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«Gääle Mond» im Soundcheck
Bild/Illu/Video: Cover

«Gääle Mond» im Soundcheck

«Wott nüme lose» heisst der erste Titel auf dem Album «Gääle Mond» von Toni Vescoli. Er ist nicht nur sozialkritisch und bissig, sondern auch wundervoll bluesig. Ein Text mit Tiefe, eine akustische Gitarre und eine Mundharmonika – hin und wieder braucht es nicht viel für einen stimmigen Track.


«Esmeralda» kommt im Vergleich zum Opener in einem ganz anderen musikalischen Gewand daher. Die Ballade ist schmachtend und entführt einem federleicht in die Ferne. Dies passt ziemlich gut, da man aktuell nicht wirklich weit wegfahren darf und hier wenigstens einen Audioeindruck von anderen Qulturen erhält.

«Top-Fit» ist ein cooler Bluesrocker, der mächtig in die Beine geht und sehr zum Mitsingen anregt. Die neuen Alten seien kaum mehr zu halten, singt Vescoli hier. Immer wieder blitzt sein feiner Humor auf, der zeigt, was er neben der Fitness im Alter sonst noch als wesentlich erachtet. Top-Hit!


«Digi Dum» ist eine melancholische Ode an die Digitalisierung und den emotionalen Zerfall der heutigen schnelllebigen Gesellschaft. Es hat schon etwas Interessantes, sich die Frage zu stellen, was denn wirklich bleibt, wenn mal der grosse Stecker gezogen wird. Vescoli hat hier ein Lied erschaffen, welches zum Nach- und vielleicht auch ein bisschen zum Umdenken anregt.  


«De Pfarrer» ist ein Lied, welches vor Wild-West-Romantik trieft und eine amüsante Geschichte bereithält. Auch hier ist lediglich eine Gitarre und der Gesang im Spiel, was beweist, dass die Musiklegende es auch mit wenigen Mitteln schafft, eine fesselnde Atmosphäre zu erzeugen.


Es ist die Mundharmonika, welche dem Lied «Indigo Chind» eine gewisse Magie einhaucht beim wundervollen Stück an die «gspürigen» Kinder. Spannend finde ich, dass Vescoli hier nicht einfach nur seine eigenen Vorstellungen zum Thema platziert, sondern auch erwähnt, dass dies schon auch strittig ist. Er schliesst seine Ode mit den Worten, dass doch alle Kinder etwas Magisches an sich haben und wir viel mehr auf sie hören sollten.


«Dyni Blueme» ist groovig und zurückgelehnt. Da Blumen schnell verwelken, erwähnt er, dass er seiner Liebsten lieber Lieder schreibt, denn diese bleiben definitiv länger erhalten. Er hat Recht damit. Alles Materielle vergeht irgendwann, aber die Musik bleibt.


«Fahrt im Zug» ist ein wundervoll beschwingter Track voller Sehnsucht, der sich ideal als Reisesoundtrack eignet. Das Lied porträtiert aber nicht die heile Welt, sondern dampft vor Kritik an der verschwenderischen Art der heutigen Gesellschaft. Das ist hin und wieder starker Tobak, aber solche Dinge dürfen durchaus auch mal angeprangert werden.

Wie aus der Feder von Robert Lee Johnson klingt das Titelstück «Gääle Mond». Es ist ein Blues in seiner reinsten Form und dies geht mit einem Mundarttext auch noch mächtig unter die Haut. Sehr gelungen, Chapeau!


«Turm und Meer» ist auch voller «blue notes» und erzählt von der Ferne. Das Gitarrenschema gefällt mir sofort, da bei diesem Lied an der Gitarre definitiv eine Koryphäe am Werk ist. Wunderbar, wie hier noch ein Handwerk zelebriert wird.


«Näbed mir» ist eine Ballade mit einer jugendlichen Verspieltheit, die erfrischend wirkt. Es ist ein Liebes-, respektive eher eigentlich ein Abschiedslied, das mächtig unter die Haut geht und irgendwie traurig stimmt.

«Down under» ist eine solide Rocknummer, auf der Vescoli beweist, dass er es mit den lauten Klängen immer noch im Griff hat. Auch hier beweist er nicht nur, welch grossartiger Geschichtenerzähler er ist, sondern auch, dass seine Texte immer Hand und Fuss haben und belegbar sind. Das mag ich sehr.


«Weiss nöd» klingt fast ein wenig wie die frühen Züri West. Mich gefällt das Geheimnisvolle am Anfang, welches sich dann öffnet und die Nummer fast schon «schunklig» gestaltet.

Fast am Schluss wird nochmals richtig Vollgas gegeben. «Rock’n’Roll Fan» zeigt, dass wir alle grundsätzlich zuerst mal Fan sind und dann durch das Imitieren und Nachspielen mit der Zeit zum Musiker reifen. Die sehr kurzweilige Nummer geht richtig ab und begeistert mich komplett.

Ein wenig gesitterter geht es zu beim Abschlusstrack «Falschi Jagge». Was für ein schönes Bild, welches Vescoli mit der Zeile «Flüchte wird zur Sucht» malt. Nochmals gibt es eine Geschichte wie aus einem Spaghetti-Western. Der längste Track zum Abschluss zeigt nochmals alle Stärken des Longplayers auf und lässt einem fast ein wenig wehmütig werden, dass der ganze Spass schon vorbei ist.


Schlussfazit:
Toni Vescoli’s Album «Gääle Mond» begeistert durch viel Wild-West-Romantik, packenden Bluesanleihen und einigen sehr tanzbare Rock- und Rock’n’Roll-Stücke. Der 77-Jährige beweist mit dieser bunten Mischung, wie viel ihm seine Musik nach wie vor bedeutet und dass man immer noch mit ihm rechnen darf. Die Musiklegende lässt seine Lebenserfahrung in seine Texte reinfliessen ohne dabei belehrend zu wirken. Es ist eine Bereicherung seinen Geschichten zu lauschen und irgendwie wäre es wunderbar, wenn Herr Vescoli nochmals ein, zwei solche Tonträger auf den Markt werfen würde. Denn dieses Album ist sehr stimmig, abwechslungsreich und hat doch immer eine gewisse Tiefe, die in der heutigen Streamingzeit leider häufig verloren geht.

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