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Eine Corona-Betroffene im Gespräch
Bild/Illu/Video: zVg.

Eine Corona-Betroffene im Gespräch

Wie geht es Dir heute?

Mir geht es den Umständen entsprechend gut, danke. Aber ich bin noch nicht 100 Prozent fit. Kleinste Anstrengungen wie zum Beispiel Treppensteigen machen mich schnell müde. Ich komme ausserdem gerade vom Arzt. Meine Lunge hat ihre volle Funktion noch nicht wiedererlangt. Es bleibt unklar, ob ich Langzeitschäden vom Corona-Virus davontragen werde – und das, obwohl ich keine Vorerkrankung habe, regelmässig Sport mache und auf meine Ernährung achte.


Wie hast du gemerkt, dass du den Corona-Virus hast?

Ich bekam eines Abends plötzlich Schüttelfrost, Fieber und Gliederschmerzen. Ich betete: Bitte lieber Gott, lass es nicht Corona sein. Ich quartierte mich noch in jener Nacht aus dem Schlafzimmer aus und hielt Abstand von meinem Mann. Am nächsten Morgen rief ich dann sofort im Landesspital an. Man bat mich, sofort zu einem Test vorbeizukommen. Unter Schüttelfrost fuhr ich alleine nach Vaduz. Dort angekommen wurden bei mir Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung gemessen und schliesslich ein Nasenabstrich gemacht – der Corona-Virus-Test. Anschliessend durfte ich nach Hause zur Selbstisolation. 24 Stunden später dann der Anruf vom Landesspital: Der Corona-Virus-Test war positiv.


Was ging dir in diesem Moment durch den Kopf? Was hast du gefühlt?
Es war als würde man mir den Boden unter den Füssen wegziehen. Ich fragte mich: Und jetzt, wie weiter? Muss ich sterben?! Dieses Gefühl ist äusserst erdrückend und nur schwer beschreibbar. Plötzlich stand mein Mann im Türrahmen und ich sagte nur zu ihm: «Schatz, ich bin positiv, bleib fern von mir.» Er hörte auf mich, drehte sich um und machte im Schockzustand wortlos die Türe hinter sich zu. Ich stand alleine im Zimmer und weinte. Ich hätte so dringend Trost gebraucht, aber niemand durfte mehr in meine Nähe. Ich hätte in diesem Moment alles für eine Umarmung gegeben!


Hat die Selbstisolation zu Hause gut funktioniert?
Ja. Wir haben das Ankleidezimmer in ein Isolationszimmer verwandelt. Dieses eignete sich gut, weil das Bad direkt daneben ist.  Mein Mann hat ein Bett vom Dachboden geholt und mir Fernseher und Wasserkocher vor die Türe gestellt. Auch die Essensübergabe erfolgte so. Wir sahen uns die ersten Tage nur via Videoanruf, später dann, als es mir besser ging, kommunizierten wir über den Balkon. Manchmal schob er mir auch Zettelchen mit einer lieben Botschaft unter der Tür durch. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Er ist mein Fels in der Brandung. Dafür möchte ich ihm an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich danke sagen!


Wie ist es deinem Mann während deiner Isolation ergangen?
Für ihn war die ganze Situation sehr bedrückend, wie er mir später erzählt hat. Erstens wusste er nicht, welche Auswirkungen der Virus auf mich haben wird. Zweitens musste er aufgrund meiner Erkrankung selbst 14 Tage zu Hause bleiben. Sein Corona-Virus-Test fiel schliesslich negativ aus. Dieses Resultat nahmen wir mit gemischten Gefühlen auf. Selbstverständlich waren wir froh, dass er gesund war. Gleichzeitig bedeutete das aber auch, dass wir beide zu Hause bleiben mussten und uns trotzdem nicht sehen durften. Hätte er den Virus auch gehabt, hätte ich das Zimmer verlassen dürfen und mich gemeinsam mit ihm in der Wohnung isolieren können.


Was hast du die ganze Zeit alleine in den geschätzt 20 Quadratmetern gemacht?
Neben viel Tee getrunken und inhaliert, habe ich auch oft mit meiner Mutter oder Schwester via Videoanruf telefoniert. Es tat sehr gut, über meine Situation zu sprechen. Den Fernseher machte ich ziemlich schnell wieder aus. Die Nachrichten und Berichterstattungen waren voll mit Informationen zum Corona-Virus. Überall Tote oder Menschen in Spitälern, die an den Beatmungsgeräten hingen, ich konnte das nicht mitansehen.


Es kursieren ja zahlreiche Falschmeldungen und Verschwörungstheorien zum Corona-Virus. Was löst das bei dir aus?
Ganz ehrlich: Ich habe deswegen eine grosse Wut im Bauch. Die Faktenlage ist sonst schon unsicher, muss man dann extra noch Unruhe stiften mit Halbwahrheiten und eigenen Thesen? Ich habe das Gefühl, in der Corona-Krise entwickelt sich jeder zum Experten. Die Wissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen. Können wir uns nicht einfach aufgrund der aktuellen Erkenntnisse an die Massnahmen halten – zum Schutz aller?


In diesem Fall findest du die Massnahmen der Liechtensteiner Regierung beziehungsweise  des Schweizer Bundesrats angemessen?
Definitiv. Ich möchte wirklich nicht in deren Haut stecken. Die Regierung muss so viele wichtige Entscheidungen treffen und das auf einer Faktenlage, die sich regelmässig ändert. Auf Nummer sicher zu gehen scheint für mich aktuell wirklich die beste Lösung zu sein.  Was richtig oder falsch ist, werden wir wahrscheinlich auch nie herausfinden. Denn je nachdem wie gehandelt wird, sieht die Entwicklung anders aus. Und sind wir ehrlich: Man kann es nie allen recht machen. Und wie wir jetzt gesehen haben, gibt es auch immer Kritik, egal wie die Situation aussieht. Ich sehe die Diskussionen in den sozialen Medien jetzt schon vor mir: Gibt es eine zweite Welle, heisst es, die Schutzmassnahmen wurden zu schnell gelockert. Bleibt die zweite Welle aus, waren die Massnahmen zu hart.


Welchen Umgang mit dem Corona-Virus wünschst du dir persönlich?
Als Betroffene wünsche ich mir, dass man den Virus ernst nimmt und sich an die aktuellen Massnahmen hält, insbesondere jetzt, wenn die Geschäfte wieder öffnen. Zum Beispiel das Abstand Halten beim Einkaufen hat meiner Meinung nach einfach mit Respekt gegenüber den Mitmenschen zu tun. Ich wünsche wirklich niemandem, dass er sich mit dem Corona-Virus ansteckt.


Weisst du wo du dich mit dem Virus infiziert hast?
Nein, und ich habe auch aufgehört, mir diese Frage zu stellen. Fakt ist, dass ich mich angesteckt habe, kurz bevor die ganzen Corona-Massnahmen erlassen wurden. Damals hatte ich beruflich noch Kontakt zu mehreren Menschen, unter anderem aus dem Ausland. Es stellte sich dann später heraus, dass mindestens zwei davon auch krank waren, aber trotz Symptome nicht auf den Corona-Virus getestet wurden. Nicht überall wird so viel getestet wie in Liechtenstein.


Wie hat dein Umfeld auf die Diagnose reagiert?
Mein Umfeld hat meiner Meinung nach sehr gut reagiert. Ich habe keine negativen Rückmeldungen erhalten. Mein Mann hat sich, wie bereits erwähnt, sehr gut um mich gekümmert. Meine Mutter und Schwestern haben mir in der Selbstisolation sehr mit Gesprächen via Videotelefonie geholfen. Auch mein Chef hat mich regelmässig angerufen und sich nach meinem Gesundheitszustand erkundigt. Ich kann mich also sehr glücklich schätzen, solch ein tolles Umfeld zu haben. Als ich erfahren habe, dass ich mich angesteckt habe, habe ich auch Personen aus der Risikogruppe informiert, mit denen ich kurz zuvor noch Kontakt hatte. Auch diese haben sehr verständnisvoll reagiert und waren sehr froh, dass ich sie informiert habe. Ich habe zum Glück niemanden angesteckt.


Wie war eigentlich der Verlauf deiner Corona-Erkrankung?
Laut Arzt war mein Verlauf der Erkrankung sehr typisch. Die ersten drei Tage hatte ich Grippesymptome. Dann fühlte ich mich plötzlich besser, bevor dann am fünften Tag der Husten hinzukam. Schliesslich nahm der Druck in meiner Brust zu, als würde ein Elefant darauf sitzen. Am 9. Tag war der Höhepunkt: Ich bekam kaum mehr Luft und hatte Todesangst! Das war der Moment, als ich die Türe öffnete und meinen Mann rief. Er fuhr mich dann unter Schutzmassnahmen ins Landesspital. Ich musste zum Beispiel eine Maske tragen und auf dem Rücksitz diagonal zu ihm sitzen. Auch das Auto sollte ich, wenn möglich, nicht mit den Händen berühren. Mein Mann musste mir die Türen öffnen und schliessen, sowie immer einen Sicherheitsabstand einhalten. Im Spital dann die ernüchternde Nachricht: Der Corona-Virus hat zu einer viralen Lungenentzündung geführt. Ein Hoffnungsschimmer: Meine Vitalwerte waren ansonsten gut, meine Chance auf Genesung hoch. Trotzdem musste ich fünf Tage zur Beobachtung im Spital bleiben. Aber auch dort konnte ich nicht mehr machen als die Symptome bekämpfen. Also trank ich weiter literweise Tee, inhalierte regelmässig und nahm Medikamente gegen die Schmerzen. Am Tag 14 der Krankheit durfte ich zurück in die Selbstisolation zu Hause. Ein Tag später war der Husten weg und als ich 48 Stunden lang symptomfrei war, durfte ich endlich das Zimmer verlassen.


Was hast du als erstes gemacht, als deine Selbstisolation zu Ende war?
Ich habe die Zimmertüre geöffnet, meinen Mann umarmt und einfach nur geweint.


Wie geht es jetzt weiter?
Ich steigere nun langsam mein Arbeitspensum. Gleichzeitig stehe ich unter ärztlicher Kontrolle. Mein Mann und ich machen ausserdem bei der Antikörper-Studie mit. Ich werde alle meine Daten wie zum Beispiel Lungenbilder der Forschung zur Verfügung stellen, damit die Wissenschaft im Kampf gegen den Corona-Virus weiterkommt.

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