5 Buuchgfuehl 5 CDC
«Die alte Dame und der Tod»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Die alte Dame und der Tod»

Wie viel Hoffnung ist erlaubt im Epizentrum einer Katastrophe? Darf man an sich an Wunder klammern - oder muss man es vielleicht sogar?


Federica wusste nicht mehr, wie lange sie ihren Körper schon stummgeschaltet hatte. Es war, als hätte sie sich selbst in eine Maschine verwandelt, als wäre sie eins geworden mit den Geräten um sie herum, die mit ihren regelmäßigen Atemgeräuschen und monotonen Piepen den Takt des Lebens vorgaben. Ebenso mechanisch machte auch sie ihre Arbeit: Sie überprüfte, intubierte, schrieb, gab Anweisungen, intubierte, schrieb und prüfte.

Etwas riss sie aus ihrem Tunnelblick. Eine Hand auf ihrer Schulter. Sie drehte sich um, langsam und ungläubig denn hier drinnen durfte es keinen Körperkontakt geben, das war jenseits des Möglichen.

Als Federicas Blick den Arm, der zu der Hand gehörte, hinunterwanderte, er über Schulter und Hals bis zum Gesicht glitt, brauchte sie einen Moment um zu verstehen, um welches Wesen es sich handelte. Hinter der Schutzkleidung, dem Mundschutz und der Brille war es schwer, noch menschliche Züge zu erkennen. Doch nach ein paar Sekunden merkte sie, dass sie ihrem Chefarztkollegen Dr. Alessandro Mancini gegenüberstand.


«Du solltest nach Hause gehen», sagte er. Alessandro war ein Mann mit einer aussergewöhnlichen Sanftheit und natürlichen Autorität. Aber jetzt ergaben seine Worte keinen Sinn. Zuhause konnte sie nicht versorgen, beatmen, retten. Zuhause gab es keine Patienten. Zuhause gab es kein Covid 19.

«Du arbeitest seit 24 Stunden», sagte er «du musst dich ausruhen.» Langsam drangen seine Worte zu ihr durch. Die zeitliche Absurdität dieses Krankenhauses hatte sich über sie hergemacht. Sie hatte einen ganzen Tag lang gearbeitet. Eine Cola, ein Snickers und zwei Toilettengänge waren alles, was sie ihrem eigenen Körper gegeben hatte, während sie unentwegt damit beschäftigt war anderen Körpern zu geben, was sie am dringendsten brauchten: Sauerstoff.

Sie blickte sich um. Dies war nicht die Intensivstation aber überall um sie herum lagen Menschen, die mit dem Tod rangen. Sie wurden an Maschinen angeschlossen, die den Takt des Luftholens vorgaben und jeden gesunden Menschen um den Verstand brachten, weil es neben diesen Geräuschen unmöglich war, noch dem eigenen Atemrhythmus zu folgen. Bisher hatte es Federica geschafft, alle Neuankömmlinge mit Luft zu versorgen aber sie betete, dass die Stunde nicht kommen würde, an denen es mehr Patienten als Beatmungsgeräte gab. Sie betete zu Gott.


Sie sah ihren Kollegen wieder an und nickte. Es war an der Zeit, die Signale ihres Körpers wieder auf laut zu stellen. Aber dann rollte ein weiteres Bett hinein, auf dem eine alte Dame lag. Ihre letzte Kranke für heute, versprach sich Federica selbst und ging hinüber zu ihrer neuen Patientin. Es fühlte sich an wie ein Alptraum, in dem sie immer wieder denselben Satz las. Fieber, Husten, Atembeschwerden – Verdacht auf Covid 19.


Auch in diesem Fall war es nicht anders. Dieselben Symptome aus der Hölle. Federica blickte von der Anamnese hoch auf das Geburtsdatum und stockte. Zuerst glaubte sie an einen Fehler. Da stand es eindeutig: Geburtsjahr 1917. Die Patientin hatte gerade ihren 103. Geburtstag gefeiert.


Federica begann mit derselben Prozedur, die nun schon seit über einer Woche ihr Leben bestimmte. Ihr Gehörgang schmerzte als sie das Stethoskop hineindrückte. Zu oft hatte sie genau diese Bewegung ausgeführt. Es war ein Schmerz der Abnutzung, der ihr signalisierte, dass sie ihre Ohren, ihre Hände und ihre Augen bis zur Überlastungsgrenze getrieben hatte.


Der Atem der Frau ging flach, aber gleichmässig. Allgemein schien der Zustand ihrer Lungen stabil. Zumindest wenn man bedachte, dass dieses Atemorgan schon seit über einem Jahrhundert zuverlässig Sauerstoff in die Blutbahn leitete. Wie viele Atemzüge hatte diese Lunge schon ausgeführt? Milliarden. Federica fragte sich, ob dieses Leben, das so viel gesehen hatte in diesem Krankenhaus enden würde.


Sie entschied, dass es vertretbar war, der Dame nur ein mobiles Sauerstoffgerät zur Verfügung zu stellen. Wahrscheinlich hätte man ihr mit einem Schlauch in der Luftröhre mehr Schaden als Nutzen zugefügt.


Für Federica war dieser endlos lange Tag vorbei. Es würde weitere endlos lange Tage geben, da war sie sich sicher. Aber jetzt gerade brauchte sie Schlaf.


Sie gab Dr. Mancini ein Zeichen in Richtung Tür. Er nickte und machte sich dann wieder an die Arbeit, die nicht in dem bestand, was irgendjemand von ihnen je zuvor erlebt hatte. Federica hatte sich darauf vorbereitet, dass sie sich von heute auf morgen in einer Ausnahmesituation wiederfinden könnte. Einem Terroranschlag, einer Massenkarambolage. Aber das hier war anders als alles was sie sich ausgemalt hatte. Es hatte keinen lauten Knall gegeben, keine Schockwelle, die langsam aber sicher wieder abebbte. Dieser Tod war leise gekommen, mit einem Röcheln aus tausend Kehlen.


Sie trat hinaus aus diesem Raum, in dem sie körperlich und gedanklich gefangen gewesen war und begann, ihre Schutzkleidung auszuziehen. Darunter kam sie selbst langsam wieder zum Vorschein. Sie reinigte ihre Hände länger und intensiver als es nötig gewesen wäre doch das, was sie abwaschen wollte, liess sich mit Wasser und Seife nicht beikommen. Dann ging sie den Flur hinunter durch die große Glastür hinaus in eine andere Welt. Federica sog die Luft ein so tief sie konnte und liess sie nur widerwillig aus ihren Lungen entweichen. Sie hatte das Gefühl, den Sauerstoff, den sie brauchte, nicht zu bekommen. Es war nicht Covid 19, sondern die Angst in ihrem Kopf, die ihr die Luft zum Atmen nahm.


Sie entschied sich, ein Taxi zu nehmen. Als sie einstieg und ihre Adresse nannte, musterte sie der Fahrer finster. «Sind Sie Ärztin da drinnen?», wollte er wissen. «Ja», antwortete sie und fragte sich im selben Moment, was das zur Sache tat. Wollte er sie nicht befördern?

Doch der Taxifahrer nickte nur und begann, loszufahren. Nach wenigen Minuten waren sie an Federicas Haustür. Als sie ihr Portemonnaie heraussuchen wollte, schaute sie der Fahrer an und schüttelte nur den Kopf. «Ich mache meine Arbeit, damit Sie Ihre machen können», sagte er nur. Federica gelang ein Lächeln. «Dankeschön», sagte sie und stieg aus.


Mit jeder Treppenstufe, die sie auf dem Weg hinauf zu ihrer Wohnung erklomm, fühlte sie die Energie aus ihrem Körper weichen. Das Adrenalin, das sie bis hierhin befeuert hatte, war verschwunden. Im Schlafzimmer angekommen fiel sie auf ihr Bett und entglitt in eine Welt, die der glich aus der sie gerade entflohen war. Voller Atemgeräte, Krankenhausbetten und erdrückender Verantwortung.

Als sie erwachte konnte sie ihren Körper nicht bewegen.


Sie lag starr im Bett und betrachtete die Sonne, die durch das Fenster hereinfiel wie durch einen Filter. Sie passte nicht zu Federicas Gedanken, sie passte nicht zu dem, was Italien gerade durchmachte.

Federica hatte schon viele Menschen sterben sehen, schliesslich war sie Ärztin. Menschen starben an allen möglichen Krankheiten. Alte und junge, Greise und Kinder. Aber dieses Virus war ein unsichtbarer Gegner, es war mehr als ein blosser Ausdruck der Kraft der Natur. Dieses Virus schien einen eigenen boshaften Willen zu besitzen. Sie dachte wieder an die alte Dame. Wie traurig war es, das Leben an so einem Ort auszuhauchen. Alleine zu sterben ohne Familie und Freunde.


Als sie am nächsten Tag zum Krankenhaus zurückkehrte war ihr innerer Widerstand so gross, dass sie fast wieder umgedreht wäre. Wie sollte sie es schaffen noch mehr Zeit an diesem Ort durchzustehen? Dann atmete sie tief durch und begann zu funktionieren. Schon nach wenigen Schritten vernahm sie die bekannten Geräusche, die den Anfang einer Kaskade ankündigten, in die sich die Patienten von hier aus einreihten.


Am Empfang meldeten sich Menschen, die kaum noch sprechen konnten, weil sie bei jedem Versuch, einen Ton herauszubringen von einem übermenschlichen Hustenanfall geschüttelt wurden. Alle, deren Zustand stabil war, mussten sich schon hier im Eingangsbereich auf provisorisch aufgestellte Betten legen. Einige von ihnen konnten das Krankenhaus nach wenigen Tagen wieder verlassen und mussten nicht teilnehmen an dem, was sich weiter im Inneren der Klinik abspielte. Die meisten aber hatten dieses Glück nicht.


Je weiter die Patienten in der Viruskette vorrückten, desto stiller wurden sie. Dort, wo Federica arbeitet, waren noch Atemgeräusche durch mobile Sauerstoffgeräte zu hören, die Menschen blieben bei Bewusstsein. Verschlechterte sich ihr Zustand, mussten sie intubiert, auf den Bauch gedreht und in ein künstliches Koma versetzt werden. Es gab keine Heilung, sondern nur die Hoffnung, dass sich die geschwächten Körper von alleine wieder erholten. Oft blieb diese Hoffnung unerfüllt.


Am Ende war es still. Die Leichenhalle des Krankenhauses war schon jetzt überfüllt, obwohl der Höhepunkt der Epidemie noch bevorstand. Die Toten mussten zum Abtransport auf Kühllaster geladen werden.

Federica versuchte nicht daran zu denken, wie viele Patienten sie in den letzten Tagen auf diesen Weg durch das Krankenhaus hilflos hatte begleiten müssen. Sie verstand ihren Job als Ärztin darin, für ihre Patienten die richtige Diagnose zu stellen und das geeignete Heilmittel zu finden. In diesem Fall stand schnell fest, woran die Leute litten, aber ein geeignetes Medikament dagegen gab es nicht.


Nach und nach zog sie sich ihre Schutzkleidung an, bis all ihre Gliedmassen, ihr Gesicht und ihr gesamter Körper bedeckt waren. Sie blickte an sich hinab auf ihr Namensschild und las was darauf stand, als wollte sie sich vergewissern, dass dieser Mensch im Spiegel tatsächlich sie selbst war. Dann machte sie sich wieder an die Arbeit.

Nach einiger Zeit, die aus einigen Minuten oder mehreren Stunden hätte bestehen können, bekam sie eine kleine Verschnaufpause.

In diesem unverhofft ruhigen Moment wanderten Federicas Gedanken wieder zurück zu ihrer ältesten Patientin. In welchem Stadium der Krankheit befand sie sich?


Federica überprüfte die digitale Krankenliste in der Hoffnung, die Dame dort wiederzufinden. Erleichtert stellte sie fest, dass die Dame in einen anderen Trakt des Krankenhauses verlegt worden war. Federica beschloss, nach ihr zu sehen.  Sie ging in voller Schutzmontur die Treppe hinauf in den Teil des Krankenhauses, in dem ihre 103-jährige Patientin lag.


Alle Betten waren belegt, alle Patienten an mobile Sauerstoffgeräte angeschlossen. Alle waren vollkommen darauf konzentriert, den lebensnotwendigen Sauerstoff in ihre Lungen zu transportieren und dabei das Gehirn davon abzuhalten, vor lauter Panik und Einsamkeit den Atemrhythmus hysterisch werden zu lassen.


Zu ihrer Rechten erkannte Federica die Dame wieder. Ihr weisses Haar kam unter dem Gummiband hervor, mit dem die Maske über ihren Mund- und Nasenbereich platziert worden war. Ihre Haut wirkte ledrig und blass, insgesamt schien ihr Zustand aber stabil.


Federica wollte sich schon zum Gehen wenden, da öffnete die Frau ihre Augen und blickte sie an. Für einen Moment schien es, als würden sie beide miteinander kommunizieren. Als wären Schutzanzug und Sauerstoffmaske nur eine alberne Kostümierung, die sie jederzeit ablegen könnten, um echte Worte miteinander zu wechseln.


Natürlich sagte keiner von beiden etwas. Was hätte es auch zu sagen gegeben? Doch für Federica schien in diesem Moment ein stummes Einverständnis zu entstehen, dessen Bedeutung sie erst viel später erkennen sollte.


Sie stieg die Treppe wieder hinunter. Kurz hielt sie inne, schloss die Augen und atmete durch. Tief und ausgiebig genoss sie das Gefühl von Luft in ihren Lungen und hatte zum ersten Mal seit Beginn der Krankheitswelle das Gefühl, befreit atmen zu können. In den nächsten Tagen wurden ihre Besuche im Zimmer der alten Dame zur Routine.


Wann immer es möglich war, stieg sie die Treppe hinab und betrat dieses eine Krankenzimmer. Keiner der beiden sprach in all der Zeit auch nur ein einziges Wort. Doch die Besuche, so wenig rationalen Sinn sie auch hatten, gaben Federica Struktur, waren ein Ruhepol in ihrem sonst so hektischen Alltag.


Wahrscheinlich war es die Gelassenheit der alten Frau, die Unerschütterlichkeit trotz ihres hohen Alters. Während vielen Menschen die Panik in die Augen stieg, wenn sie die Notaufnahme betraten und die Beatmungsgeräte sahen, war diese Dame ruhig geblieben. Vielleicht hatten ihre Augen schon zu viel gesehen, um sich angesichts dieser Krise noch zu Angst hinreissen zu lassen. Vielleicht hatte man in diesem Alter seinen Frieden mit dem Tod ohnehin schon gemacht, so dass er auch im direkten Angesicht seinen Schrecken verlor.


Ein weiteres Mal stieg sie die Treppe hinauf um nach der alten Dame zu sehen. Als sie das Zimmer betrat, lag im ersten Bett auf der rechten Seite ein Mann. Federica sah sich um, in der absurden Hoffnung, die Frau würde in einem der anderen Krankenhausbetten weiterbehandelt. Natürlich blickte sie nur in fremde Gesichter. Jetzt war es also so weit. War die Frau schon verstorben? Leise und unbemerkt und – bis auf die anderen notleidenden Seelen in ihrem Zimmer – alleine?


Entmutigt ging Federica die Treppe wieder hinunter. Wohin jetzt? Zurück in die Notaufnahme? Wozu? Der Tod war ihnen überlegen, sie konnten nur hilflos danebenstehen, während er sein Werk tat. Wofür riskierte sie jeden Tag ihre körperliche und geistige Gesundheit? Sie beschloss stattdessen vor die Tür zu gehen.


Federica trat hinaus. Ein Sonnenstrahl fiel ihr ins Gesicht, so dass sie die Augen zusammenkneifen und ihre Hand schützend an die Stirn legen musste. Sie ging zum Geländer der Terrasse, stütze sich mit beiden Händen ab und beugte sich vor. Sie versuchte zu atmen so tief sie konnte, aber die Blockade, diese unsichtbare Mauer in ihrer Lunge war wieder da.


Sie blickte auf. Jemand schob eine Frau im Rollstuhl über den Gehweg vor ihr in Richtung Parkplatz. Für einen Moment erhaschte Federica einen Blick auf das Gesicht der Person – es war die alte Dame. Sie hob den Kopf und sah Federica an. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke und Federica verstand endlich das stumme Einverständnis, das die beiden geteilt hatten: Es musste Hoffnung geben.













Teresa Stiens ist Journalistin und schreibt nebenbei Kurzgeschichten. In der Coronazeit hat sie eine eigene Website erstellt und Erzählungen gesammelt, die von Hoffnung in Zeiten der Pandemie berichten. Alles weitere zur Autorin findet ihr hier.

Themenverwandte Artikel

«Das Sterben der Dryaden»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Das Sterben der Dryaden»

«Westminster Abbey»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Westminster Abbey»

«Die Früchte seiner Frau»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Die Früchte seiner Frau»

«Celeste»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Celeste»

«Fruchtfleisch»
Bild/Illu/Video: kokos-nuss.de

«Fruchtfleisch»

«Rosskur für ein Pferd»
Bild/Illu/Video: pixabay.com/ Mario Liebherr

«Rosskur für ein Pferd»

«Schuldig 42.0»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Schuldig 42.0»

«Farbrausch mit allen Sinnen»
Bild/Illu/Video: Sandra Peters

«Farbrausch mit allen Sinnen»

Empfohlene Artikel