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Ein ungewöhnlicher Streik
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Ein ungewöhnlicher Streik

ICH hielt sich für das Mass aller Dinge und das bedeutendste Wort überhaupt. Egal was oder wer ihm begegnete, alles war unbedeutend und verlor neben ICH an jeglichem Wert. Die Beliebtheit des Wortes hielt sich bei den anderen Worten allerdings in Grenzen. ICH störte sich jedoch nicht daran, es registrierte die anderen Worte ohnehin nur nebenbei, da es seine ganze Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sich selber widmete.

Das ging lange gut, weil die anderen Worte zwar ihren Teil dachten, aber für sich behielten. Sie konnten damit leben. Doch bestehen Worte letztlich aus einzelnen Buchstaben. Ohne diese gäbe es keine Worte, kein einziges Wort würde ohne Buchstaben bestehen. Genau diese Buchstaben wurden von ICH noch weniger beachtet als die anderen Worte, denn jeder Buchstabe für sich alleine ergäbe schliesslich keinen Sinn - sie wären in der Folge sinnlos. Auch die Buchstaben akzeptierten diese Meinung lange, sie waren es gewohnt von einigen Worten als unbedeutend betrachtet und behandelt zu werden. Unabhängig davon kannten sie ihren Wert, im Bewusstsein die Grundlage der Worte und damit auch der Sätze zu sein – also die Grundlage jeder Sprache.

Irgendwann hatten die Buchstaben genug. Sie wollten wenigstens zur Kenntnis genommen werden. Vor allem I, C und H bekundeten Mühe mit dem Umgang, den ICH mit ihnen pflegte. Sie beschlossen in einen unbefristeten Streik zu treten und stellten sich nicht mehr zur Verfügung für die Worte. ICH hielt das erst für einen Scherz, stellte jedoch bald fest, dass es nicht mehr existierte. Trotzdem ging die Sprache weiter, auch ohne ICH.  Das konnte ICH nicht fassen. Wie war so etwas möglich? Als sich auch die anderen Buchstaben und Worte auf die Seite der drei streikenden Buchstaben stellten, brach für ICH eine Welt zusammen. Alles, woran das Wort einst geglaubt hatte, erwies sich als Irrtum.

Was folgte, war eine tiefe Depression. ICH verkroch sich in seinem zu Hause und ging nicht mehr vor die Tür. Anrufe ignorierte das Wort, auch auf das Klingeln an der Tür reagierte es nicht. Draussen ging das Leben jedoch weiter und es bekam eine neue Dynamik. Die Sprache veränderte sich und das – nach Meinung einiger Nutzer – zum Guten. Auch dachten viele Worte plötzlich über die Bedeutung der Buchstaben nach und erkannten deren Bedeutung. Sie begannen diese eher zu schätzen und der Umgangston wurde freundlicher. Als die Buchstaben I, C und H die Veränderungen registrierten, freuten sie sich. Sie hatten erreicht, was sie wollten. Zum gleichen Zeitpunkt hörten sie vom Schicksal des Wortes ICH. Es tat ihnen leid, auch wenn es sich vorher nicht korrekt verhalten hatte.

Gemeinsam überlegten die drei Buchstaben, wie sie darauf reagieren sollten. Sie schrieben ICH einen Brief, erläuterten ihren Standpunkt und liessen gleichzeitig keine Zweifel aufkommen, dass sie dem Wort verzeihen, wenn es sein Verhalten ändert. Dann schoben sie diesen Brief unter der Haustür von ICH durch. Das Wort fand das Schreiben und zögerte erst es zu öffnen. Noch mehr schlechte Nachrichten vertrug es nicht mehr. Auf der anderen Seite war diese Neugier, welche bei ICH am Ende überwog. Es öffnete den Brief und las ihn. Gerührt und gleichzeitig beschämt, entschied sich das Wort dieses Friedensangebot anzunehmen.

ICH lud I, C und H zu sich ein, entschuldigte sich und die vier tranken gemeinsam Kaffee. Den Kuchen brachten die Buchstaben mit. Gemeinsam überzeugten sie das Wort mit nach draussen zu kommen und sein Leben wieder aufzunehmen, einfach in anderer Form. ICH ging mit und seither existiert es wieder in der Sprache. Zu Anfang geschah dies noch in bescheidener Form, doch ist seither viel Zeit vergangen und ICH stellt sich inzwischen wieder öfter in den Vordergrund.  

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