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Gipfelglück
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Gipfelglück

Indem mensch sich der Stille hingibt und nicht versucht sie mit Gedanken an Gestern oder Morgen zu füllen, erfährt mensch das Wandern als innere Einkehr. Der Blick in die Tiefe des Tales lässt einen bewusst werden, wie bedeutungslos menschliche Errungenschaften doch sind.


Wie erfahren wir das Gipfelglück? Indem wir uns der Stille der Berge hingeben, nicht versuchen und zulassen, dass Gedanken die Stille ausfüllen und verdrängen. Indem wir bewusst unsere Augen, Ohren und Nase öffen, den Waldboden und die steinigen Pfade zum Gipfel mit nackten Füssen spüren und wir die Welt mit unseren Fingern ertasten, erfahren wir die natürliche Gegenwart auf intensive Art und Weise. Um vollends in der Natur aufzugehen, sollten wir versuchen, alles um uns herum bewusst zu spüren. Mit einen offenen Gespür wird die Welt spannend und lässt viel Zeit zum Staunen übrig.


Pflücke nicht die Blume, die dir so gefällt. Berühre sie, sieh sie dir an, mache ein Foto, wenn du das denn für notwendig erachtest, doch lasse die Blume wo sie ist. Wer eine Blume pflückt, um sie zuhause einige Tage lang in der Vase am Leben zu erhalten und seinen liebsten eine Freude zu machen, hat das Prinzip nicht verstanden.


Wenn du deinen Liebsten wirklich eine Freude bereiten möchtest, nimm sie mit auf deine Wanderungen. Viele Menschen finden Gefallen an Blumen. Pflücken wir die Blume, so nehmen wir ihr die Lebensgrundlage – die Verbindung mit dem Boden – so wird sie verwelken. Sie würde auch sonst verwelken und zergehen, doch sollten wir uns bewusst machen, dass eine gepflückte Blume nur denjenigen, der sie bei sich zuhause in der Vase verwelken lässt, eine Freude bereiten kann. Pflückte die Blume nicht, lasse andere ebeso ihre Freude an den Blüten haben.


Was ist es, das dich beim Wandern berührt? Ist es der Kontakt mit den ursprünlichen Formen unserer Welt oder die Abwesenheit der Zivilisation? Vielleicht etwas anderes? Was mich am meisten beim wandern berührt, ist die Stille im Wald und am Berg. Wo der Mensch nicht ist, da herrscht noch Frieden. Herrscht der Frieden? Hörst du den Wind, wie er durch die Bäume fährt? Hörst du, wie sich die alten Baumriesen im Winde wiegen? Ein Vogel krächtzt, ein Eichhörnchen hüpft von Ast zu Ast. Siehst du das Reh zwischen den Bäumen?


Du gehst aus dem Wald hinaus, hinauf in eine steinige Landschaft zum Gipfel, wo das Glück auf dich wartet. Hörst du die ohrenbetäubende Stille? Spürst du die absolute Einfachheit und die Freiheit im Sein. Für eine solche Einfachheit und Freiheit, die dir das Gipfelglück bringen kann, lohnt es sich zu leben und Berge zu besteigen.


Bedenke aber immer: Der Mangel an Erinnerung macht alles ungeschehen.

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