5 CDC 5 Buuchgfuehl
«Feuer»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Feuer»

Marianne schloss langsam die Tür ab. Kalt lag der Schlüssel in ihrer Hand. Sie horchte ins Dunkle hinein. Der Kühlschrank brummte aus der Küche, irgendwo bellte ein Hund.


Weihnachten.

Mama und Papa feierten zu Hause, sie war hier. Alleine. Sie konzentrierte sich auf die Umrisse des Flurs und biss die Zähne zusammen. Nein, sie wollte diese Sehnsucht nicht spüren. Sie konnte nicht nach Hause. Nicht, seitdem das mit Peter passiert ist. Peter. Die Erinnerung an ihn schmeckte herb und weich. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Rasch tastete sie nach dem Lichtschalter, das Licht ging an. Ihre Jacken hingen wie verwelkte Blumen an der Garderobe. Der dumpfe Teppich entzog dem Flur die Luft zum Atmen. Sie schlüpfte aus ihrem feuchten Mantel und streifte die Winterstiefel ab. Achtlos liess sie beides liegen. Ein dunkler, nasser Fleck begann sich auf dem Teppich zu bilden. Sie zuckte die Achseln, das würde schon irgendwann wieder trocknen.


Ein dunkler Fleck, wie damals.

Das Blut, das den Teppich tränkte. Und mitten drin Peter…

Ihr Magen zog sich zusammen. Sie lief zur Küche, schaltete das Licht ein und stellte die Kaffeemaschine an. Heiss und würzig, das brauchte sie jetzt. Sie rieb sich die Nase. Warum hatte sie nur auf Nadja gehört und war an diesen blöden Weihnachts-Apéro gegangen? Jetzt ging es ihr noch schlechter als vorher. Sie war nicht nur alleine, sondern fühlte sich jetzt auch noch einsam. Sie stellte eine Tasse unter die Maschine und drückte den Knopf. Es dröhnte und mahlte, Marianne lächelte, sie liebte dieses Geräusch. Bilder tauchten auf von früher – gemütliche Frühstückstunden mit frisch gebackenem Brot, auf dem die Butter schmolz, duftender Kaffee und Gespräche mit Mama und Papa, die leicht dahinflossen und doch lange nachklangen. Später auch mit Peter, als er bei ihr übernachtete. Sie blieb regungslos stehen – ihr Blick ging ins Leere. Sie hielt die warme Tasse mit beiden Händen unter ihre Nase, der heisse Dampf schmeichelte ihre Wangen. Was essen musste sie, obwohl, Hunger hatte sie keinen. Ach, später. Sie ging ins Wohnzimmer, zündete die dicken, roten Kerzen an, stellte die Tasse auf den Boden und begann Holzscheite im Kamin zu stapeln. Der Wind drückte gegen die Scheiben, irgendwo schlug eine Tür zu. Bald würde es anfangen zu schneien. Vielleicht gab eine weisse Weihnacht? Marianne lachte kurz auf. Was für eine Rolle spielte das, ob sie nun mit Schnee oder Regen alleine zu Hause saß und in den Kamin starrte? Sie hielt eine Kerze in den Kamin. Es knackte, die Flammen frassen sich gierig ins Holz. Sie stellte die Kerze zurück und hielt den Atem an. Wärme durchströmte sie. Das Knistern nahm zu, die Hitze legte sich wohltuend auf ihre Haut, es roch nach Russ und Holz. Ihre Umgebung begann orange und gelb zu schimmern, ihr Brustkorb zog sich zusammen und alle Kraft entwich aus ihren Armen und Beinen. Dann wurde alles schwarz.


Marianne blinzelte. Unscharfe Schatten tanzten vor ihren Augen. Ihr Kopf war schwer, der Mund trocken. Wo war sie? Was war passiert? Ihre Arme und Beine waren wie nasse Sandsäcke, im Kopf nur Nebel. Sie hörte ein Knistern. Der Kamin! Genau! Sie hatte zu Hause ein Feuer gemacht und dann war es ihr plötzlich schwindlig geworden und sie war wohl in Ohnmacht gefallen. Vielleicht unterzuckert?

Sie fröstelte. Warum war es so kalt in der Wohnung? Wieso war es so hart auf dem Boden, sie lag doch auf dem Teppich vor dem Kamin? Es war ungewöhnlich dunkel. Stimmt, sie hatte im Wohnzimmer Kerzen angezündet. Langsam begann sie, klarer zu sehen. Sie drehte den Kopf zum Feuer. Der Kamin. Sie hielt den Atem an. Er sah komplett anders aus. Er war alt, voller Ruß und Schmutz, ein rudimentärer Rundbogen aus Backsteinen. Erschrocken wollte sie aufsitzen, doch ein stechender Schmerz bohrte sich in ihre Stirn. Ihr wurde schlecht. Stöhnend ließ sie sich wieder auf den Boden fallen. Was war bloss los mit ihr? Wo war sie? Ihr Kamin war modern und weiss, nicht wie diese alte Feuerstelle. Vorsichtig versuchte sie, sich aufzustützen. Stoff kratzte an ihren Beinen. Verwundert blickte sie an sich hinunter. Anstatt der Jeans und des roten Rollkragenpullovers hatte sie einen beigen Rock, eine gräuliche Bluse und Wollsocken an. Wie konnte das sein? Woher kamen diese Kleider? War sie kostümiert? Warum konnte sie sich an nichts mehr erinnern?

Ein Flappen und Prasseln riss sie aus ihren Gedanken.

»Hallo?«, flüsterte sie. Ihre Stimme klang fremd.

Stille.


Langsam hob sie den Kopf und zog sich hoch, ohne das Feuer aus den Augen zu lassen, damit ihr nicht wieder übel wurde. Sie atmete einmal tief ein und aus und drehte den Kopf zur Seite. Und erstarrte. Das war nicht ihre Wohnung. Entweder litt sie unter Amnesie oder sie musste entführt worden sein. Statt in der Altbauwohnung mit der hohen Decke, der Stuckatur und dem glatten Holzparkettboden sass sie in einer niedrigen Holzhütte auf einem eiskalten Steinboden, eine kleine Holzbank mit Sack und Decke in der einen Ecke und ein grober Tisch mit zwei Stühlen in der anderen. Das einzige Licht kam vom Kaminfeuer. Sie liess den Blick weiterwandern. Außer ihr war niemand da.


Das seltsame Geräusch kam vom Fenster, dort peitschten Schneeflocken an die Scheiben. Vergilbte Vorhänge aus grobem Stoff rahmten poröse Holzbalken ein. Ihre Beine wackelten, als sie aufstand und sich der Wand zur dicken Eingangstür entlangschob, an der der Wind rüttelte. Mit aller Kraft zog sie am rostigen Schiebeschloss – es klemmte. Plötzlich flog es mit einem Knall auf. Der orkanähnliche Wind nahm ihr den Atem. Schnee fiel herein. Sie spähte ins Dunkle hinaus, konnte aber nichts erkennen. Der Sturm zerrte an ihr, die Schneeflocken schmolzen auf ihrer Bluse. Sie stemmte sich gegen die Tür und schaffte es gerade noch, sie zuzudrücken. Sofort schob sie wieder den Riegel vor. Heute kam sie hier nicht mehr weg.

Doch wie war sie hergekommen? Und warum?


Sie setzte sich auf die harte Bank, auf der ein Sack, vermutlich mit Stroh gefüllt, lag. Sollte das ein Bett sein? Sie erblickte eine Decke, die nach Moder roch. Sie zuckte mit den Schultern und legte sie um sich, sie hatte keine Wahl. Neben ihren Füßen lagen ein paar Bücher. Marianne nahm das oberste in die Hand. Eine alte Bibel. Sie blätterte sie durch – es war eine antike Ausgabe aus dem 16. Jahrhundert, bestimmt sehr kostbar. Sie nahm die anderen Bücher auf, auch diese sahen mitgenommen und alt aus und sie waren alle im 16. Jahrhundert herausgegeben worden. Da musste jemand ein Flair für das Mittelalter haben.


War sie etwa einem Psychopathen in die Hände gefallen, der alles so wie vor 500 Jahren nachinszenierte? Das würde auch ihre seltsamen Kleider erklären. Aber warum machte sich eine Person diese Mühe mit all den Details? Das musste wirklich jemand sehr Krankes sein. Sie zog die Decke enger um sich.


Am Tisch entdeckte sie eine Schublade und zog sie mit spitzen Fingern auf. Drin lagen Pergamentpapier, Tinte und eine Feder. Sie schob die Schublade wieder zu und schluckte. Wie sollte sie das einordnen? Noch mehr Details?


Etwas anderes war ihr nebst dem Schreibzeug noch aufgefallen: ein schwarzes, ledernes Heftchen. Sie zögerte, öffnete die Schublade wieder und nahm es heraus.


Es war verbogen und abgetragen, als hätte es jemand immer bei sich getragen. Bis auf ein paar wenige Seiten war es vollgeschrieben. Marianne klappte es auf. Ihr Herzschlag setzte aus. Sie erkannte die Schrift. Es war die ihre.


Ihre Hände zitterten, als sie den letzten Eintrag las:

24. Dezember 1560

Es stürmt noch immer, der Regen ist in Schnee übergegangen. Zum Glück bin ich noch rechtzeitig nach Hause gekommen. Die Kräuter sind getrocknet und versorgt und auch der Rest ist alles erledigt. Jetzt kann der Winter von mir aus wüten. Ich frage mich nur, wie ich nach Hause komme, bei diesem Sturm schaffe ich das niemals zu Fuss...

Es hämmerte an der Tür, Marianne fuhr zusammen und liess das Heftchen fallen.

«Wer ist da?», krächzte sie. Sie schaute sich nach Wasser um, ihr Hals brannte.

«Marianne! Mach bitte auf, ich bin’s Daniel!»

Ihre Gedanken überschlugen sich.

«Ich kenne keinen Daniel!» Schnell hob sie das Heftchen auf und legte es auf den Tisch, als wäre sie bei etwas Verbotenem erwischt worden.

«Wie? Kennst du deinen eigenen Bruder nicht mehr?»

Marianne spürte ihre Hände nicht mehr. Ihr Kopf war leer. Sie stand da und schwieg. Was ging hier vor? Sie war ein Einzelkind.

«Marianne?»

«Wer bist du? Ich habe keinen Bruder! Was willst du von mir?»

«Was erzählst du denn da für einen Mist? Lass mich sofort rein, Marianne! Der Sturm ist stark, ich bin extra zu dir geritten, um dich zu holen, wir müssen bald los, der Wind nimmt immer mehr zu und der Schnee steht schon zwei Fuss hoch! Lass mich jetzt rein, Annchen, bitte!»


Die Männerstimme klang jetzt verzweifelt. Marianne schlich mit weichen Knien zur Tür und klammerte sich an den Riegel. Annchen. So hatte Mama sie früher genannt. Woher wusste dieser Daniel das?

Wer er auch war, sie konnte den Fremden nicht im Sturm stehen lassen und scheinbar kannte er ihre Mutter. Außerdem, wenn er ihr Entführer gewesen wäre, warum hätte er sie dann alleine gelassen mit der Möglichkeit, abzuhauen oder zumindest sich einzuschliessen? Und das Tagebuch? War sie gezwungen worden, das zu schreiben? Das machte doch überhaupt keinen Sinn. Und doch, vielleicht gehörte dies alles zu seinem kranken Spiel?

«Marianne? Was ist bloß los mit dir?» Die Stimme überschlug sich vor Sorge und Verzweiflung.


Sie riss am Riegel, bereit ihn jetzt doch reinzulassen. Sie musste einfach wissen, wer er war und warum er dachte, er wäre ihr Bruder.

Ein grosser Mann trat ein und mit ihm eine ordentliche Ladung Schnee, die er abzuschütteln versuchte.

Unter dem Hut konnte sie nur einen dichten, braunen Bart entdecken, in dem sich Schneeflocken verfangen hatten.

«Endlich!» Er schloss die Tür mit Leichtigkeit, zog den Riegel vor, streckte die Arme aus und umarmte Marianne. Überrascht liess sie es geschehen.

«Marianne, was ist mir dir, geht’s dir nicht gut?»

Forschend hielt er sie an den Schultern und suchte in ihrem Gesicht nach einer Antwort. Sein Blick war warm. Er liess sie los, zog seinen triefenden Mantel und seinen Hut aus und hängte beides über den Stuhl.

«Ich … also – ich weiß nicht – ich bin nicht die, für die du mich hältst», stotterte sie. Trotz aller Verwirrung vertraute sie dem jungen Mann und fühlte eine Verbindung.

Wie kam das?

«Marianne? Was redest du da? Ich verstehe nicht.»

Daniel zog den Stuhl heran, setzte sich und verschränkte die Arme.

«Ich weiß, du warst lange weg, hast vieles erlebt, aber wir machen uns Sorgen, wir vermissen dich sehr.»

Marianne sah ein, dass er wirklich dachte, sie sei seine Schwester. Entweder hatte er Wahnvorstellungen oder sie war verrückt geworden. Es hatte keinen Zweck, ihm zu erklären, dass sie nicht seine Schwester war. Aber dass da ein Psychopath vor ihr sass, konnte sie einfach nicht glauben. War sie zu naiv? Am besten, sie spielte für den Moment mit.

«Ich bin … fertig mit allem.» Sie zog den zweiten Stuhl zu ihm hin und setzte sich, die Knie aneinandergepresst.

«Ich bin nur etwas durcheinander. Dieser Sturm und alles.» Sie wich seinem Blick aus.

«Das heisst, du kommst mit nach Hause, damit wir zusammen Weihnachten feiern können, wie jedes Jahr, ja?»

Marianne lächelte unsicher. Immerhin eine Möglichkeit, von hier wegzukommen.

«Ja.»

Daniel strahlte und nahm ihre Hand.

«Das wird ein schönes Weihnachtsfest.»

Seine Hände waren gross, stark und von viel Arbeit ganz aufgeraut. So einen Bruder hätte sie gerne gehabt.

Sie folgte einem Impuls und legte ihre zweite Hand auf seine.

«Danke.»

Daniel blickte sie mit großen Augen an.

«Für was?»

«Dass du mich holen gekommen bist. Es tut gut … zu spüren, dass ich jemandem wichtig bin.»

Die Worte waren heraus, bevor sie drüber nachgedacht hatte. Sie schüttelte den Kopf. Wie konnte sie nur einem Wildfremden, vielleicht sogar dem, der sie hier eingesperrt hatte, in dieser bizarren Situation ihre intimsten Gefühle anvertrauen?

Andererseits schien hier alles anders zu funktionieren. SIE fühlte sich anders. Als würde ein Teil, der sonst tief in ihr schlummerte, hier endlich aufleben. Der Teil, der sich nach Liebe, Nähe, Geborgenheit und Familie sehnte. Sie seufzte.

Daniel schwieg und betrachtete sie, als würde auch er nach Antworten suchen.

«Ich denke, es ist höchste Zeit, dass du nach Hause kommst, Annchen. Vielleicht warst du zu lange allein unterwegs.

Egal, was passiert, wir lieben dich und stehen hinter dir. Vergiss das nie, Schwester.»

Marianne räusperte sich. Jetzt bloss nicht weinen. Nicht hier, vor diesem Mann. Vor Daniel, dem Bruder, der ihr wie aus dem Nichts geschenkt worden war.

Sie stand auf und sprang in seine Arme, wobei sie ihn fast umstiess. Er erwiderte ihre Umarmung. Sie hielten sich reglos und stumm, bis sie sich aus seinen Armen löste.

«Ich mach nur schnell das Feuer im Kamin aus, dann können wir gehen.»

«In Ordnung, ich sattle die Pferde, sie sind im Stall». Daniel schlüpfte in den klebrigen Mantel und zog den Hut wieder tief ins Gesicht. Dann stampfte er zur Tür. Bevor er sie aufmachte, drehte er sich zu ihr um.

«Schön, dass du wieder zurück bist, Annchen.» Er lächelte, zog den Riegel zurück, stemmte sich gegen den reissenden Wind und war draussen. Mit einem lauten Knall fiel die Tür wieder ins Schloss.

Marianne betrachtete ihre Hände auf dem Schoss. Auch ihre silbernen Fingerringe waren verschwunden, aber das war ihr jetzt egal. Der letzte Satz hallte nach. «Schön, dass du wieder zurück bist.»

Endlich konnte sie weinen. Sie sass da und ließ die Tränen fließen.

Schließlich raffte sie sich auf. «Das Feuer!» Sie wischte sich die Tränen weg und kniete vor den alten Kamin. Das Knistern und Knacken des Feuers und die Hitze lullten sie ein.  Ihr wurde warm, dann schwindlig. Es ging also wieder los. Was war mit Daniel? Würde sie ihn jetzt nie mehr sehen? Gelbe und orange Flecken tanzten um sie herum, die Flammen brausten in ihren Ohren, als sie ohnmächtig neben dem Kamin zusammensackte.


Marianne stöhnte. Ihr Kopf dröhnte. Sie atmete mit geschlossenen Augen und wartete, bis der Schmerz etwas nachließ. Endlich kam auch Gefühl in Arme und Beine zurück und die Übelkeit liess nach. Seltsam – das kam ihr bekannt vor. Hatte sie nicht vor kurzem genau das gleiche erlebt?


Langsam öffnete sie die Augen. Im selben Moment nahm sie auch wieder das Knistern des Feuers wahr. Da fiel es ihr ein. Dieses seltsame Häuschen, wie eine Kulisse aus dem sechzehnten Jahrhundert, sogar ihre Kleider hatten gepasst, und dann dieser fremde und doch so vertraute Daniel, der behauptete, ihr Bruder zu sein. War sie wieder in Ohnmacht gefallen? Wartete er noch immer mit den Pferden vor der Tür, um sie im grössten Schneesturm sicher nach Hause zu bringen?


Sie drehte ihren Kopf, spürte die Hitze auf den Wangen und lächelte. Da waren keine Backsteine und keine alte, verrusste Feuerstelle. Sie sah ihren Kamin. Weiss gestrichen, sauber in die hohe Altbauwand eingelassen. Unter ihr spürte sie den weichen Teppich. Sie rappelte sich auf und blickte auf ihre Beine: Jeans, oben roter Rollkragenpulli. Sie atmete erleichtert aus und blickte durch ihre Wohnung. Alles wie immer. Nein. Etwas war anders. Sie spürte die beruhigende Präsenz von Daniel und hörte seine Worte: «Egal, was passiert, wir lieben dich und stehen hinter dir. Vergiss das nie, Schwester.»

Diesmal brach die Sehnsucht mit voller Wucht aus. Marianne blieb sitzen und wartete, bis die heftigste Gefühlswelle abgeflacht war. Noch immer benommen schleppte sie sich in den Flur, wo ihre Tasche neben dem feuchten Fleck auf dem Teppich lag. Sie hängte zuerst den Mantel auf, stellte die Stiefel auf Zeitungspapier und kramte anschließend in ihrer Tasche. Endlich, ihr Handy! Sie wählte.

«Mama?», flüsterte sie ins Telefon. Sie fühlte sich kraftlos und sehr klein.


«Marianne! Oh Schatz, so schön, dass du anrufst! Es ist so lange her, dass wir dich gesehen haben. Seit … das mit Peter passiert ist …»

«Ich weiß, Mama. Ich war nur so verdammt wütend. Verletzt. Und traurig.»

Ihre Augen brannten.

«Ach Schatz. Ich verstehe dich ja. Ich hab dich so vermisst.»

«Ich euch auch …»

Marianne schluckte.

Mama sagte nichts, wartete.

«Mama, darf ich heute zu euch kommen?»

«Aber ja doch, mein Liebling, damit machst du uns das schönste Weihnachtsgeschenk! Ich schicke gleich Papa los, er soll dich holen, es tobt ein Schneesturm draussen.»

Schneesturm. Hier also auch. Hier? Wo war dort?

«Danke, Mama. Eine Frage noch.»

«Ja?»

«Wer ist Daniel?»

Stille.

«Mama, bist du noch da?»

«Ja, Marianne. Wer hat dir von Daniel erzählt?» Mamas Stimme war nur noch ein Hauch.

«Ich habe … von ihm geträumt.»

«Daniel war dein älterer Bruder. Er starb, als ich im siebten Monat schwanger war.»





































Mehr zur Autorin
Milena Tebiri ist 1976 in Schweden geboren und mit vier in die Schweiz gekommen.

Schon als Kind liebte sie es zu schreiben und ihre eigenen Bilderbücher zu malen.
Nachdem sie ein Jahr als kaufmännische Angestellte gearbeitet hatte, wusste sie, dass sie Schreiben zu ihrem Beruf machen wollte. Sie studierte in Zürich Journalismus und jobbte während des Studiums als Freelancerin für verschiedene Zeitungen und Magazine.
Sie ist verheiratet und stolze Mama zweier Töchter. Daneben arbeitet sie in der Administration eines Jazzclubs und schreibt an ihren Büchern, so oft sie dazu kommt.

Ihre Kurzgeschichten wurden in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.

Mit «Abschiedsgeschenk» gewann sie den zweiten Preis des 5. Bubenreuther Literaturwettbewerbs 2019.

Mehr zu ihrem Wirken gibt’s auf ihrer Webseite.

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