Die neue Perlensammlung «Kartellmusig»
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Die neue Perlensammlung «Kartellmusig»

Take a ride

Düster beginnt die neue Platte von Gimma. Gleich zu Beginn schiesst er gegen die allgemeine Ungerechtigkeit. Seine Statements schwanken zwischen offen angesprochener Kritik und kryptischen Satzkonstruktionen, die ein tragisches und trauriges Spiegelbild der aktuellen Zeit abbilden. Der Beat, sowie das Stilelement der Aufzählung in der Hook sind purer und klassischer Rap, was angenehm an seine goldenen Zeiten erinnert. Ein gelungener Start.

Eh nid ewig

Bei der zweiten Nummer serviert Gian-Marco Schmid eine akustische Nostalgiepille, die das Scheitern einer Beziehung dokumentiert und sofort hängen bleibt. Diese Art von Geschichten herunter zu brechen und in Audioform ansprechend umzusetzen, ist etwas, was der 39-Jährige beherrscht, wie es kaum ein anderer Erzähler in der Region kann. Ich fühle mich irgendwie an «Ai letschti Chance» erinnert, doch in diesem hier besprochenen Lied scheint der Zug für ein erneutes Zusammenkommen der Protagonisten definitiv schon abgefahren zu sein.

Aifach

Zu den düsteren Nummern zum Start gesellt sich ein Lovesong. Das wundervolle Piano im Hintergrund hellt den Himmel auf und auch Gimma gibt sich den Frühlingsgefühlen hin. So ein Lied über eine Frau, gänzlich ohne einen sarkastischen Bruch, steht ihm gut. Als Zuhörer hofft man irgendwie mit, dass er in Beziehungsangelegenheiten doch noch am richtigen Ort angekommen ist, wo alles so «aifach» und federleicht ist.

150 fucking Kilometer

Das Album nimmt Schwung auf und bekommt erstmals ein gesprochenes Intermezzo. Die weibliche Erzählerin berichtet von einem Auf- und Ausbruch von zu Hause. Ähnliche kurzen Zwischenzitate in diesem Stil hat GM bereits beim «Bucher und Schmid» - Album eingesetzt. Dort machten sie das Album als Gesamtkunstwerk stimmig und rund, also ist es irgendwie als ein kleiner Appetizer für die nächsten Songs zu verstehen.

Liachtblick feat. Sandro Dietrich

«Heieiei», die Platte kann jetzt schon gut neben seinen anderen Werken in meinem CD-Schrank bestehen. Der feinste Boom Bap-Track bounct ganz gemütlich und ist ein echter Kopfnickersong. Die «Oooh oooh»-Chöre und kurzen Gesangspassagen von Sandro Dietrich unterstützen das hoffnungsvolle Werk, bei dem Gimma erzählt, dass er trotz vielen Schicksalsschlägen den Weg zum Lichtblick nicht aus den Augen verliert und weiterkämpft.  

Fokus feat. Snook

Wer eine musikalische Retrospektive plant und den klassischen Rap in Graubünden aufleben lassen will, ruft am besten Snook an. Der bekannteste Engadiner Rapper ist, wie Gimma auch, irgendwie schon immer mit von der Partie und steht seit jeher ein für die Rapszene Graubünden. Die beiden Förderer und Pioniere haben mit «Fokus» einen stimmigen Track aus dem Hut gezaubert, der Lust auf mehr macht und vielleicht auch Gino Clavuot dazu motiviert ein paar neue Tracks zu veröffentlichen. Spannend.

Jazz und Jazz feat. Nora Mazu und Nynama
Ein kurzes Jazz - Stück irritiert vielleicht ein wenig, aber ist auch irgendwie lustig, denn nach eineinhalb Minuten setzt endlich Gimma an und erzählt in seiner einzigartig humoristischen Art ein paar catchige Anekdoten. Die Rapperin Nora Mazu rappt gelassen und entspannt ein paar Zeilen und ist für mich persönlich gerade sowas wie eine spannende Neuentdeckung, die ich bisher noch nicht auf dem Schirm hatte. Merci, gell!

Sanduhr
Die erste Singleauskopplung des Albums erinnert an den Hit «Engel vum Selig», was vielleicht an der ähnlichen «Beizen-Poesie» der beiden Werke liegt. Und doch scheint der neue Song aber dank der zerbrechlichen Stimme in der Strophe emotional bedrückender und näher.

Irgendwia feat. Sandro Dietrich

Wow, da ist definitiv der Überhit des Albums. Die poppige Nummer mit dem Produzenten und Sänger Dietrich strahlt eine wundervolle lebensbejahende Aura aus und könnte diesen Sommer ganz weit oben auf meinem Feriensoundtrack landen. Sehr coole Zusammenarbeit, deren Lied Hoffnung schenkt und träumen lässt.

Zruggwarta

Uh yeah, der klingt genau so, als wären die Bauers immer noch verdammt aktiv. Gimma wagt eine Bestandesaufnahme seiner Geschichte. Und als ob dies noch nicht genug wäre, versteckt GM noch eine Donnie Darko-Referenz im Text. So entsteht eine Ode an die Zeit ums Millenium rum, welche viele, die mit dieser Musik aufgewachsen sind, fesseln wird.

Uhuara fucking komisch

Der zweite lyrische Akt zwischen den Songs zeigt, warum das Album Kartellmusig heisst und hebt die Spannung auf die letzten Tracks der Scheibe. Let’s go.

Pinocchio Kartell

Der Titeltrack des Albums ist eine Gesellschaftskritik par excellence. Gimma straft die Lügner des Baukartells und zeigt, wie ein bewegendes Thema in phonetischer Version serviert wird. So entsteht vielleicht eine Sensibilisierung von Menschen, die das Thema bisher kalt gelassen hat. Nach dem Track ist auf jeden Fall für alle klar, dass ein solcher Vorfall für die Täler Graubündens pures Gift gewesen ist und in dieser Form nie wieder vorkommen darf.  

Dia ewig Reisenda

Verträumt geht es weiter. Eigentlich schade, dass dieses Werk sich langsam dem Ende zu neigt. Nicht nur der Beat zieht schnell von dannen, auch Gimma verlässt das Gebäude. Der Soundtrack für Bindungsunfähige und ewig Reisende packt und animiert endlich wieder mal ans Meer zu fahren und alles hinter sich zu lassen.

As kunnt alles guat feat. Beglinger

Country und Mundharmonikas sind ein wenig Altersfragen, die dem Album von Gimma aber noch eine zusätzliche angenehme Note hinzufügen. Mehr davon! Das Stück mit bluesigem Touch ist ein solider Kandidat für das gemeinsame Singen am Lagerfeuer. Wie wäre es eigentlich, wenn GM mal ein komplettes Unplugged-Album aufnehmen würde? Hier hätte er schon mal einen ersten Schritt in diese spannende Richtung getan.

Schlussfazit:
«Kartellmusig» ist ein facettenreiches Album mit einem durchgehenden roten Faden, das vor Authentizität und Geschichten direkt aus dem Leben strotzt. Es ist hörbar, dass an den Stücken länger gewerkelt wurde und dass Zeilen nicht einfach zufällig in den Raum geworfen worden sind. Gimma setzt im Vergleich zum Vorgänger «Megaschwiizer» auf Qualität statt Quantität. Die wundervolle Nostalgie voller Poesie und der Fakt, dass Gimma alle seine Stärken für das Werk gebündelt hat, machen den Tonträger zu einem der essentiellsten seiner Diskografie. Das freut nicht nur alte Fans und Musikkritiker, sondern ist sicher auch für ihn persönlich eine Wohltat. Denn man spürt, dass er seine neuen Töne topmotiviert und voller Herzblut präsentiert. In einer Zeit, in der jeder auf den nächstbesten Hype in der Rapszene aufspringt, verbiegt sich Gimma nicht, sondern zeigt, wie das mit echtem Schweizer Mundartrap funktioniert, der den Menschen auch wirklich etwas bedeuten kann.    

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