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Frautastisch: Jenny Schwarz

Jenny Schwarz ist vor zehn Jahren mit ihrem Mann und ihren drei Mädchen von der deutschen Stadt Karlsruhe an den Grabserberg gezogen. Die 40-Jährige hat in Deutschland Wirtschaft, Psychologie und Recht studiert und anschliessend als Personalberaterin bei der deutschen Bundespolizei gearbeitet. Nach einem längeren Mutterschaftsurlaub hat sie sich in der Schweiz zur Paar- und Familientherapeutin weitergebildet und gleichzeitig eine Ausbildung im Bereich Stressberatung absolviert. Im vergangenen Herbst hat Jenny die Beratungspraxis Werdenberg eröffnet. Zudem gibt sie Kurse bei der Erwachsenenbildung Stein Egerta in Schaan.


Wie kommt man als deutsche Familie auf die Idee an den Grabserberg zu ziehen?
(Lacht.) Mein Mann hat in der Schweiz studiert, weil er im deutschen Grenzgebiet aufgewachsen ist. Mir zuliebe ist er nach Karlsruhe gezogen. Ihm hat meine Heimat aber nie wirklich gefallen. Er hat mich darum vor zehn Jahren gebeten in die Schweiz zu ziehen. Als Maschinenbauingenieur hat er eine Arbeitsstelle in Liechtenstein gefunden. Wir haben uns daher im angrenzenden Werdenberg ein schönes Haus mit Garten gesucht und sind am Grabserberg fündig geworden. Diese kleine Ortschaft mitten in der Natur hat genau den Charme, den mein Mann in Karlsruhe vermisst. Und ich muss sagen: Auch ich fühle mich sehr wohl hier. Es war definitiv die richtige Entscheidung hierher zu ziehen, ich hatte einfach einen kleinen Schubser benötigt.


Warum hast du dich beruflich neu orientiert?
Die Arbeit in der Personalabteilung der deutschen Bundespolizei war mir einfach zu langweilig. Die rechtlichen Rahmenbedingungen waren streng und ich musste stets nach Verordnung handeln. Ich hatte keinen Spielraum, musste sozusagen kaum selber denken (lacht). Das war auf die Dauer nichts für mich. Nach dem Umzug in die Schweiz habe ich zuerst eine längere Arbeitspause eingelegt und mich auf meine drei Mädchen, damals 9 Monate, 4 und 5 Jahre alt, konzentriert. Vor fünf Jahren habe ich mich schliesslich dazu entschieden, mich zur Paar- und Familientherapeutin weiterzubilden. Ein entscheidender Grund dafür war sicher meine eigene Geschichte. Ich bin selbst in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen und wollte anderen Menschen in Krisen helfen.


Was genau war das Problem in deiner Familie?
Meine Mutter war Alkoholikerin und mein Vater gewalttätig. Ich habe bereits mit neun Jahren die Rolle meiner Mutter übernommen und mich um den Haushalt und meine jüngere Schwester gekümmert. Wir hatten zu Hause ständig Ärger und waren tagtäglich körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt. Ich hatte keinen Kopf für die Schule und schrieb dementsprechend schlechte Noten. Nur wegen meiner extremen Willenskraft habe ich mit 16 Jahren die Kurve gekriegt. Mir wurde eines Tages bewusst, dass ich unverzüglich etwas ändern musste, wenn ich ein besseres Leben wollte. Darauf habe ich erfolgreich die Matura absolviert und studiert. Bis vor kurzem war meine Vergangenheit ein grosses Tabuthema. Dass ich heute so offen über meine schwere Kindheit sprechen kann, verdanke ich der Psychotherapie, die ich im Zuge meiner Ausbildung zur Paar- und Familientherapeutin besuchen musste.


Welche Werte sind dir aufgrund deiner eigenen Kindheit bei der Erziehung deiner Töchter wichtig?
Mir ist ganz wichtig, dass meine Töchter Mitgefühl für Menschen haben, dass sie sich in die Lage anderer versetzen können und niemanden verurteilen. Ich weiss, was es heisst als Tochter einer Säuferin abgestempelt und nicht ernst genommen zu werden. Ich lege auch Wert darauf, dass sie als Geschwister zusammenhalten und die Wahrheit sagen. Ich selbst wurde nämlich viel zu oft belogen. Und nicht zuletzt finde ich es wichtig, dass meine Töchter wertschätzen, was sie haben und dankbar sind für ihr Leben und ihre Freunde. Nichts ist selbstverständlich.


Auf was achtest du in der Beziehung zu deinem Mann?
Auf Qualitytime, also auf Zeit, in der ich meinem Mann ungeteilte Aufmerksamkeit schenke. Wir haben einmal in der Woche einen Paarabend, an dem wir Handy und Fernseher ausschalten und uns, zum Beispiel bei einem Glas Wein, in Ruhe unterhalten. Wir tauschen uns dann meistens über die vergangene Woche aus und erzählen einander, was uns gerade beschäftigt. Vielen Eltern fehlt exklusive Paarzeit, was oft auch der Grund ist, warum sie später – leider meistens zu spät – zu mir in die Praxis zu kommen. Als Mutter und Vater organisieren sie alles rund um ihre Kinder, tauschen sich bei der Arbeit und der Kinderbetreuung ab und vergessen dabei, Zeit zu zweit einzuplanen. Das funktioniert auf die Dauer nicht.


Seit Oktober führst du deine eigene Beratungspraxis. Warum hast du dich Selbständig gemacht?
Ich habe während meines Studiums zur Paar- und Familientherapeutin auf der Akutstation St. Pirminsberg in Pfäfers gearbeitet. Auch dort fühlte ich mich aufgrund des strengen Leitfadens in meiner Arbeit eingeschränkt. Ich habe mich schliesslich entschlossen, eine eigene Praxis zu eröffnen. So kann ich nach meinen eigenen Regeln arbeiten und auf jeden einzelnen Menschen individuell eingehen. Zu meinen Klienten gehören Paare und Familien. Momentan berate ich aber auch viele Menschen mit Stresserkrankungen.

Weitere Informationen findet ihr hier.


Auch interessant:

Kurs «Mein Kind und ich»: Donnerstag, 27. August 2020, 18.30 bis 20.30 Uhr; Samstag, 29. Aug., 9.00 bis 11.00 Uhr

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