Die undankbaren Kinos
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Die undankbaren Kinos

Mal ganz ehrlich: Es braucht viel, dass ich mich einen Abend lang mit wildfremden Menschen in einen Raum sperren lasse, die zudem geräuschvoll Popcorn und Nachos futtern. Gelegentlich tue ich es dennoch. Meist den Kindern zuliebe. Ja, ich spreche von Kinosälen. Das Erlebnis, ich gebe es gern zu, ist in gewisser Weise unübertroffen. Die riesige Leinwand, der glasklare Sound: Es ist was anderes als die Mattscheibe, jedenfalls meine. Und nach wie vor finden das relativ viele Leute, und sie pilgern in die bewussten Säle.


Sie tun es allerdings wohl weniger zahlreich als früher, weil das Kino in die gute Stube gekommen ist mit den Streamingdiensten. In den Jogginghosen auf dem Sofa wälzen, neben sich jemanden, den man wirklich leiden kann und auf die Toilette gehen, ohne etwas zu verpassen (und ohne die furchtbar bieder-peinlichen Werbespots): Das hat eben auch Vorteile.


Mehr Gutes dank Streaming

Sind also Streamingdienste wie Netflix, Sky oder Amazon Prime der natürliche Feind des guten alten Kinos? Man könnte es denken. Und wenn man letzteren zuhört, bekommt man eindeutig den Eindruck. Aber es ist zu kurz gedacht. Kinos überleben letztlich auch nur dann, wenn wir ganz allgemein das Gefühl haben: Menschen und ihre Geschichten auf einem Bildschirm (oder einer Leinwand) zu erleben, ist etwas Schönes. Und Garant für dieses Erlebnis sind ironischerweise die Streamingdienste. Denn dank ihnen wird mehr Gutes produziert als je zuvor.


TV-Stationen rühren heute keinen Stoff mehr an, wenn sie nicht die Gewissheit haben, dass nach der Erstausstrahlung bei ihnen auch noch ein Streaming folgen wird, das Geld abwirft. Wenn sie aber das Gefühl haben, dass das was werden kann, dann investieren sie richtig. Eine Perle wie «Game of Thrones» oder ein Welthit wie «Haus des Geldes» wäre in diesem Umfang nie möglich gewesen, wenn sich danach nicht die Tür zu den Haushalten rund um den Globus geöffnet hätte. Ja, das sind Serien, und da haben Kinos schlechte Karten, aber es gilt auch für abendfüllende Filme.


Ewiger Stoff

Das jüngste Beispiel ist die Serie «Masters of Sex». Mal ganz offen: Hätte man die Geschichte der Sexologen Masters und Johnson auf 90 oder 120 Minuten verdichtet und ins Kino gebracht, hätte es maximal für die kleinsten Säle gereicht, und auch das nur für zwei oder drei Wochen. Das wäre «Art House» gewesen, was übersetzt so viel heisst wie: Keine Knete. So aber ist etwas für die Ewigkeit entstanden: Ein historischer Stoff, dessen Inhalt uns bis heute beeinflusst (immerhin geht es um Sex) und der so umgesetzt ist, dass man es auch noch 2050 anschauen kann. Streaming ist niederschwellig: Ich wage es mal zehn Minuten, und wenn es mich überzeugt, bleibe ich dran. Die gekaufte Kinokarte erstattet mir hingegen keiner zurück.


Mit anderen Worten: Streamingdienste leisten die Grundlagenarbeit. Sie zeigen uns, dass uns Verfilmtes nach wie vor verzaubern kann. Die Kinos ihrerseits müssen nun überlegen, wo ihre Nische liegt. Was knallt auf der Leinwand trotz Popcorn und Nachos auf dem Nachbarsitz einfach besser als auf dem 50-Zoll-Bildschirm zuhause? Sich zurücklehnen reicht nicht. Es ist nie die Konkurrenz, die uns abhängt. Wir sind es immer selbst.

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