Gegen den Strom schwimmen
Bild/Illu/Video: Christian Imhof

Gegen den Strom schwimmen

Gegen den Strom der Normalität zu schwimmen kann aber schon bedeuten, sich den kompletten Körper mit Tattoos vollzuhacken, eine schräge Frisur auf dem Kopf zu tragen oder sich auffallend zu kleiden. Damit hat der normale Bürger schon mächtig zu schlucken und gucken. Aber wieso ist das so? Immer noch?


Man könnte meinen, wir leben in einer weltoffenen, für alles zu haben Schweiz. Unsere Welt ist doch selbst so verrückt, dass die Verrückten darunter gar nicht auffallen sollten, oder?


Definieren wir verrückt, so kommt es mir vor, als sei jeder Einzelne auf seine ganz eigene Art und Weise verrückt. Nehmen wir an, du bekommst erst nach mehr als drei Jahren dein zweites Kind. Da wirst du schon komisch angesehen. Der Durchschnittsbürger wird dich fragen was das soll, weshalb du dein zweites Kind mit so einem grossen Abstand bekommst.


Oder du hast mehr oder weniger als zwei Kinder! Oh mein Gott, was ist das denn bitte? Zwei Kinder gelten als absolute Norm. Eins mehr und du bekommst den Ausruf: «Phuuu…schono streng oder? Sonä Dritts!» Oder noch besser: «Hend diä nüt bessers z tuä, als Chinder z machä?» Eins weniger und du bekommst zu hören: «Wenn chunnt z Zweitä?»


Nicht nur mit Kindern ist das so, nein. Wenn du eine Single Lady über dreissig bist…oha! Dann hast du wohl noch nicht den richtigen gefunden. Dass du als Single Lady glücklich und zufrieden sein könntest, das nimmt dir keiner ab. Oder du bist glücklich verheiratet, hast aber keine Kinder. Der Durchschnittsbürger begutachtet dich argwöhnisch und sieht schon imaginäre Reagenzgläser und eingefrorene Spermien über deinem Kopf schweben…so ist das also, sie können keine Kinder bekommen. Dass du eventuell noch nicht bereit bist oder überhaupt keine Kinder möchtest wird mit weit aufgesperrten Augenlidern begafft.


Was gibt es noch für Verrücktheiten? Unfassbare Zustände unserer Menschheit?


Ein ganz brutales Kopfschütteln erhältst du, wenn du weder Facebook noch Instagram betreibst, geschweige denn dich selbst auf YouTube vermarktest oder keine Ahnung davon hast, wie man mit sich selber filmen Geld verdienen kann. Wenn du dann noch nicht einmal ein Handy besitzt, bist du sowieso gar nicht mehr von dieser Welt.


Und so könnte ich jetzt weiterschreiben, Ausnahmen abtippen, welche gar keine Ausnahmen sind, sondern Menschen in ihrer allerbesten Diversität. Diese «Ausnahmen» ergeben unsere ganz normale Menschheit, in der eben rein gar nichts normal ist, sondern jeder selbst ein erstaunliches Individuum mit seinen eigenen Werten und Vorstellungen vom Leben.


Kurzum: Es ist egal wer du bist und was du tust, du wirst sowieso beurteilt. Auch wenn du dem Durchschnittsbürger sehr nahekommst. Den gibt’s nicht. Also sch**** drauf was andere über dich sagen oder von dir wissen wollen. Schlussendlich sind wir alle verrückt.

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