«Der interaktive Roman» Kapitel 5
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

«Der interaktive Roman» Kapitel 5

«Wenn du es hier schaffst, schaffst du es überall.» hatte seine Mutter zu ihm gesagt. Doch Noah merkte schnell, dass der Spruch in dieser Firma wohl eher «Wenn du es hier schaffst, hast du es überall sonst schon verbockt.» heissen sollte.


Er dachte häufig zurück an den Frühling 2020 und sein «Comeback» auf dem Arbeitsmarkt. Irgendwie komisch, dass gerade er, der definitiv zwei linke Hände hatte und sich schon beim Vorstellungsgespräch selbst in Gefahr gebracht hatte, doch noch angestellt wurde. So richtig angefreundet hatte er sich mit der Arbeit in der Fleischerei nicht. Der Geruch von Blut verschwand nicht aus seinen Händen, egal wie viel er sie wusch und desinfizierte und auch sonst war die Stimmung im Team eher schlecht. In Pausengesprächen hatte er bei den meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen melancholischen Unterton vernommen, auch wenn er die fremden Sprachen nur lückenhaft verstand. Es fühlte sich so an, als wären alle ständig auf der Suche nach einem anderen Job, doch wegen der Pandemie blieben trotzdem alle dem Fleischriesen treu, auch wenn es im Juni nochmals eine Runde Kurzarbeit gab. Es war schon ein spezielles Jahr gewesen bisher. Noah wurde zu einer Zeit angestellt, als alle noch Witze über Corona machten und niemand die Pandemie wirklich ernst nahm. Auch hatten sie zu Beginn in der Firma viel Arbeit, da sie einen Grossteil ihres Fleisches für die Gastronomie veredeln. Noah kam jeweils fast die Galle hoch, wenn er daran dachte, dass man in seiner Branche vom «Veredeln» sprach, aber gleichzeitig im Blut von toten Tieren stocherte. Ja, so richtig befriedigend war die Arbeit nicht und er dachte jeweils auf dem Weg ans  Rollband, dass dies wohl der «Boulevard of broken dreams» sein musste, von welchem die Band Green Day jeweils sang. Trotz als den mühsamen Seiten und dass er mit seinem Schweizerdeutsch in der Firma als Sprachenminderheit galt, gab es in seinem Alltag durchaus auch ein paar kleine Lichtblicke.

 
Es war sicher damals im ersten Moment der Anblick der schönen Sabia, die ihn dazu bewegte, sein Schicksal selbst in die Hände zu nehmen und endlich unabhängig zu werden. Nicht nur wegen ihren mystischen Augen hatte er hier unterschrieben, irgendwie war es auch cool, endlich wieder mal sein eigener Chef zu sein. Auch wenn Noah sich in vielen Belangen in seiner Kindheit als frühreif bezeichnet hatte, war es doch der Ernst des Lebens, welcher ihm lange Schwierigkeiten bereitet hatte. Als andere in seinem Alter schon eine Familie gründeten, sass er noch bei seinen Eltern zu Hause und schaute fern. «Erstaunlich, wie lang er dafür brauchte, endlich die Kurve zu kriegen.», betonte auch seine Tante Regula, die regelmässig bei ihnen daheim anrief. Allgemein hatte seine Verwandtschaft die dumme Angewohnheit ständig in seinem Leben rumzustochern und ihm irgendwelche Optimierungstipps mit auf den Weg geben zu wollen. Schwierig... Noah nahm das Leben eben lange ein wenig auf die leichte Schulter, aber es war bei ihm ein wenig wie bei einem Raucher. Dieser hört auch erst mit dem Schloten auf, wenn es in seinem eigenen Kopf klick macht, er erkennt, welches Unheil er seinem Körper damit antut. Seit seinem Start bei Hackel im Februar hatte sich vieles zum Positiven gewandelt und Noah hatte sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Dazu gehörte unter anderem, dass er endlich in seine eigenen vier Wände zog.  


Auch wenn Ende Juni nicht der typische Zeitpunkt zum Zügeln ist, hatte Noah sich dazu entschieden eine eigene Wohnung anzumieten. Wie er an diesem Wochenende bemerkte, war er nicht der Einzige, der diese Idee hatte und die Strassen waren voll mit grossen Autos, Anhängern und Bussen. Corona hatte schon alles in diesem Jahr auf den Kopf gestellt und man konnte nicht einmal mehr auf die gängigen Zügeltermine vertrauen… Obwohl die ganze Wirtschaft und auch viele im privaten Bereich wahnsinnig verunsichert waren, hielt er es für eine gute Entscheidung das eigene Nest zu verlassen und endlich ein Leben nach seinem eigenen Gusto zu gestalten. Er hatte gut budgetiert und nebenbei einige wundervolle Stücke aus dem Brockenhaus ergattert, die bei Innenarchitekten wahrscheinlich für tosenden Applaus gesorgt hätten. Noah war happy mit seiner 2,5-Zimmer-Wohnung freute sich schon sehr darauf, seinen heimlichen Schwarm Sabia zur Einweihungsparty einzuladen. Er gestaltete dafür eine A4-Seite mit einer Einladung und hing sie im Pausenraum an die Wand.

Auch wenn er nun schon ein paar Monate praktisch jeden Tag neben ihr mit Maske am Rollband stand, so richtig getraut hatte Noah sich noch nicht sie anzusprechen. Viel zu gross war die Verunsicherung von ihr abgewiesen zu werden… Aber Mitte Juli würde es endlich soweit sein und bei seinem «Heimspiel» würde es definitiv zu mehr kommen, als zu ein wenig Smalltalk, welchen der fiese Chef Rieder jeweils sofort zu unterbinden wusste. Auch wenn er auf die Einladung geschrieben hatte, dass er alle bei sich willkommen heisst, ein klein wenig hoffte er schon darauf, dass niemand ausser Sabia an diesem Freitag konnte und sich die Homeparty zu einem Rendezvous entwickeln könnte. Jetzt ging es im Moment vor allem darum, einen kühlen Kopf zu bewahren und darauf zu hoffen, dass sich seine Angebetete möglichst rasch anmelden würde. Wie sie dies wohl machen würde? Er hatte schon nachgeschaut, respektive sie auch ein wenig gestalkt, aber online war Sabia Bahira wirklich wie ein Gespenst. Kein Facebook, kein Instagram, nix… Es gab nichts von ihr und ab und zu hatte Noah fast ein wenig Angst, dass es sich bei ihr lediglich um eine Fata Morgana handelte oder er nächstens aus einem jahrelangen Koma erwachen würde. Er war da schon ein wenig anders digital vertreten und hatte kürzlich sogar noch Tik Tok entdeckt, wo es wahnsinnig viele dumme Videos zum Entdecken gab. Doch auch diese halfen nicht dabei, seine Nervosität vor ihrer Zu- oder Absage zu verstecken.


Mit zittrigen Händen und butterweichen Knien stand er nach der morgendlichen Pause wieder neben sie ans Laufband. Sabia drehte sich zu ihm, zögerte nicht lange und sagte:
«Was darf ich am Freitag mitbringen? Ich würde sehr gerne bei deiner Einweihungsparty dabei sein.»


Noah fiel in diesen Sekunden nicht nur ein Stein so gross wie der Mount Everest vom Herzen, sein Herz rutschte ihm im gleichen Moment auch noch in die Hose. Völlig überrascht brachte er nur noch «Ein Dessert wäre irgendwie cool.» heraus.

«Oh, du wirst mein Tiramisu lieben.», antwortete Sabia keck und Noah dachte sich dabei, wenn sie doch bloss wüsste, wie wahnsinnig verschossen ich in sie bin…

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