Die Begierde nach dem unerfüllten Traum
Bild/Illu/Video: Milena Rominger

Die Begierde nach dem unerfüllten Traum

So etwas kann Angst erzeugen. Nicht zuletzt, weil man sich- je nach Situation- nicht mehr selbst trauen kann. Bei Mina war das so: «Ich träumte immer von einem Leben im Tiny House. In meinem bisherigen Leben aber, wohnte ich schon immer in viel zu grossen Wohnungen oder Häusern. Manchmal allein, manchmal mit einem Partner. Stets schien es mir, als kämen diese Traumwohnungen zu mir und nicht ich zu ihnen. So als hätten sie mich dann durch ihre Schönheit bezirzt und ich habe immer nachgegeben. Doch eigentlich wollte ich immer einfacher leben.»

Ich frage Mina, weshalb sie den Schritt zum Tiny House nie gewagt hat.


«Damals war ich bereits in einem Verein für Kleinwohnformen. Immer wenn ich auf Youtube Menschen sah, die diese winzigen Bauwagen oder Schiffscontainer zu etwas wunderschön Wohnlichem ausgebaut hatten, spürte ich diesen Neid in mir. Ich wollte das auch schaffen. Nur wie? All diese Videos stammten aus den USA, wo der Trend der Tiny Houses bereits gang und gäbe war. Und anscheinend auch kein Problem, diese Dinger dann legal irgendwo aufzustellen.»


Mina sah sich Campingplätze an, in der Nähe ihres Arbeitsplatzes. Vielleicht gab es da die Möglichkeit fest zu wohnen. Doch einer der Plätze, die das erlaubt hatten, war gerade dabei, die sesshaften Camper loszuwerden. «Das sei nicht mehr Touristenfördernd genug.» Sagte Mina enttäuscht, während sie am Kaffee schlürfte.

Sie hatte bereits die Erfahrung gemacht, dass es ganz und gar nicht einfach zu sein scheint, hier in der Schweiz ein Tiny House aufzustellen.


«Das kannst du vergessen. Auch wenn du eigenes Land besitzt, musst du einen Abwasser- und Stromanschluss haben. Dass das in einem modernen Tiny House nicht nötig ist, so weit sind die Behörden einfach noch nicht.»


Es sei das Wohnen der Zukunft. Mit Solarpaneels, Komposttoilette, einem durch Bakterien gereinigte Wasserfilteranlage, Regenwasser statt Wasseranschluss. Dinge, die Mina brennend interessieren. Doch sie machte einen Rückzieher. Viel zu kompliziert und kräfteraubend schien ihr Traumprojekt.


«Es gibt einfach immer noch viel zu wenige Menschen hier, welche diese Art Leben lebt. Es wäre ein sinnvolles Leben, ohne den unnötigen Krempel. Zudem kommt, dass man Platz spart, nicht mehr neue, riesige Wohnblöcke bauen müsste. Es könnte ein friedliches Miteinander im Gemeinschaftsgarten der Tiny House Siedlung entstehen.»


Während Mina so vor sich hin träumt, kommt sie plötzlich ins Grübeln und gesteht:

«Ich habe meine Pläne noch nicht ganz über Bord geworfen. Zwar bin ich aus dem Verein wieder ausgestiegen, weil mich das Thema viel zu sehr vereinnahmt hätte. Doch jetzt, seit ich eine Familie habe, mit drei Kindern, scheint das Tiny House eh in weite Ferne gerückt zu sein.»


Mina meint, dass ein Tiny House für fünf Personen wohl zu klein wäre. Sie hatte niemals daran gedacht, drei Kinder in die Welt zu setzen, das war die grosse Täuschung in ihr.

«Ich dachte nie an Kinder. Ist das egoistisch? Und jetzt bin ich einfach überglücklich sie zu haben. Ich möchte kein anderes Leben.»

Zudem kommt das Glück, einen Mann gefunden zu haben, der gleich denkt wie sie.


«Wir sind nach unserem ersten Kind aus dieser riesigen sechs Zimmer Wohnung in ein kleines Häuschen am Waldrand gezogen. Wir hatten Glück, konnten wir uns dieses vier Zimmer Haus kaufen. Es ist vielleicht nur noch halb so gross wie die luxuriöse Wohnung von damals, aber irgendwie fand ich dieses Häuschen ein gelungener Kompromiss zu meinem Traum Tiny Häuschen. Für unsere drei Rabauken und uns reicht es allemal. Und wenn die drei erwachsen sind, werden mein Mann und ich uns den Traum schon noch erfüllen.»

Trotzdem fing Mina an, das Haus nach ihren Vorstellungen umzugestalten.


«Ich möchte, dass es zukunftsorientiert ist. Weil es so alt ist, mussten wir bereits Heizung und Wasserversorgung erneuern. Jetzt thronen Solarpaneels auf unserem Dach und machen unser Wasser und die Heizkörper schön warm. Zudem habe ich begonnen, die WC Spülung mit Regenwasser zu betätigen. Das geht zwar noch spartanisch mit einer Giesskanne von statten, aber wird sich zukünftig auch noch ändern.»


Mina lächelt über ihre triumphale Geschichte. Sie hat zwar noch nicht erreicht, was sie sich erträumt, ist heute aber mehr als zufrieden, eine gesunde Familie zu haben und in einem «Tiny House» für fünf zu wohnen.

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