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Frautastisch: Julia Keller
Bild/Illu/Video: zVg.

Frautastisch: Julia Keller

Julia Keller ist 44 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern als Patchworkfamilie in Sevelen, wobei zwei erwachsene Kinder gerade ausgezogen sind. Die gelernte Kauffrau arbeitet aktuell als Autorin und Künstlerin. Sie hat Mitte Mai ihr erstes Buch «Mein Name ist Julia» veröffentlicht. Darin beschreibt sie ihre emotionale Lebensgeschichte in Form von kurzweiligen Gedichten und selbstgemalten Bildern.


Das älteste Gedicht im Buch hast du vor über 20 Jahren geschrieben, am Tag als deine alkoholkranke Mutter gestorben ist.  Was würde die Julia von damals über dieses Buch sagen?

Ich bin mir sicher, dass die 20-jährige Julia dieses Buch ziemlich cool gefunden hätte. Aber ich weiss auch, dass sie es sich niemals zugetraut hätte, dieses zu schreiben. Ich hatte nämlich kaum Selbstbewusstsein und definierte mich vor allem durch die Anerkennung anderer. Ich musste 44 Jahre alt werden, um meine Gedichte und Bilder veröffentlichen zu können. Es hat Zeit gebraucht, um mir bewusst zu werden, dass ich das schaffe und es keine Rolle spielt, wie meine Geschichte in der Öffentlichkeit ankommt. Im Gegensatz zu meinem «24 Jahre jüngeren Ich» hätte meine Mutter mir das sofort zugetraut. Auch wenn sie – wie sie selbst am Sterbebett zu mir sagte - nicht die geborene Mutter war, sie hat immer an mich geglaubt und die Künstlerin in mir schon früh erkannt.


«Ich bin der Mensch, der über alles hinwegsieht, nur um geliebt zu werden», lautet eine starke Zeile deines letzten Gedichts im Buch. Was hat es dich gekostet, diese Worte niederzuschreiben?

Für diese Einsicht habe ich einen hohen Preis bezahlt, beziehungsweise bezahle ich immer noch. Indem ich das eingesehen habe, konnte ich mich entscheiden: Entweder versuche ich weiter, es allen recht zu machen und hintergehe dabei mich selbst oder ich stehe endlich zu mir und nehme in Kauf, dass ich auch einmal anecke. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Eine konsequente Umsetzung fällt mir zwar nicht leicht. Noch heute sage ich manchmal Ja, obwohl ich lieber Nein sagen würde. Dabei mache ich weder mir noch meinem Gegenüber einen Gefallen, wenn ich nur halbherzig bei der Sache bin.


Bist du heute die Julia, die du sein willst?

Ganz ehrlich? Nein, das bin ich noch nicht. Aber ich bin schon viel näher dran als vor 24 Jahren. Ich bin auf gutem Wege, dieses Mädchen – wie ich es im letzten Gedicht beschreibe – zu werden, «das endlich sein darf, wie es ist, nämlich sich selbst.» Ich arbeite an mir. Das Aufschreiben meiner Lebensgeschichte hat mich meinem Ziel ein grosses Stück nähergebracht – ebenso die Auseinandersetzung mit meinem Inneren Kind.


Dein Inneres Kind spielt eine grosse Rolle im Buch. Warum findest du die Auseinandersetzung mit ihm so wichtig?

Weil wir von unserem Inneren Kind nicht davonlaufen können. Irgendwann holen uns die Erfahrungen und Prägungen aus der Kindheit ein. Vermeintlich harmlose Situationen oder Worte in der Gegenwart können dann unerklärbare Gefühle und Reaktionen hervorrufen. Indem wir uns mit dem Inneren Kind auseinandersetzen und es im besten Fall annehmen, lernen wir, solche Trigger-Situationen besser zu verstehen und damit umzugehen. Wir müssen uns mit all unseren Facetten lieben lernen. Nur so finden wir unseren inneren Frieden – und ich geh noch weiter, unser grosses Glück!


Inwiefern hat diese Erkenntnis die Erziehung deiner eigenen Kinder beeinflusst?

Ich habe von Anfang an sehr darauf geachtet, dass ich meinen Kindern Annahme, Aufmerksamkeit und bedingungslose Liebe weitergebe – alles wichtige Werte, die ich nicht mit auf den Lebensweg bekommen habe. Die allerwichtigste Erkenntnis in Bezug auf die Kindererziehung hatte ich aber erst vor wenigen Jahren und das Schlüsselwort lautet Authentizität: Nur wenn ich echt, also authentisch bin, bin ich glaubwürdig. Wenn ich zum Beispiel rauche, kann ich meinen Kindern nur schwer davon abraten. Ähnlich verhält es sich an der Kasse im Einkaufsladen: Verbiete ich meinem Kleinkind den Schleckstängel nur, weil ich das Gefühl habe, das wird von mir verlangt, bin ich wahrscheinlich zu wenig bestimmend und ziemlich sicher nicht erfolgreich. Darum ist es meiner Meinung nach gerade auch als Mutter beziehungsweise Vater wichtig, mit seinen Gefühlen im Einklang zu sein und zu sich zu stehen. Wir sind das grosse Vorbild für unsere Kinder und prägen ihre Werte langfristig.


Mehr Informationen zu Julia findet ihr auf ihrer Webseite. 

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