Die Chance des Fremden
Bild/Illu/Video: Lars Gschwend

Die Chance des Fremden

Wenn uns ein Mensch mit Migrationshintergrund begegnet, dann stehen einer direkten Begegnung oft Vorurteile im Weg. Dies führt dazu, dass wir vielleicht auch die Chance auf Neues verpassen.

Dabei vergessen wir, dass viele von uns selbst einen Migrationshintergrund haben. Kürzlich habe ich in der Kirche zwei Fragen gestellt:


Wer ist von den Anwesenden im Ausland geboren?


– Etwa 1/3 ist aufgestanden. Später folgte die Frage: Wer von den Anwesenden hat ein Elternteil oder Grosseltern die im Ausland geboren wurden? Bei dieser Frage standen etwa die Hälfte der Anwesenden auf.


Das Thema betrifft uns heute alle. Und doch stehen wir dem Fremden kritisch gegenüber.


Ein Grund liegt darin, dass wir Angst haben, dass uns «die Fremden» etwas wegnehmen. Manchmal gibt es sogar Überlegungen, dass diese Anderen das System ausnutzen und nur wegen des Wohlstands hierhergekommen sind.


Bei all diesen Überlegungen verpassen wir die Chance zu erkennen, was für eine Bereicherung diese neuen Kulturen sein können. Und wir dürfen nicht vergessen: Auch für die andere Seite ist all das hier fremd. Sie müssen dieses System, die Kultur und die Menschen zuerst kennen lernen. Und dabei gibt es eigentlich kein richtig oder falsch.


In der ganzen Flüchtlingsthematik kommt mir dieser Punkt manchmal etwas zu kurz. Statt den Menschen mit seinen Fähigkeiten und Talenten zu sehen, wird ein Flüchtling in einem Dossier registriert und anhand von den vorhandenen Unterlagen und einer Anhörung entschieden, ob die Person an Leib und Leben bedroht ist, oder ob es sich um einen Wirtschaftsflüchtling handelt. Aber ist das gerecht?

Es gibt verschiedene Gründe zu flüchten. Und manchmal, und da sehe ich das Problem bei den Schleppern, wittern diese gute Geschäfte und «verkaufen» die Flucht wie eine Abenteuerreise nach Europa. Mit dem Ziel von einem besseren Leben.


Doch was können wir anders machen als bisher?

Wir sollten unsere humanitäre Tradition weiterleben lassen. Die Schweiz muss kein «Endziel» sein. Ziel sollte am Ende der Reise die eigene Heimat sein. Wir nutzen die Chance und erkennen das Potential der Geflüchteten und fördern ihre Talente und Fähigkeiten. Die Schweiz ist ein «Zwischenstopp», wo sie gefördert werden. Eine lange Wartezeit auf einen Entscheid, in der Schweiz bleiben zu können, verschwindet. Auch Ausreisezentren werden so nicht benötigt. Grundsätzlich gilt: Wer hier ist, wird gefördert, muss aber, wenn sich die Situation im Heimatland verändert, die Rückreise antreten. Erst wenn sich die Situation über eine lange Zeit (was man definieren müsste) im Heimatland nicht verändert, kann ein Antrag auf definitive Aufnahme in die Schweiz gestellt werden.


So dürfen wir unsere Werte und Vorstellungen hinaus in die Welt tragen und Menschen fördern. Gleichzeitig erkennen wir Neues im Gespräch mit diesen Menschen und bringen unsere Gesellschaft weiter.


Und am Ende, wenn diese Menschen zurück in ihre Heimatländer ziehen, haben sie viel Wissen und Erfahrung gesammelt. Und wer weiss, vielleicht kann dies eine neue Friedenswelle auslösen. Denn eines ist klar: Wenn die Geflüchteten zu Tausenden nach Hause kehren, dann werden sie etwas bewirken.


Nutzen wir also die Chance und bauen wir unsere Ängste ab.

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