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«Der sparsame Junggeselle»
Bild/Illu/Video: Sandra Peters

«Der sparsame Junggeselle»

Einst teilte ich mir eine Wohnung mit einem Optiker. Der Mann hiess Louis. Er war 25 Jahre alt, ich hatte ihn nie nach seinem genauen Geburtsdatum gefragt, und arbeitete in einer der angesehensten Firmen der Stadt. Er bezog ein überdurchschnittliches Gehalt von rund achttausend Schweizer Franken. Zu dieser Zeit konnte man locker mit zweitausend Franken im Monat leben. Eine Sache machte den jungen Mann einzigartig: seine Sparsamkeit und der Grund warum er so sparsam war.


Am besten beginne ich dort, wo seine Sparsamkeit noch nachvollziehbar klingt, wobei man bedenken muss, dass das was ich noch für plausibel halte, für andere vollkommen unverständlich ist. Er besass weder einen mobilen Untersatz noch fuhr er mit dem Zug oder dem Bus zur Arbeit. Stets ging er die zwanzig Minuten Arbeitsweg zu Fuss durch die Innenstadt. Als ich ihn einmal fragte weshalb er das tat, meinte er um den Geldbeutel zu schonen und um sich mehr zu bewegen. Obwohl er einen Beruf ausführte, bei dem er viel stand und selten sass, hatte er doch die Auffassung er bewege sich zu wenig. Der junge Mann war ein sportlicher Typ, der gern in der Freizeit wanderte, manchmal joggte und im Sommer oft im Zürichsee oder der Limmat badete. Er badete natürlich nur dort, wo er keinen Eintritt bezahlen musste.


Desweiteren besass er weder eine Regenjacke noch einen Schirm und wenn es einmal regnete, dann wurde er auf seinem Arbeitsweg klatschnass. Ob ihm das nichts ausmache, hatte ich ihn einmal an einem regnerischen Tag gefragt. Er verneinte mit der Begründung nass zu werden sei etwas ganz Natürliches und da er für solche Fälle stets Ersatzkleidung in der Firma deponiert hatte, spielte es keine Rolle, sollte er nass bei der Arbeit erscheinen.


Unsere Wohnung besass zwei Schlafzimmer und einen Gemeinschaftsraum, der mit der Küche verbunden war. Das Bad befand sich in einem Winkel angrenzend zum Balkon. Um zu dokumentieren wie und warum mein Wohngenosse so sparsam war, lege ich alles offen. Nun da er nicht mehr unter uns weilt, wird es ihn sicherlich nicht stören. Ich hoffe es zumindest.


Die Miete kostete monatlich rund 1200 CHF, wovon ich 700 CHF bezahlte. Warum er weniger bezahlte? Ganz einfach, weil er mich mit nachvollziehbaren Gründen konfrontierte und ich keine Einwände erheben konnte. Welche das waren, daran mag ich mich nicht mehr erinnern.


Auf jeden Fall war es eine günstige Wohnung in einem zentralen Gebiet gelegen. Unsere Kosten für das Essen betrugen im Monat 400 CHF, die wir uns zu gleichen Stücken teilten. Mein Kollege ass stets alle Mahlzeiten zuhause und nie auswärts. Das war eine seiner Grundregeln. Obwohl eigentlich er ganz eindeutig der war, welcher mehr zuhause ass, hatte ich seinen Einwänden, warum er eben nicht mehr bezahlen solle nachgegeben.


Ich ass regelmässig auswärts und verschwendete mein Geld, wie er mir häufig unterstellte.


Louis las sehr viel, und doch besass er keines der Bücher Eine Strasse von unserer Wohnung entfernt, befand sich eine grosse Bibliothek mit fast allen Büchern, die er las. Wenn er einmal das gewünschte Buch nicht fand, lief er bis ans andere Ende der Stadt und suchte in der dortigen Bibliothek danach.


Louis war ein sehr gelassener Mensch, der sich nie durch etwas betrüben liess oder wütend wurde. Nie fuhr er aus der Haut, auch wenn man ihn noch so sehr provozierte.


Nun komme ich zu dem unglaublichen ja gar fantastischen Teil der Geschichte. Als wir einzogen, hatte er lediglich einen einzigen Bananenkarton dabei. Darin befanden sich einige wenige Kleidungsstücke, sein Notizbuch, ein Umschlag mit Dokumenten, ein paar Wanderschuhe, eine Hängematte, eine Leselampe und einen Feldstecher. Über mehrere Wochen hinweg kaufte er eine Matratze (vorher hatte er auf dem Fussboden geschlafen) und einen Lesesessel. Zum Schluss erwarb er einen Holzstuhl sowie einen kleinen Tisch an dem er Texte verfasste und Notizen niederschrieb.


Wo er nach dem Einzug seine wenigen Habseligkeiten aufbewahrte? Im Bananenkarton, den er für den Umzug gebraucht hatte. Neben alledem könnte man meinen Louis sei der grösste Geizhals und Pfennigfuchser der Welt. Nun ja, zugegeben seine Sparsamkeit sticht hervor. Bei besonderen Anlässen und Geburtstagen hatte er allerdings stets die schönsten Geschenke dabei. Als ich meinen 30. Geburtstag feierte, schenkte er mir 10 Flaschen von meinem Lieblingswein.


Doch warum war Louis so sparsam und gab nur an besonderen Tagen Geld aus? Was war sein Ziel? – Er wollte im Alter von 30 Jahren nicht mehr auf einen Job angewiesen sein. Einmal erzählte er mir, dass er seit sechs Jahren, seit er 19 Jahre alt war so viel Geld wie nur möglich sparte. Wie viel er habe? Knapp einen Drittel von einer Million bunkerte Louis zu diesen Zeiten. Ich staunte nicht schlecht. Wer konnte schon von sich behaupten in so kurzer Zeit so viel Geld beiseitegelegt zu haben. Dabei war Louis nie unglücklich und sehnte sich nie nach Dingen, nur nach Freiheit und Unabhängigkeit von dem gesellschaftlichen System.


Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits 32 Jahre alt, immer noch ledig und besass nicht einmal genug Ersparnisse für 3 Monate ohne Lohn. Warum er das mache, fragte ich ihn immer wieder. Eben, um mit 30 in Rente gehen zu können. Er wollte tun was ihm gefiel.

Ob ihm sein Job nicht gefiel? – Doch, aber 45 Jahre im gleichen Job zu arbeiten möchte er nicht.


Wie viel brauche er für die verfrühte Rente? – Etwas mehr als eine Million.

Wie lange er im Ruhestand bleiben möchte? – Das ganze Leben lang.

Was er im Ruhestand mache? – Zu arbeiten was ihm gefalle und so viele Bücher lesen zu können wie im beliebe. Er denke auch daran ein Buch zu schreiben. Und die Welt wolle er unbedingt sehen.

Ich war erstaunt über seine Pläne. Ich war keineswegs eifersüchtig, aber schon etwas verlegen, nicht über einen solchen Lebensplan zu verfügen.


Eines Abends im Winter sassen wir beisammen am Tisch und speisten gemeinsam, da platzte es aus mir heraus. «Wie viel kannst du eigentlich pro Monat beiseitelegen?», fragte ich Louis nach langem hin und her überlegen und mehrmaligem Zurückkommen in Gedanken auf diese Frage. Völlig gelassen legte er sein Besteck beiseite und sah mir fest in die Augen. Ob ich mir sicher sei, das wissen zu wollen, fragte er mich. Ich beharrte auf meiner Frage und so zweigte er mir nach Beendigung des Essens eine Auflistung der Ausgaben und Einnahmen des letzten Monats.


Ich staunte, meine ohnehin schon hohen Erwartungen wurden übertroffen. An jenem Abend, als ich mich zu Bett legte, dachte ich über meine eigenen Finanzen nach. Mir wurde bewusst, dass ich im Ernstfall und bei einer Kündigung des Jobs nicht lange würde mit den Ersparnissen leben können. Mein Lebensstil raubte mir mein Geld. Am nächsten Morgen bei Frühstück bat ich Louis um Tipps für mich.


Folgendes notierte ich an jenem Tag:

- Auto verkaufen, mit Bus zur Arbeit fahren. Besser: mit Fahrrad oder zu Fuss zur Arbeit gehen

- Rauchen aufgeben, stattdessen mehr Sport in der Natur treiben

- Mehr lesen, weniger ins Kino und in Restaurants gehen

- Besitz verkaufen und in kleinere Wohnung ziehen


Ich nahm mir seine Tipps zu Herzen und setzte sie über die folgenden Wochen hinweg einer nach dem anderen um. Ich begann damit meinen über die Jahre angesammelten Krempel über Ebay zu verkaufen und verdiente einiges Geld dabei. Als nächstes verkaufte ich mein Auto und gewöhnte mir das Rauchen ab. Zu dieser Zeit konnte ich bereits einen Fünftel meines Einkommens sparen. Im Vergleich zu Louis‘ 80-85% ein Witz. Doch ich war stolz auf mich und hatte nach einem halben Jahr bereits über dreissig Tausend Franken beisammen. Später zogen wir um. Als wir umzogen bemerkte ich, dass ich nur noch drei Bananenschachteln mit meinem gesamten Besitz füllen konnte. Louis hatte eine… Es war ein regelrechter Wettbewerb, wer mit weniger auskam. Vorteile eines Lebens mit wenig Besitz, keinen Lastern und viel Ersparnissen: Es gibt einem eine enorme Freiheit.


Nun zum Schluss komme ich nochmals auf etwas zurück, das ich zu Beginn des Texts geschrieben hatte: Louis verschwand auf mysteriöse Weise drei Jahre nach seinem Ausstieg aus der Arbeitswelt bei einer Himalaja-Bergbesteigung. Ich glaubte nie an seinen Tod. Irgendwann – etwa ein halbes Jahr nach seinem vermeintlichen Ableben erhielt ich einen Brief aus Ecuador. Er stammte von meinem guten Freund Louis. Darin erklärte er mir sein Verschwinden, um eine neue Form der Freiheit zu entdecken, und dass er seit Neustem wie ein Robinson alleine auf einer Insel wohnte.

Eine Woche darauf erhielt ich eine Zahlung von 200‘000 CHF auf mein Bankkonto mit der Bemerkung «es geht auch mit weniger».

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