Ergänzen sich Nachhaltigkeit und Digitalisierung?
Bild/Illu/Video: gannaca

Ergänzen sich Nachhaltigkeit und Digitalisierung?

Zur Person: Christopher Patrick Peterka, 41, ist Futurist, Cyborg, Unternehmer und Investor. Er war 21 als er im Jahr 2000 Natural Language Interface gründete, ein Unternehmen, das sich mit der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine beschäftigte. 2016 initiierte er in Liechtenstein The HUS.institute, eine Denkfabrik, die erforscht, wie die Transformation in die digitiale Welt gelingen kann. Peterka begleitet weltweit Organisationen zu Fragen rund um die Themen Innovationskultur und Zukunftsstrategie.  Als international gefragter Redner zeigt er, «die tektonischen Verschiebungen zwischen alter und neuer Welt» auf, ausgelöst durch Globalisierung, Digitalisierung, Demographie und Klimawandel. Nicht zuletzt bekannt er sich als selbsternannter Cyborg demonstrativ zum Menschsein. Er ist Vater von zwei Kindern.


Sie bezeichnen sich als Cyborg. Aber Ihr Schädel ist nicht aus Metall. Und es blinkt auch kein rotes Lichtlein an Ihnen. Wieso also diese Selbsteinschätzung?

In meiner linken Hand steckt ein RFID-Chip. Mit dem mache ich meine Haustüre auf, entsperre das Arbeitstelefon, komme ins Fitnessstudio und kann meine Visitenkarte übertragen. In meiner Brust ist eine Art sechster Sinn implantiert: ein Kompass des Londoner Unternehmens Cyborg Nest.


Sechster Sinn?

Ja, das ist der Plan. Die Tüftler wollen herausfinden, ob es möglich ist, den fünf menschlichen Sinnen – Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, Schmecken – weitere künstliche Sinne hinzuzufügen. Und dann besitze ich noch ein externes Organ, wie es 99 Prozent der Menschen auch haben: das Smartphone. Wir sind alle mehr Cyborg als wir denken. Viele Menschen fühlen sich fast amputiert, wenn man ihnen das Smartphone mal wegnnimmt.


Sie arbeiten mit ihren Teams, wie Sie sagen, auf sechs Kontinenten – wieso sechs?

Unser Think Tank «gannaca» besteht aus einer Gruppe von Teams, die auf sechs Kontinenten verteilt sind. Die Social-Media-Sphäre betrachten wir buchstäblich als sechsten Kontinent.


Als Futurist sagen Sie zukünftige Ereignisse und Prozesse voraus. Wie stellen Sie das an?

Indem wir in Langzeitstudien zu ergründen versuchen, welche Muster das Digitaliserungsphänomen haben könnte. Wir tun das in über 50 Ländern und haben schon  bald über 2000 qualitative Tiefeninterviews geführt, meistens mit Entscheidern aus sehr unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen. Mit Politikern, Künstlern, Unternehmern. Wir machen Netnografie, das Wort ist ein Konstrukt: (N)Ethnografie. Dabei geht es darum, soziale digitale Räume zu analysieren.


Auf welche Bedingugen und Reaktionen stossen Sie?

Na zum Beispiele lese ich irgendwo den Satz: «Die Zukunft beginnt jetzt». Dann denke ich: «Hallo, die Zukunft begann bei der Digitalisierung vor 40 Jahren!». Doch leider haben wir den Startschuss nicht gehört. Das erlebe ich bei ganz vielen Entscheidern. Viele glauben immer noch, Google sei bloss eine Suchmaschine.


Sie warnen auch vor der Gefahr der Digitalisierung. Die Menschheit, sagen Sie, könnte enden wie die Berggorillas in Uganda.

In den Mondbergen von Uganda existiert eine stark dezimierte Gruppe von Berggorillas. Es handelt sich um Gorillas, wie sie nur hier anzutreffen sind. Die Population ist inzwischen so klein, dass sie durch die rein natürliche Fortpflanzung nicht mehr zu retten ist. Hilft ihr der Homo sapiens nicht, stirbt die Spezies aus. Hier sehe ich eine Analogie zu einer Entwicklung, die uns bald schon selbst betreffen könnte. Es dauert vielleicht nicht mehr lange und wir erschaffen unserern eigenen biologischen Nachfolger. Homo sapiens erschafft «Software sapiens» …


… der unseren Fortbestand bedroht?

Es wäre schön, wenn wir mit diesem Nachfolgephänomen, das wir noch nicht so recht greifen können, verhandeln könnten, ob es eine Möglichkeit der Koexistenz gibt. Wir befinden uns in einer Phase, in der wir uns dabei zusehen können, was sich aus Homo sapiens Neues entwickelt. Ich rede nicht von Menschen mit implantierten Chips. Sondern von Software, die eine Art Bewusstsein entwickelt. Software, die sich zu bewegen beginnt, verändert, weiterentwickelt – und sich unserer Kontrolle entzieht.


Künstliche Intelligenz – Fluch oder Segen?

Ja. Es kann die Lösung aller Probleme dieser Welt sein. Es kann aber auch «Skynet» werden.


Sie spielen auf die künstliche Intelligenz an, wie sie James Cameron 2009 in seiner «Terminator»-Version von der Kette lässt.

Hollywood wird real, und ich kann leider nicht feststellen, dass wir mit angemessener Aufmerksamkeit darauf reagieren. So toll ich die technische Entwicklung finde, in einem Reservat möchte ich meine Kinder nicht enden sehen.


Und dazu kommt der Klimawandel. Welche Gefahr ist grösser?

Der Klimawandel bedroht uns existentiell. Doch es besteht die Gefahr, dass wir in doppelter Hinsicht die Entscheidungshoheit verlieren. Wir delegieren heute schon so vieles an Maschinen. In sehr naher Zukunft wird sich nicht mehr die Frage stellen, ob wir das Problem noch lösen.


Wie kann es gelingen, dass die Digitaliserung uns den Himmel auf Erden ermöglicht? Wie bleibt der Mensch Herrscher über die Technologien?

Die Technologien haben als Instrumente das Potenzial, grosse, scheinbar auch unlösbare Probleme zu lösen. Da bin ich sehr optimistisch. Diese Instrumente sind allerdings in den Händen von Leuten, die Eigeninteressen verfolgen. Damit meine ich konkret: die Aktionäre und Vorstände, Datenhändler und Operatoren von Alphabet (Google), Amazon, Apple, Facebook, Tencent, Alibaba. Die interessieren sich für den Börsenkurs. Sie beschäftigen sich vielleicht mit der Frage: Wie kann ich meine Plattform so entwickeln, dass ich mich den vertrauten Regeln komplett entziehen kann.


Es fehlen also globale Regeln im Internet?

Wir haben sehr lange gewartet, dass Regulatoren irgendwann verstehen, was zu tun ist. In  diesem Tempo können wir weder den Klimawandel noch die Digitalisierung im Zaum halten. Es ist an der Zeit, Facebook und Co. Etwas entgegenzusetzen, das ähnlich gross ist.


Was könnte das sein?

Es klingt pathetisch, aber zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wird so etwas wie eine Global Governance möglich. Ich besitze zum Beispiel die elektronische Staatsbürgerschaft von Estland. Diese E-Residency erlaubt mir, eine Kapitalgeselllschaft anzusiedeln. Ich kann aus einem Starbucks in Jakarta mit wenigen Klicks eine GmbH in Tallinn gründen. In Minutenschnelle. Theoretisch kann jeder, der interessiert ist, das tun. Ein enormes Förderprogramm für das kleine Land!


Sie haben die «Republik verantwortlicher Optimisten» gegründet.

Ja. Wir laden Menschen, die guten Willens sind ein, Mitglied der «Republic of Responsible Optimists» zu werden. Noch in diesem Jahr wollen wir eine Social Citizenship schaffen. Wir wollen mit Universitäten kooperieren und alle, die das wollen, fit machen für diesen unglaublich komplexen und herausfordernden Wandel, der uns alle, egal welchen Bildungsgrad wir haben, überfordert.


Wie könnte das in der Praxis aussehen?

Wir wollen erreichen, dass man ähnlich wie in E-Estland, in einem Land, sagen wir zum Beispiel E-Liechtenstein, ein Unternehmen gründen kann, das nachweislich nach dem System der Kreislaufwirtschaft organisiert ist. Tests zeigen: die Bereitschaft, so etwas zu tun, ist gross. Es gibt den Mut zum Regelbruch, und die Schülerproteste gegen den Klimawandel, «Friday For Future», sind nur ein Beispiel davon. Dieser Regelbruch ist nicht so sexy wie Blockchain und künstliche Intelligenz, aber für mich viel interessanter, weil es um Taten statt um Worte geht.


Den Regelbruch machen andere vor.

Genau, eine Firma wie Uber sagt: Das deutsche Sozialverscherungssystem juckt mich nicht. Ich biete jetzt einfach mal eine andere Art von Fahrdienstleistungen an! Und die chinesische Staatsregierung ignoriert die Ethik und betreibt Stammzellenforschung und forciert die totale Überwachung. In Shanghai hupt niemand mehr, in Schanghai lässt jeder sein Portemonnaie im Café auf dem Tisch liegen, wenn er auf die Toilette muss, in Shanghai lässt jeder die Haustür offen. Warum? Das Internet der Dinge ist vollgepumpt mit künstlicher Intelligenz. 20 Sekunden nach meinem Regelverstoss – wenn ich gehupt habe, falsch abgebogen bin oder ein Portemonnaie geklaut habe – klingelt es dank umfassender Gesichtserkennung und Überwachung in der Staatskasse und in meinem WeChat-Pay-Account fehlen 20 oder mehr Euro.


Und man bekommt Minuspunkte für unsoziales Verhalten.

Exakt. Du gehst bei Rot über die Strasse. Wenn du auf der anderen Seite ankommst, blinkt dort dein Gesicht auf und du liest: Christopher ist bei Rot gegangen! Das gibt Punktabzug auf meinem Sozialkredit-Konto. 2018 durften elf Millionen Chinesen nicht den Flug buchen, den sie wollten, weil sie als «unsozial» eingestuft waren.


Franz Perrez vertritt die Schweiz bei der UN-Klima-Konferenz. Ihre Forderung an Ihn?

Herr Perrez, bitte holen Sie die Repräsentanten der D9-Staaten an den Tisch! Also die Chefs der weltweit führenden Digital-Staaten: Estland, Portugal, Grossbritannien, Israel, Kanada, Korea, Neuseeland, Uruguay, Mexiko. Auf der anderen Seite des Tisch platzieren Sie bitte die GAFATA (Google, Apple, Facebook, Amazon, Tencent, Alibaba). Würden die beiden Parteien beschliessen, dass es ab sofort zum Beispiel keine Amazon-Pakete mehr geben wird, wären wir einen grossen Schritt weiter. Denn die Versandwirtschaft ist aus ökologischer Sicht äussert schädlich.


Hmmm … klingt wenig realistisch.

Sogar utopisch. Fangen wir endlich an, das zu denken! Wenn ein Aktivist beim World Economic Forum in Davos die Unternehmenslenker zum Handeln auffordert, machen die in der Pause ein Bier auf und überlegen, ob sie das bei der Aufsichtsratssitzung im nächsten Jahr auf die Tagesordnung setzen. Wir brauchen eine andere Ansprache und vor allem: viel mehr Druck. Die Digitalisierung schreitet nicht voran. Sie wird von Menschen vorangetrieben!


Was macht Ihnen Mut?

Bei Familienunternehmen stosse ich auf offene Ohren. Das sind wirtschaftlich unabhängige, weltgewandte, exzellent ausgebildete Leute, die Verantwortung tragen. Die haben keine Lust auf ein Leben hinter dem Stacheldraht irgendwo in Schottland, wie die börsenkotierten Konzerne. Zum Glück bilden diese Familienunternehmen die Mehrheit. Die sagen: Nun produzieren wir in dritter Generation Schmierstoffe für Automobile und verstehen, dass der Verbrennungsmotor Geschichte ist – wir gehen jetzt den Wandel an und investieren!


Warum fehlt China bei den D9?

Mein Eindruck ist, dass China sich nicht als eines von 196 Ländern versteht, sondern als eigenen Planeten. Im Ernst: Wir alle schauen auf die UN, UNFCC und G7, aber nicht auf die D9, die verstanden haben, wie man über Datennutzung und IOT (Internet der Dinge) massenhaft Menschenverhalten effektiv steuern kann. Das sollten wir aber dringends tun.


Wir erleben gerade eine Art Weltkrieg um die Werte dieser Welt: Wenn die US-Botschafter  der britischen und der deutschen Regierung vorschreibt, keinesfalls chinesische Huawei-Technologie zu nutzen, weil man sonst das Geheimdienstaustausch-Abkommen kündigt, stehen wir am Vorabend einer grossen Auseinandersetzung.


Was läuft in den sogenannten Entwicklungsländern?

Es gibt fantastische Iniatiativen in afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Städten. Sie interessieren sich nicht für Europa. Viel zu klein, interessiert uns nicht. Die Talente dort bilden eine unschätzbar wertvolle Ressource. Denen müssen wir nichts erklären. Die können umgehkehrt uns helfen, aus dem Quark zu kommen. Nigeria ist in der Lage, innerhalb weniger Jahre Frankreich und Italien in den Schatten zu stellen. In den islamischen Ländern leben 1.5 Milliarden Menschen, im hispanischen Raum immerhin eine halbe Milliarde. Die Gewichte verschieben sich.


Wer rettet die Welt und kriegt den Klimawandel in den Griff?

Unsere Kinder. Ein Kind aus dem Slum in Bombay, das via YouTube einen Kurs in Standford besucht, steht in direktem Kontakt mit einem Kind aus Zürich, das kurz davorsteht, in den Familienbetrieb einzusteigen – das ist meine Vision, auf eine sozial vernetzte Welt setze ich.


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