Die vergessenen Heldinnen
Bild/Illu/Video: zVg.

Die vergessenen Heldinnen

Darum bedanke ich mich an dieser Stelle schon einmal ganz herzlich, dass sich Angelica Signer und Lea Rottweiler (Fachgruppenleiterinnen der freiberuflichen  Bündner Hebammen) die Zeit genommen hat, ein paar Fragen zu beantworten, die die Missstände in diesem Beruf aktuell sehr deutlich aufzeigen.


Vorab schon mal eine Frage, die bestimmt alle Schwangeren aktuell sehr beschäftigt.  


Sind schwangere Frauen aktuell stärker gefährdet an Corona zu erkranken, oder einen schwereren Verlauf zu entwickeln, als nicht schwangere?

Bisher gibt es noch wenige Informationen über die Folgen von Corona auf die Schwangerschaft. Doch nach den bisherigen Erkenntnissen besteht für schwangere Frauen kein erhöhtes Risiko gegenüber nicht schwangeren Frauen. Man geht davon aus, dass eine gesunde schwangere Frau nur leichte bis mittelschwere Symptome aufweisst, ähnlich wie bei einer Grippe.


Was hat sich in der Hebammenbegleitung seit der Coronakrise verändert?

In der Vorsorge

Sie findet normal statt, bei den meisten Gynäkologen und in die Spitälern dürfen die Männer bei den Vorsorge - Untersuchungen nicht mehr dabei sein. Ebenfalls finden keine Kurse wie zum Beispiel Geburtsvorbereitungskurse etc. mehr statt, da es vom BAG empfohlen wurde, diese abzusagen. Daher machen einige Hebammen online via Skype oder Facetime ihre Geburtsvorbereitungskurse, allerdings können wir dies dann nicht korrekt abrechnen. Wenn die Krankenkasse nicht will, ist sie nicht verpflichtet solche Kurse zu entschädigen. Daher kann es durchaus sein, dass wir diese Kurse gratis machen müssen.


Unter der Geburt

Eine Geburt muss in jeder Krise stattfinden können, daher ändert sich hier am wenigsten. Wir Hebammen tragen eine OP’s Maske und in einigen Spitälern werden zusätzlich noch konstant Handschuhe getragen.


In der Nachsorge

Die Betreuung im Wochenbett geht so weiter wie bisher, ausser dass extrem viele Frauen nicht mehr wie üblich 4-5 Tage nach einer komplikationslosen Geburt im Spital bleiben, sondern mehrheitlich schon nach 1-2 Tagen nach Hause gehen. Dies erfordert von uns wieder mehr Flexibilität und auch mehr Arbeit.


Wir freiberuflichen Hebammen im Kanton Graubünden tragen einen Mundschutz auf dem Wochenbett und versuchen, so gut dies geht, die zwei Meter Abstand einzuhalten und die Hausbesuche so kurz wie medizinisch notwendig ist, zu halten. Gerne würden wir manche Besuche auch via Skype, Facetime oder Telefon machen. Leider ist dies aktuell nicht möglich, da wir solche Beratungstelefonate nicht über die Krankenkasse abrechnen können.


Ich habe schon gelesen, dass in manchen Kliniken sogar die Väter nicht zur Geburt zugelassen werden, wie ist es aktuell geregelt? Wer entscheidet das?

In Deutschland kommt das zum Teil schon vor. Bei uns in der Schweiz ist uns aber keine Gebärabteilung bekannt, wo der Vater seine Frau/Partnerin nicht zur Geburt begleiten und unterstützen darf. Auch im Wochenbett dürfen die Väter ihre Frauen und Kinder mehrheitlich besuchen. Geschwisterkinder dürfen momentan leider keinen Besuch auf der Wochenbettstation machen. Entscheiden tut dies jedes Spital für sich selbst.


Wie setzen Sie die Massnahmen des Bundes um und wie werden Sie dabei vom Bund unterstützt?

Die Empfehlungen vom Bund versuchen wir so gut wie möglich umzusetzen. Wir tragen Op‘s Masken bei jeder Frau und Handschuhe wenn angebracht. Unterstützt vom Bund werden wir insofern, dass wir beim Gesundheitsamt jederzeit Op‘s Masken bestellen können. Alles Weitere an Schutzmaterial wird uns nicht gestellt. Sollten wir eine Corona positive Frau betreuen, müssen wir das Schutzmaterial selbstständig besorgen, was sich gerade jetzt in der Ausnahmesituation als sehr schwer erweist.


Wie schützen Sie sich momentan, während der Begleitungen?

In der Mehrheit aller Spitäler tragen die Hebammen momentan bei allen Frauen eine Op‘s – Maske, zum Teil werden auch Handschuhe getragen.


Da wir freiberuflichen Hebammen vom Bund/Kanton nur eine begrenzte Anzahl an Op‘s Masken erhalten, müssen wir diese gut einteilen. So verwenden wir den Mundschutz bei einem Wochenbettbesuch mehrmals bei der gleichen Frau. Zudem desinfizieren wir die Hände vermehrt, achten auf einen konstanten Abstand zur Frau von zwei Meter und versuchen, den Wochenbettbesuch nicht übermäsig lang zu machen. Sie können sich aber vorstellen, dass selbst im Wochenbett dieses Abstandhalten von zwei Meter nicht immer so einfach ist, geschweige denn unter der Geburt einzuhalten ist.


Was haben Sie unternommen, als Sie merkten, dass Sie übergangen wurden und kein Schutzmaterial vom Bund erhalten?

Wir haben uns selbst auf die Suche nach Schutzmaterial gemacht. Doch dass dies soooo schwierig sei, hätten wir nicht gedacht. Es zeigte sich als fast unmöglich, Schutzmaterial in der Schweiz zu finden, welches lieferbar, in «genügend» Mengen und bezahlbar war. Da wir weder von einer Krankenkasse noch vom Bund/Kanton einen finanziellen Zustupf für die Schutzbekleidung bekommen, müssen wir die Schutzbekleidung, welche wir zu unserem und zum Schutz einer Übertragung auf die anderen Frauen/Familien benötigen, selbst finanzieren.

Wir haben diverse grössere Handwerksfirmen angefragt. Mehrheitlich bekamen wir auf unsere Anfrage nicht einmal eine Antwort. Einzig eine Handwerksfirma stellte uns all ihr noch vorhandenes Schutzmaterial zur Verfügung, doch leider zum gewöhnlichen Preis, welchen wir unmöglich finanzieren konnten. So legten wir uns nur ein bescheidenes Lager an Materialien zu, welches wir hoffen für alle freipraktizierenden Hebammen vom Kanton Graubünden reicht. Zu unserer Rettung machten wir einen Sechser im Lotto:  Die Holzbaufirma Coray in Ilanz sponserte uns viele «ffp 3» Masken! Auch hier möchten wir uns nochmals ganz herzlich bei ihnen bedanken.


Betreuen Sie aktuell eine Corona positiv getestete schwangere?  Wenn ja, wie unterscheidet sich die Betreuung zu den anderen?

Unseres Wissens nach, hat von uns freiberuflichen Hebammen vom Kanton Graubünden noch niemand eine pos. getestete Frau betreut. Hier ist aber sicher auch die Schwierigkeit, dass Schwangere/Wöchnerinnen nicht zur Riskiogruppe gehören und deshalb oftmals gar nicht getestet werden. So treffen wir viel mehr sog. Verdachtsfrauen an. Bei solchen wäre es angebracht, sich selbst mit «ffp 3» Masken, Handschuhen und Schutzkittel schützen zu können.


Werden die Babys positiv getesteter Frauen nach der Geburt automatisch getestet, oder besonders betreut?

Wenn zum Zeitpunkt der Geburt die Frau positiv getestet wird, wird das Baby auch getestet. Da es zum jetzigen Zeitpunkt keinen Hinweis gibt, dass sich der Virus mit der Muttermilch auf’s Kind überträgt, darf die Mutter auch stillen. Hier wird empfohlen, zum Stillen und zur Pflege stets einen Mundschutz zu tragen und eine korrekte Händehygiene zu führen.


Welche Unterstützung vom Bund würden Sie sich konkret wünschen?

Dem Bund sollte es doch auch ein Anliegen sein, dass gerade frisch gebackene Eltern in dieser schwierigen Ausnahmesituation bestmöglichst unterstützt werden. Da die Unterstützung durch Grosseltern, Verwandte und Freunde nun mehrheitlich wegfällt, wäre eine bestmögliche Betreuung/Unterstützung durch die Hebamme doppelt wichtig!


Daher würden wir uns über geeignetes Schutzmaterial freuen. Nur so können wir die frisch gebackenen Eltern zu unserem und ihrem Schutz trotz Coronakrise gut betreuen.


Soeben haben wir vom Bund eine Nachricht erhalten, dass sie sich unserem Problem von der Schutzbekleidung inklusive deren Finanzierung, der Telefonberatung etc.  annehmen werden, aber leider sind noch immer keine konkreten und befriedigende Lösungen entstanden.


Gibt es für unsere Leser eine Möglichkeit Ihnen konkret zu helfen?

Das Schutzmaterial müssen wir weiterhin aus unserem Sack bezahlen. Deshalb ist die Anschaffung an Schutzmaterial momentan eine unserer grössten Hürden: Das Schutzmaterial gibt es noch zu beziehen, aber zu einen enormen Preis. Deshalb wäre uns am meisten geholfen mit einem finanziellen Beitrag. Im Weiteren würden uns Spenden von Firmen auch sehr helfen, welche uns Material (Schutzanzüge, Handschuhe) sponsoren würden.


Zum Schluss noch von meiner Seite einen Applaus an alle Hebammen. Ihr leistet immer schon so viel mehr, als ihr müsstet. Aber zu Corona Krisen Zeiten, ist euer Einsatz einfach (leider) unbezahlbar!

Falls du dich jetzt angesprochen fühlst und ihnen auch gerne helfen möchtest, dann wende dich sehr gerne an angelica.signer@buendner-hebammen.ch oder lea.rottweiler@buendner-hebammen.ch

Sie freuen sich über Jede und Jeden der helfen kann.

Themenverwandte Artikel

«Wir hören Sie schon schreien, aber wir haben keine Zeit!»
Bild/Illu/Video: Einfach-geborgen Fotografie*

«Wir hören Sie schon schreien, aber wir haben keine Zeit!»

Frautastisch: Tamara Beck
Bild/Illu/Video: AB Fotografie

Frautastisch: Tamara Beck

Ein Hoch auf die Stammkundschaft
Bild/Illu/Video: Christian Imhof

Ein Hoch auf die Stammkundschaft

«Sta betg aschi datier da mei!»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Sta betg aschi datier da mei!»

Auf Vampirjagd Bärlauch entdeckt
Bild/Illu/Video: Sandra Peters

Auf Vampirjagd Bärlauch entdeckt

Empfohlene Artikel