Einzelkinder - Bemitleidet - Bemuttert - Beneidet?
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

Einzelkinder - Bemitleidet - Bemuttert - Beneidet?

«Hast du denn gar keine Geschwister?» Allein, das «denn gar» in diesem Satz, flüstert schon eine Ahnung des Vorurteils. Natürlich muss das nicht so sein, es gibt ja auch die Einzelkind-Befürworter, die einen Satz so formulieren könnten, jedoch sind diese allzu selten gesät, meiner Meinung nach.


Einzelkinder lernen nicht zu teilen, sie sind verzogen, bekommen alles geschenkt und sind im Alter einmal arm dran, weil sie einfach niemanden haben, der ihnen bei Familienangelegenheiten hilft. Ist das wirklich so?

Ich kenne Mütter, die sich wirklich ins Zeug legten, damit ihr Einzelkind nur selten alleine war. Sie legten sich einen brandneuen Freundeskreis zu, in dem das Kleinkind mit anderen Kindern in Kontakt kam, und dabei jahrelange Freundschaften entstanden - bis ins Erwachsenenalter. Sind diese Einzelkinder wirklich allein?

Dann gibt es diese Kinder, die eine Menge Zeit für sich selber brauchen. Ja, diese gibt es wirklich. Ein mir bekanntes Geschwisterpaar unternimmt - noch im Kindesalter - selten gemeinsam etwas Alltägliches, wie spielen auf dem Spielplatz. Die Mutter erklärte mir dies wie folgt: «Nun ja, die Kleine möchte immer raus gehen, Freunde treffen, ist offen und abenteuerlustig, wobei der Große (5-jährig) oftmals alleine sein möchte, für sich sein will und diese Zeit unbedingt zu seiner Entwicklung beiträgt.»

Ich staune nicht schlecht, frage mich wie diese Mutter so einen Spagat zu Stande bekommt, aber sie findet einen Weg, um es beiden recht zu machen. Auch wenn das alles andere als einfach scheint.

Eine andere Frau erzählte mir einmal aus ihrer Kindheit. Sie wäre so gern ein Einzelkind gewesen, und sagte das schon sehr früh ihrer eigenen Mutter. Diese Frau wuchs dann aber später mit zwei Geschwistern auf. Und da wären wir wieder beim Teilen. Lernt ein Kind wirklich nur durch seine Geschwister zu teilen? Ist es denn tagtäglich nur mit seinen Geschwistern beschäftigt? Unternimmt dieses Kind denn niemals etwas mit Gleichaltrigen, sondern nur mit seiner Schwester oder seinem Bruder? Anders formuliert: Kann ein Einzelkind das Teilen nicht durch Gleichaltrige, zum Beispiel auf dem Spielplatz lernen? Oder in Gemeinschaft mit seinen Freunden?

Ich bin der Meinung, dass es immer einen Grund für ein Einzelkind gibt oder eben auch nicht. Aber es spielt keine Rolle. Denn es gibt auch die Geschwisterkinder, die nichts miteinander anfangen können, auch im Erwachsenenalter nicht. Und es gibt diejenigen die ständig miteinander streiten. Ein Einzelkind muss einem nicht leidtun. Für ein Einzelkind ist es wahrscheinlich ganz normal, dass es eben allein mit Mama und Papa ist, vielleicht geniesst es das ja auch. Und natürlich gibt es auch die Einzelkinder, die sich sehnlichst ein Geschwisterchen wünschen und vielleicht irgendwann einmal eines bekommen. Jedes Kind findet irgendwann Freunde, eine Partnerschaft oder geht alleine den Weg durchs Leben. Ob mit oder ohne Geschwister. Jedes Kind gestaltet früher oder später sein Leben so, wie es für sich selber richtig ist.

Geschwister zu haben ist ein Segen, etwas Wundervolles, genauso, wie ein Einzelkind zu sein. Manche Eltern trauen sich einfach kein zweites Kind zu, weil sie befürchten, überfordert zu sein. Dann wählen sie lieber die folgende Variante: Lieber eine gute/r Mutter/Vater sein für ein Kind, als eine überforderte, verbitterte/r Frau/Mann mit drohendem Burnout zu werden.

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