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Einzigartig individuell
Bild/Illu/Video: Karin Hobi-Pertl

Einzigartig individuell

Die meisten Kleinkinder lassen sich von «Konkurrenz» kaum beeinflussen. Sie betrachten sich im Spiegel und finden sich ganz einfach schön und absolut gut, so wie sie sind.


Das Kind als Held
Das erinnert mich an die personalisierten Kinderbücher. Die sind ja grad äusserst aktuell. Das Kind verewigt in der Geschichte eines Kinderbuches. Wenn auch in erster Linie mit dem Namen. Aber es macht das Kind stolz, den Hauptprotagonisten spielen zu dürfen. Da spielt Konkurrenz weder eine Rolle noch kommt das Kind auf die Idee, nicht Held oder gar schlechter als andere sein zu können. So, wie sie durchs Leben gehen. Denn ein Star zu sein, darauf verzichten sie weder aufgrund falscher Bescheidenheit noch aus Angst oder dem Gefühl, ein anderer könnte ihre Rolle besser spielen.

Weniger Wert
Ganz anders in der Erwachsenenliteratur. Unglaublich spannend, wie bei den «Grossen» in Romanen auf Konkurrenz reagiert wird. In unzähligen Büchern, die ich gelesen habe, ging es tatsächlich darum, dass sich der eine wertloser wahrnimmt als den anderen. Rivalität, Neid, Bewunderung, Angst bis hin zur Abhängigkeit: Die Reaktionen auf das Gefühl, auf irgendeine Art und Weise weniger wert zu sein, das erzeugt allerlei mögliche «Überlebensstrategien». Die moralische Ansicht über «richtig» oder «falsch» darf natürlich individuell beurteilt werden.

Bewunderung, Abhängigkeit und Lügen
Ich schaue mal in meine private Bibliothek und entdecke auf Anhieb etliche Geschichten, in der das Thema «Konkurrenz» in irgendeiner Form integriert ist. Als müsste es bei Erwachsenen einfach so sein. Zuerst sticht mir «Lügnerin» von Ayelet Gundar-Goshend ins Auge. Die Hauptprotagonistin, die sich im Vergleich zu ihrer schönen Schwester immer als die hässliche Unscheinbare sieht, verstrickt sich in der grossen Lüge eines sexuellen Missbrauchs. Was sie tatsächlich unverhofft ins Rampenlicht beförderte und ihr genau die Anerkennung bringt, nach der sie sich gesehnt hat. Alles andere als «richtig» oder fair. Aber so manche Leser werden zumindest einen Hauch von Mitgefühlt und Verständnis dafür aufbringen, sich innert weniger Sekunden für oder gegen Aufmerksamkeit zu entscheiden und sich für das erste zu entscheiden.

Bewunderung auf perverse Art
Kennt ihr «Dunkelgrün fast schwarz» von Mareike Fallwickl? Ich liebe dieses Buch! Moritz, der Neue des Ortes, folgt dem selbstbewussten Raffael, der die Situation schamlos ausnutzt. Und Moritz verliert sich allmählich in seiner Bewunderung und Abhängigkeit, wird sich dessen aber erst bewusst, als eine Frau mit ins Spiel kommt und aus dem Duo ein Trio wird. Eine Geschichte mit fatalen Folgen. Für alle. Ganz ähnlich in«Unterwegs» von Jack Kerouac. Dean geniesst die Bewunderung von Jack ganz offensichtlich mit viel Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. Teilweise schon fast auf eine perverse Art und Weise, woraus sich eine ganz subtile Form von Abhängigkeit ergibt, die so manchen Leser völlig in den Bann zieht und mitreisst. Auch mich.


Vom Scheitern und Hoffen
Dann erinnere ich mich auch an den mittellosen Jungen in «Fast genial» von Benedict Wells (einer meiner liebsten Schriftsteller), der in seinem Leben einfach nichts hinkriegt. Der Looser der Schulklasse, auf sich alleine gestellt, der zusehen darf, was die anderen erschaffen, während er wieder und wieder scheitert. Seine letzte Hoffnung ist die Suche nach seinem ihm unbekannten Vater. Einem Samenspender, der angeblich ein Genie sein soll. Seine letzte Hoffnung. Denn somit müsste er intelligent sein. Oder zumindest auf sein Talent aufbauen können. Er setzt alles auf ihn. Seinen Vater und Retter. Dass es dann anders kommt, könnt ihr euch bestimmt denken.

Fett und ohne Talent
Und nicht zu vergessen eine meiner liebsten Geschichten: «Elsa ungeheuer» von Astrid Rosenfeld. In der ebenfalls das Gefühl von Nichtgenügen regiert, was zu Abhängigkeit führt. Der kleine Karl, der soeben seine Mutter verloren hat, ist sich sicher, nicht überleben zu können ohne seinen grossen, schönen Bruder Lorenz.

Zitat aus «Elsa ungeheuer»:
«Lorenz war zwei Jahre älter als ich, einen Kopf grösser und viele Kilos leichter. Er war mein Beschützer, mein Freund, mein Vorbild. Ein fetter Junge wie ich, der seine Fettheit weder mit Kraft noch mit einem besonderen Talent wettmachen konnte, war das geborene Opfer für den Zorn und die Langeweile der Dorfkinder. Nur meinem Bruder hatte ich es zu verdanken, dass die anderen mich meistens in Ruhe liessen.»

Das Buch stellt auf der Rückseite auch die schöne Frage: Doch was ist am Ende stärker: Ruhm? Rausch? Rache? Oder die Liebe? Na dann lest da mal rein! Es lohnt sich.

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