Die Bonus-Idee
Bild/Illu/Video: Joscha Sauer

Die Bonus-Idee

Den Namen Joscha Sauer kennen wohl eher wenige Leute. Seine Cartoons unter dem Markennamen «Nichtlustig» hingegen haben ein riesiges Publikum im deutschsprachigen Raum. Sauer ist auch bekannt dafür, über die sozialen Medien den Dialog mit seinen Fans zu pflegen und sie an seinen Gedanken teilhaben zu lassen. Deshalb weiss man, wie er tickt und was er gerade vor hat. Der jüngste Fall zeigt ein Paradebeispiel dafür, dass auch Künstler wirtschaftlich denken und handeln können.


Die «Nichtlustig»-Serie litt lange unter einem grossen Problem. Die Cartoons, die jeweils aus einem einzigen Panel bestehen, verbreiteten sich nach der Veröffentlichung auf Facebook und Co. immer sehr schnell. Das sorgte für einen grossen Bekanntheitsgrad. Nur: Geld dafür gab es nicht, der Lacher war gratis. Joscha Sauer lebte wie viele andere Zeichner stattdessen davon, seine Cartoons in Form von Büchern, Kalendern und so weiter gedruckt zu veröffentlichen. Auch ein «Nichtlustig»-Kartenspiel gibt es.


Kostenlose Perlen

Bisher ist er damit offenbar nicht verhungert, aber vor Kurzem schrieb Sauer auf Facebook, dass er sich gewissermassen neu erfinden müsse. Es war ein gewisser Frust herauszulesen: Der Künstler warf seinem Publikum dauernd neue Perlen vor, alle klatschten und lobten und verschickten seine Zeichnungen weiter, aber eben, einbringen tut das nicht. Und ob automatisch viel mehr Bücher verkauft werden, nur weil mehr Cartoons gratis im Netz kursieren, ist fraglich. Kurz: Der Zeichner fragte sich allmählich, ob das alles noch was bringt.


Statt zu resignieren, hatte er eine ziemlich neuartige Idee: Das Bonus-Panel. Sauer weiss, dass es nicht gut ankommt, wenn er plötzlich sagt: «Meine Cartoons sind nicht mehr gratis, wer sie sehen will, muss zahlen.» Das hätte dazu geführt, dass sich sein Name und seine Arbeit viel weniger verbreiten. Stattdessen begann er, zu seinen bereits gemachten Werken Bonuszeichnungen anzufertigen: In einem zweiten, neuen Bild mit denselben Figuren und basierend auf dem ersten Bild wird die Geschichte quasi fortgesetzt. Wer dieses Bonus-Panel will, muss eine monatliche oder jährliche Mitgliedschaft kaufen (zu einem sehr symbolischen Preis).


Der Einfall ist bestechend. Weiterhin kann man «Nichtlustig» kostenlos konsumieren, aber wer Sauers Humor mag, der will wissen, was im Bonusbild steckt. Dieses ist nicht zwingend nötig für den Lacher, weil der erste Cartoon in sich geschlossen ist. Deshalb kommt auch bei der Gratisleserschaft kein Frust auf. Natürlich bedeutet die neue Einnahmequelle auch zusätzlichen Aufwand für den Künstler. Die Bonuspanel sind aber nicht koloriert und auch «schneller», skizzenhafter gezeichnet als das «Originalbild», was der Qualität aber keinen Abbruch tut.


Inzwischen hat Sauer auch begonnen, Cartoons aus seinen Anfängen, die längst Kultstatus haben, um ein Bonus-Panel zu bereichern. Damit macht er aus alten Werk neue und verwertet sie damit erneut. Ein Künstler mit Sinn fürs Geschäft: Endlich.

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