Erzähl mir doch (k)ein Märchen
Bild/Illu/Video: zVg.

Erzähl mir doch (k)ein Märchen

78 und 73 Jahre alt sind sie geworden. Die beiden Stars aus Hanau im Bundesland Hessen. Juristen sollten sie werden. Bis ihnen ein Lehrer seine Privatbibliothek zeigte. Von diesem Zeitpunkt an entstanden ihre Märchen, nicht (nur) aus eigener Phantasie, sondern nach alten, vorwiegend mündlich überlieferten und von ihnen überarbeiteten Geschichten.      

 

«Alle sind schön!»

Und nun – mehr als 150 Jahre nach ihrem Tod – erzähle ich meiner vierjährigen Tochter (oder sie mir!) noch immer ihre Märchen. Verrückt. Irgendwie. Und wenn ich über den Sinn der Geschichte nachlese, wird mir, was «Froschkönig» betrifft, irgendetwas von Sexualität erzählt. Während meine Tochter mich fragt, wieso genau DIESE Königstochter die Schönste sein soll. «Alle sind doch schön!», sagt sie mir. Wie recht sie damit hat. Und wie sehr sie mir damit zeigt, dass sie mitdenkt, versteht und sich das für sich herausnimmt, was für sie wichtig ist. Dem Sexismus will sie sich wohl nicht unterwerfen.


Wollen wir nicht alle daran glauben?

Während ich im Buchhandel tätig war, habe ich kritische Eltern erlebt, die ihren Kindern keine «Märchen auftischen wollten». Als zweifache Mutter begann ich, die Märchen genauer zu betrachten. Ja, stimmt. Da wird von Eltern erzählt, die ihre Kinder aus Not im Wald aussetzen. Da ist der Bösewicht, der andere auffrisst. Da ist ganz viel Unfairness, Hochmut, Neid und Schicksal. Natürlich habe ich auch den Wunsch, meine Kinder zu beschützen. Aber nicht vor dem Leben. Dass das «Leben» nicht nur «Friede, Freude, Eierkuchen» bedeutet, das dürfen sie in meiner Welt mitbekommen. Sie dürfen lernen, dass sie nicht allen die Tür öffnen und nicht allen ihr Vertrauen schenken sollen. Und den Mut haben, für ihr eigenes Glück zu kämpfen. Und meistens, so erzählen es uns ja die Gebrüder Grimm, siegt ja sowieso das Gute. Wollen wir nicht alle daran glauben?


Nur in anderer Verkleidung

Also ich bin Jacob und Wilhelm dankbar für ihre Geschichten in Märchenform. Für ihre Sichtweise und Erfahrung mit der Welt. Ausserdem sind es genau die Storys, die wir noch in derselben Form erleben. Nur rund 150 Jahre später. Nur in anderer Verkleidung. Jeder einzelne von uns. Jeder ist mal der «Gute». Jeder mal der «Bösewicht». Steckt nicht in jedem von uns ein Wolf? Halten wir tatsächlich all unsere Versprechen? War nicht jeder von uns mal das Aschenputtel, die böse Hexe oder der König? Setzen wir nicht das aus, was zu uns gehört, während wir uns um das «Wesentliche» kümmern? Trennen wir nicht täglich Spreu von Weizen? Und hoffen wir nicht auf den Prinzen, wenn wir den Frosch küssen? Nein? Ach, Leute! Erzählt mir doch (k)ein Märchen!


Für alle, die noch nicht genug von den Märchen haben, gibt's heute exklusives Bonusmaterial. Denn hier erzählt die 4-jährige Aneah die Geschichte des Froschkönigs nach. Viel Spass damit!  

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