Ein Gemüsefach voller Ideen
Bild/Illu/Video: Christian Imhof

Ein Gemüsefach voller Ideen

In ihren 79 Lebensjahren hat Angelika Waldis schon einige Zeilen geschrieben. Besonders Anklang findet die Autorin bei den Buchhändlern in der Schweiz. Denn ihr 2018 erschienenes Buch wurde mit dem Gütesiegel «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels 2018» ausgezeichnet. Wie gerne es auch vom Fachpersonal gelesen wird, erklärte Beatrice Giger-Sampel vom Bücherladen Landquart. Von ihren Gefühlen fast ein wenig überwältigt hatte sie die grosse Ehre die Autorin Angelika Waldis vorzustellen, was sie mit viel Inbrunst tat. Die Biografie der Luzernerin, welche die Moderatorin anschnitt, hält auch einige spannende Überraschungen bereit. So erfand sie beispielsweise das Jugendmagazin Spick gemeinsam mit ihrem Mann Otmar Bucher, welches die beiden Eheleute von 1982 bis 1999 auch leiteten.


Geschichten aus dem Leben
Eine Dokumentation im TV hätte sie zum neuen Roman inspiriert, sagte Angelika Waldis, die stehend vor einem Haufen ihrer Bücher und ohne Mikrophon zum Publikum sprach. In der 45-minütigen Lesung lieferte sie dann auch Anekdoten aus ihrem Buch «Ich komme mit», welche trotz der stets anwesenden Melancholie auch einen Hoffnungsschimmer und eine gesunde Portion Humor bereithielten. Die Geschichte ihres Romans dreht sich um den Leidensweg des an Leukämie erkrankten Jugendlichen Lazy, der kurz vor seinem Ende in der pensionierten Nachbarin Vita Maier eine neue Freundin findet. Ihr gemeinsames Band wird kurz danach so stark, dass die Rentnerin ebenfalls bereit ist gemeinsam mit ihm die letzte Reise anzutreten und ebenfalls zu sterben.


Ist ein Priester wütend auf seine Mutter, weil sie mal gebumst hat?
Die tragische Geschichte wurde immer wieder mal durch jugendliche Kraftausdrücke gestoppt und und aufgelockert. Die Autorin Waldis erwies sich als begnadete Beobachterin und Zuhörerin, die es schaffte für ihr Werk ziemlich authentisch Jugendslang einzufangen. Als der Jugendliche Lazy nämlich im Sterben lag, kamen ihm neben ziemlich tiefgründigen und philosophischen Gedankengängen auch hin und wieder Fragen in den Sinn, die das Publikum in der Bibliothek trotz der greifbaren Traurigkeit im Raum laut auflachen liessen. Er fragte sich nämlich nicht nur, was wohl ein Veganer mit einer Mücke macht, sondern auch, ob ein Priester wohl wütend auf seine Mutter ist, da sie bei seiner Erzeugung wohl oder übel sicher «gebumst» haben müsste. Die Passagen, als der Alltag in seiner wundervollen Trockenheit zuschlug, verliehen dem Werk einen dunkel-humoristischen Anstrich, der den Zuschauern sehr zusagte. Auch wenn das Schicksal manchmal ein mieser Verräter sein kann, sei doch jeder Tag ein wertvolles Geschenk.


Täglich zu schreiben macht den Unterschied
Nach der Lesung tauchte, wie jedes Mal die Frage nach ihrer Schreibtechnik auf. Nicht nur bei den Buchhändlern schien ihr Schaffen sehr gut anzukommen, auch ein Herr aus dem Publikum lobte sie für ihre Leichtigkeit und ihre Kreativität einem solch düsteren Thema etwas Humor einzuhauchen. Angelika Waldis sagte, es gebe viele Wege zu einem eigenen Schreibstil und zu gelungenen Vergleichen. Ihr sei vor allem wichtig, dass die Metaphern immer stimmen. Ein Koffer könne beispielsweise nicht am Eingang aufs Abholen warten. Das gehe einfach nicht auf. Zudem nehme sie sich jeden Tag zwei Stunden Zeit, in denen sie schreibe und sonst nichts anderes mache. Dies mache sie immer am Morgen nach dem Kaffee, wenn nämlich der Alltag dazwischen käme, funktioniere dies nicht wirklich. Durch diese Disziplin gebe es doch regelmässig gelungene Zeilen und hin und wieder eben auch ein wenig Altpapier. Durch ihr jahrelanges tägliches Schreiben habe sie ein Gemüsefach in ihrem Kopf aus dem sie immer wieder neue Ideen und Techniken ziehen könne. Auf die Frage, ob sie jeweils von Anfang wisse, wie ihre Geschichten zu Ende gehen werden, verneinte sie und sagte, sie wisse vor allem, wie sie nicht zu Ende gehen sollen. Waldis, deren nächstes Buch bereits fertig geschrieben ist und sich aktuell im Lektorat befindet, zeigte den Interessierten in der bis auf den letzten Platz besetzten Bibliothek vor allem auf, dass tägliches Schreiben sich lohnen kann und dass Geduld bei der Veröffentlichung eines Buches doch auch noch eine tragende Rolle spielt. Sie wirkte trotz ihrer langjährigen Karriere als Schreibende stets auf dem Boden geblieben und nahbar. Ihr feiner Humor und ihre Art komplizierte Dinge auf einfache Weise herunterzubrechen und dadurch verständlich zu machen, erfreute ihre Anhängerschaft in Mels, für welche sie sich mit einer Engelsgeduld Zeit nahm.

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