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«Die Fahrt nach Tirol»
Bild/Illu/Video: Pixabay

«Die Fahrt nach Tirol»

Ein altes Sprichwort sagt: «Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen.» So ist es auch dieses Mal gewesen. Jedes Jahr machten wir eine Reise mit. Vor Jahren mussten wir unsere freie Zeit auf dem Rübenacker verbringen. Jetzt, wo wir langsam alt werden, wollten wir noch etwas von der Welt sehen.


Dieses Jahr war das Ziel Tirol. Der Bus war voll. Alles noch Cochstedter. Das hatte den Vorteil, man musste sich nicht lange kennenlernen. Unser Ziel war Hinter-Thiersee in Tirol.  Herrliche Gegend! In dem Bus gab es alles. Kaffee, Würstchen, alle Getränke und sogar kleine Spassmacher. Eine Toilette war auch da. So erreichten wir unser Ziel. Während der Fahrt war vom langen sitzen der Reissverschluss von meiner Hose kaputt gegangen. Ich zog den Pullover lang drüber und so fiel es nicht auf. Waltraud hatte in den Koffer noch eine Hose eingepackt. Wegen dem Koffer hatten wir uns zu Hause schon herumgestritten. Was da alles mitgenommen wurde. Man konnte es nicht glauben. In Thiersee angekommen, bekam jeder seinen Schlüssel und ging zuerst einmal in sein Zimmer. Viele konnten sich über den Balkon zuwinken.


Am anderen Morgen war das erste Problem schon da. Ich suchte mein Zahnputzzeug. Die ganze Tasche war voll mit Parfümflaschen, welche man zu Hause nicht benutzt. Unten in der Tasche fand ich eine Tube. Ich habe nur Kukident gelesen. Die Tube aufgemacht und einen Batzen auf die Bürste gedrückt. Den Mund auf und rein damit.  Nach einigen Schrubbewegungen ging plötzlich nichts mehr. Es war alles steinhart geworden. Die Tube lag noch vor mir. Ich habe dann einmal genauer gelesen, was draufstand. Ich las Kukident und dann Superhaftcreme. Das Zeug hatte ich noch nie genommen. Aber auf so eine Fahrt wird es mitgenommen.


Nun bekam ich keine Luft mehr. Es half nur das Gebiss raus, bevor es noch ganz hart wurde. Meine Frau stand fix und fertig angezogen in der Tür und fragte: «Wie weit bist du denn?» Ich antwortete: «Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre erstickt!» Jetzt musste ich erst einmal das Zeug aus dem Mund ziehen. Danach haben wir Tränen gelacht. Jeden Abend war eine Veranstaltung. Weil wir uns in Tirol befanden, war es selbstverständlich, dass ein Jodlerwettbewerb angesagt war. Die Veranstaltung rückte immer näher heran. Jeder konnte daran teilnehmen. Aber was sollten wir Flachlandtiroler schon für Chancen haben?


Von unserer Gruppe wurde beschlossen, dass ich jodeln sollte. In meinem Leben habe ich schon vieles gemacht, aber gejodelt hatte ich noch nie.


Der Abend kam näher. Der Saal war sehr voll. Da bekam ich bereits die ersten Manschetten. Ich hielt mich bis zuletzt zurück, aber dann grölten die Cochstedter Fans: «Hugo, Hugo!» Da konnte ich nicht anders und ging nach vorn. Da standen wir nun alle. Vier Frauen und sechs Männer. Eine Jury war auch anwesend. Ich war an dritter Stelle vorgesehen. Rechts und links neben mir standen jeweils zwei Frauen. So war ich gut aufgehoben. In der Nähe stand eine Musikgruppe. Das Mikrofon wurde vom Kapellmeister nach vorn gebracht. Jeder musste seinen Namen sagen und wo er herkam. Ich habe laut in das Mikrofon gebrüllt: «Ich bin der Hugo, komme aus Cochstedt, der ehemaligen DDR.» Daraufhin hatten alle im Saal gelacht. Die anderen Personen waren aus Finnland und Finsterwalde. Aus Russland war auch jemand da. Also international.


Jetzt ging es los. Die Kapelle spielte das Kufsteinlied. Das ist ja bekannt. Wenn die Kapelle aussetzte, mussten wir jodeln, aber jeder allein. Die erste Frau aus Finnland jodelte wie eine trächtige Lerche. Nach einigen Jodeltönen wurde sie langsamer und gab dann auf. Die Zweite aus Finsterwalde fing so hoch an, dass sie nicht höher kam und hörte auf.


Jetzt war ich an der Reihe. Meine Kehle war total trocken und ich wollte noch einen Schluck Wasser haben, aber es war schon zu spät. Mir wurde das Mikrofon in die Hand gedrückt und die Kapelle begann zu spielen. Ich war total aufgeregt und fast hätte ich den Einsatz verpasst. Nach einigen unsicheren Tönen jodelte ich, was das Zeug hielt. Ich war gar nicht mehr zu bremsen.


Aus der Ecke, wo die Cochstedter sassen, kam der Beifall und der ganze Saal stimmte mit ein. Bis jetzt war ich der Favorit. Links neben mir die beiden Frauen wollten zusammen jodeln. Die Jury stimmte zu. Es war jämmerlich. Die Kapelle begann mehrfach an zu spielen, aber die Frauen bekamen keinen Ton heraus. Also auch raus aus der Wertung. Danach kam ein Mann aus Finnland. Er muss den Ansager nicht richtig verstanden haben. Bevor die Kapelle einsetzte, machte er einen Feixtanz und grölte auf finnisch etwas durch die Gegend. Der Letzte verhielt sich sehr ruhig und sah aus wie Ivan Rebroff.

Als er einige Töne jodelte, sah ich meine Felle davon schwimmen. Er war Profi, spielte in einer Musikgruppe und sang im Chor mit.


Er hat auch den 1. Platz belegt und ich den 2. Rang. Eine Flasche Wein und ein Diplom als Jodler waren der Preis. Nun stehe ich mit unserem Doktor Schmidtke auf einer Stufe. Auf seinem Schild steht «Diplom med» und bei mir «Diplom jod». Die Flasche Wein wurde umgehend vernascht. Einige halbe Bier hinterher und schon war die Orientierung etwas durcheinander. Als wir gegen Mitternacht in unsere Zimmer gehen wollten, war es passiert.


Die Veranstaltungen fanden alle in dem Hotel statt, wo wir geschlafen haben. Zum Essen mussten wir durch einen Tunnel in das andere Hotel gehen. An diesem Abend müssen wir irgend etwas verwechselt haben. Als wir mit unserem Lift nach oben in den 3. Stock fahren wollten, waren nur zwei ausgewiesen. Wir haben gedacht, egal, die letzte Etage gehen wir zu Fuss.  Eines fiel mir noch auf. Da stand statt Lift auf einmal Aufzug an der Wand. Als wir oben angekommen waren und die Tür aufging, sah alles fremd aus.


Wir hatten die Zimmernummer 656, allerdings gingen die Zimmer nur bis Nummer 300. Jetzt wurde es unheimlich. Alle sechs Personen gingen zurück in den Aufzug und fuhren wieder hinunter. Nun war guter Rat teuer. Wir waren völlig falsch. Es war mir zu viel. Noch einmal fuhr ich bis unter das Dach, aber wieder vergebens. Unsere Zimmer haben wir nicht gefunden. Als ich wieder unten ankam, waren die anderen Personen verschwunden. Nun stand ich allein in der Fremde.


Nun nahm ich meine Hände wie einen Trichter vor den Mund und rief: «Hallo, hallo?» Das Echo kam zurück, aber niemand antwortete. Vor Angst standen mir die Schweißperlen auf der Stirn.


Kurzentschlossen ging ich noch einmal den Weg zurück in den Saal. Dort fand ich die Antwort. Nebenan stand ein Lift und ich fuhr damit nach oben. Gott sei Dank standen die anderen Personen vor der Treppe und warteten dort auf mich. Ein Stein fiel mir vom Herzen.

















Zur Autorin Marion Romana Glettner

Ich wurde am 07. Januar 1958 in Runstedt (Niedersachsen) geboren.

Meine 10-jährige Schulausbildung absolvierte ich an der Polytechnischen Oberschule «John Schehr» in Lutherstadt Eisleben. Ich habe eine Berufsausbildung im technischen Bereich, absolvierte erfolgreich eine Weiterbildung zur Wirtschaftskauffrau, besitze eine 2-jährige Grundausbildung im Bereich Marketing, Management und Wirtschaftsenglisch sowie einen IHK-Abschluss in Multimediale Kommunikation.

Meine Tochter Nadine wurde am 14.Mai 1982 geboren.

Von 2002 bis 2003 sammelte ich während meiner Tätigkeit in der News-Redaktion eines regionalen Radiosenders der Stadt Aschersleben wertvolle Erfahrungen für mein späteres literarisches Arbeiten. Momentan arbeite ich an meiner ersten regionalen Krimiserie.


2006 erschien mein erstes Buch «Freunde für immer - Einmal Bolivien und zurück».

Seit 2008 bin ich als freischaffende Autorin tätig.

2010  erschien «Eine Reise durch den Salzlandkreis».

2013 folgte der Abnehmratgeber «Pfundsweib - Durch mich bekommen Sie Ihr Fett weg».

2014 Neuauflage von «Single-Lady trifft Klammeraffen».

2016 erschien «Von Augenschmaus bis Zuckerschnute»

2018 erschien «Leichenfund im Lausehügel»

Ich bin Mitglied im Friedrich-Bödecker-Kreis.


Mehr Informationen zur Autorin findet ihr hier.

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