser gedrückt hatte, irgendwo lächelnd auf einer Wiese befunden haben mussten. Sie wusste, wie zerrstritten die Familie Hackel untereinander war und sah sich bereits in einigen Jahren, in Mitten dieser wohlhabenden Leute stehen. Bald schon, dafür würde sie schon sorgen, würden ihre Söhne eine der hübschen Hackel-Töchtern heiraten. Für was habe ich denn unter grossen Schmerzen, zwei Söhne geboren? Die letzten Worte hatte sie dummerweise laut ausgesprochen und erneut sah sie Rieder aus zusammengekniffen Augenschlitzen an. «Natürlich ist schlachten immer mit Schmerzen verbunden. Was dachtest du denn?» Damaris zuckte zusammen. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, Noah konnte ihr für ihre Pläne noch nützlich sein.


Marcel Rieder hatte sich erhoben und donnerte schwerfällig aus dem Büro. Draussen in der Halle schrie er willkürlich ein paar Mitarbeiter an und bewegte sich auf eines der Förderbänder zu. Überall wichen die Menschen beiseite, Noah und Damaris folgten ihm wie durch eine Gasse. Rieder drehte sich zu ihnen um. «Wenn du einen Fehler machst, das heisst, die Bestellungen vertauscht oder Lieferungen nicht Zeitgerecht bereitstellst. Dann werde ich dir persönlich den Kopf abbeissen!» Schaum hatte sich ums Maul von Rieder gebildet. Damaris wurde es plötzlich zu viel und sie hatte genug von diesem Theater. Breitbeinig stellte sie sich vor den schwitzenden Berg.


«Vorhin als wir auf den Platz gefahren sind, habe ich zwei Militante Tierschützer vor dem Tor herumschleichen sehen.»

Rieder's Augen weiteten sich und dann brüllte er los «Na warte, die kommen mir gerade recht!»


Alles schien in Bewegung. Noch nie hatte sich Noah in einem solch rauen Umfeld aufgehalten. Völlig perplex und kaum fähig zu einer Reaktion, wurde er von einem Ort zum anderen geschoben. Der üble Gestank in der Halle, der Lärm und all die Menschen, die wie Kegel davonstoben, wenn dieser Koloss, wie auch immer er hiess, sich durch die Halle pflügte, dann sah er nur diese schwitzende Dampflokomotive vor sich und glaubte, dessen schrecklichen Mundgeruch einzuatmen. Hier konnte er nicht arbeiten. Alles in ihm schrie -  Hau ab!

 

«Bleib stehen!» Die Stimme schien weit weg zu sein und wurde immer energischer. «Stopp!»

Plötzlich packte ihn eine starke Hand an der Schulter und riss ihn zur Seite. Rieder's Maul bewegte sich und sein Rachen war dabei weit aufgerissen. Doch er konnte ihn nicht hören.

«Bist du wahnsinnig geworden!» Schrie ihn dieser an. «Nur noch ein Meter und dein Arm wäre in den Fleischwolf geraten.»


Noah stand an einem Tisch aus Stahl und blickte in einige, ihm fremde Gesichter. Aus welchem Grund auch immer, er war zu nahe an die Maschine geraten, in dem sich unzählige kleine Messer, in einem grossen, offenen Kolben drehten. Eine junge Frau mit Mundschutz und Haube, lächelte ihn aus dunklen Augen an. Noah lächelte zurück. Verzerrt nahm er Damaris Wolf's schrille Stimme war, die nun mit Rieder zu streiten schien. Wie benommen beobachtete er die junge Frau. Die routiniert und mit sanften Bewegungen, ein Stück rohes Fleisch an diesem riesigen Fleischwolf, durch einen Trichter presste. «Weiter vorne stellen sie aus dieser Masse eine Wurst her.» Rief sie ihm zu und er glaubte, einen leichten Akzent herausgehört zu haben. Dann geschah es, er konnte sich erinnern, ihr Name war Sabia.

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