«Der interaktive Roman» Kapitel 6
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

«Der interaktive Roman» Kapitel 6

Sie musste suchen, doch schliesslich fand sie den grauen Wohnblock am Rande der Stadt. Sabia blickte der tristen Hausfassade hoch, die ab dem 13. Stockwerk im Nebel verschwand. Vor der Eingangstüre spielten ein paar Kinder. Dahinter sassen ihre Mütter auf der Steintreppe und riefen ihnen etwas zu. Sie konnte ihre Sprache verstehen und ein Gefühl der Wärme stieg in ihr hoch. In ihren Händen hielt sie ein rundes Kuchenblech. Sie hatte einen Haris gemacht. Eine Syrische Spezialität. Zitronengriesskuchen. Langsam ging sie auf die Eingangstüre zu. Sabia stieg der vertraute Geruch des Haris in die Nase. Sie grüsste die Frauen in ihrer alten Sprache. Die Frauen lächelten. Sabia dachte an Noah und nahm die Männer vor der Briefkastenanlage nur gedankenverschwommen war. Sie freute sich auf den Abend. Noah gefiel ihr. Weshalb konnte sie nicht sagen. Wahrscheinlich war es seine Verlorenheit, die sie interessant an ihm fand.


«Sabia? Bist es du wirklich?»

Sie blieb stehen und starte in das Gesicht eines alten Mannes. Sabia brauchte einen Moment, bis sie begriff, wer vor ihr stand. Es war der älteste Bruder ihres Vaters Saad.

«Adil! Was machst du in der Schweiz?»

Er lächelte und in diesem Moment bemerkte sie hinter ihm, einen jungen Mann.

«Wir mussten fliehen, wie unser ganzes Volk. Es ist eine Tragödie!»

Sabia spürte eine wachsende Unruhe in ihr aufsteigen. Diese Begegnung hätte nicht stattfinden dürfen. «Welche ein Glück, das ihr euch in die Schweiz retten konntet.»

Das Gesicht von Adil verfinsterte sich. «Dein Vater sagte uns. Du wärst auf der Flucht gestorben.»

«Eine Flucht in ein fernes Land ist immer riskant.», antwortet sie und schob hastig nach. «Es hat mich gefreut, dich wieder getroffen zu haben, aber der Besuch wartet und ich möchte nicht zu spät kommen.» Sie hatte eben die Eingangstüre erreicht, als sie die die Stimme von Adil hinter sich hörte. «Komm uns besuchen, wir würden uns sehr freuen.» Sie drehte sich rasch um, wollte etwas sagen. Der junge Mann hob die Hand und sah sie ernst an. «Ich glaube, dein Verlobter Cebrail lebt auch in der Schweiz.» Als sie begriff, was der junge Mann soeben gesagt hatte, überkam sie eine grosse Angst. Ihre Hände klammerten sich an dem Kuchenblech. «Die Zeiten sind nicht einfach» antwortet sie schwach und schob die Eingangstüre auf. Mit Tränen in den Augen wartete sie auf den Lift. Sie dachte an ihre Eltern, an ihre Geschwister, die sie seit ihrer Flucht nie mehr gesehen hatte. Sie hörte ein Lied, aus einer vergangenen Zeit. «Nie mehr zurückblicken» hatte ihr Vater damals gesagt und dann war sie in das wartende Auto gestiegen. Sie hatte Angst gehabt vor der Flucht. Doch die Angst vor Cebrail war noch viel grösser gewesen. Für einen kurzen Moment wurde es ihr schwindlig. Sie war vor ihm davongelaufen und nun schien alles zusammenzubrechen, was sie sich hier mühsam aufgebaut hatte.

«Sabia! Geht es dir nicht gut?» Rosa, eine kleine temperamentvolle Portugiesin sah sie besorgt an und hielt sie am Arm fest. Sie arbeitete ebenfalls in der Fleischfabrik und musterte sie mit ihren grossen, braunen Augen.

«Die Woche war lang. Komm jetzt feiern wir!», sagte Sabia.

Rosa lächelte. «Genau, das sollten wir tun!»

Damaris Wolf sass hinter ihrem Schreibtisch und betrachtete den Flyer, den dieser Noah anlässlich seiner Wohnungseinweihung, überall in der Firma verteilt hatte. Nicht im Traum würde sie da hin gehen. In diesen niederen Kreisen wollte sie sich nicht mehr zeigen. Doch eine Idee hatte Gestalt angenommen und nun würde sie diese in die Tat umsetzen. Feldmann, ihr Vorgesetzter hatte bereits seit einer Stunde das Büro verlassen. Sie wusste, dass er eine Geliebte hatte und später würde er bei diesem Noah aufkreuzen. Das war sein Alibi. Doch er hatte nicht an Damaris Wolf gedacht. Die Zeiten waren voller Viren. Auch in der Fleischfabrik herrschten strenge Hygienemassnamen. Sie lächelte vor sich hin, dann hob sie den Hörer ab und wählte eine Nummer.  


Sabia beobachtete Noah, der etwas unbeholfen seine Gäste begrüsste. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass so viele aus der Firma aufkreuzen würden. Ein Gemisch aus fremden Stimmen hing in der Luft. Sie sass auf der Fensterbank und blickte hinunter auf den Platz. Die Kinder waren verschwunden. Adil lebte wie sie hier in der Stadt und bald würde es auch Cebrail erfahren. Ihr ehemaliger Verlobter. Noah kam gerade aus einem Zimmer und lächelte sie an. Die Wohnung war klein und mit einfachen Möbeln bestückt, die etwas planlos platziert worden waren. Eine Frau würde Noah guttun, dachte sie. Doch sie wusste, ihre Zeit in dieser Stadt war abgelaufen.


Rosa kicherte gerade über einen Witz von Carlos, als die Wohnungstür aufging und Feldmann in den Flur trat. Sie war erstaunt und gleichzeitig viel ihr auf, dass sich Feldmanns Krawattenknopf etwas gelockert hatte. Das war ihr, an ihm noch nie aufgefallen. Noah begrüsste Feldmann und schien etwas Lustiges gesagt zu haben, beide lachten. Nun wusste sie, weshalb ihr der Krawattenknopf aufgefallen war. Sie dachte an ihre Studentenzeit zurück. Die zahllosen Affären der Studentinnen mit den Lehrern über die Mittagspause. Die losen Krawattenknöpfe nach der Mittagspause.

Noah hob sein Weinglas. Die Stimmen verstummten. Noah blickte sie kurz an. Dann wollte er etwas sagen. In diesem Augenblick ging die Wohnungstür auf und drei Männer in weissen Ganzkörperanzügen zwängten sich in den winzigen Flur. Sie trugen blaue Atemschutzmasken und grosse, gläserne Brillen. Der Kleinste rief etwas von Corona und plötzlich brach grosse Hektik aus.

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