Grosse Geschichten in kleinem Rahmen
Bild/Illu/Video: Christian Imhof

Grosse Geschichten in kleinem Rahmen

Menschen sind seltsam
Vor der Lesung wurde der Autor von Mirella Weingarten, der künstlerischen Leiterin von Schloss Werdenberg, vorgestellt und anschliessend ins Kreuzverhör genommen. Sie wollte unter anderem von ihm wissen, ob Flucht und Sinnsuche zentrale Merkmale seiner Figuren seien. Darauf antwortete er, dass man dies nicht pauschal sagen könne, da der Charakter der Menschen und die Ziele, die sie verfolgen, oft seltsam seien. Genau dies aber mache den Reiz des Schreibens aus. Er habe zwar von seinen Protagonisten oft eine vage Vorstellung, dieser ändere sich aber stetig und fast von selbst. So nähmen ihre Geschichten oft überraschende Wendungen. Was sich jedoch nie ändere sei, der erste Satz. Dieser sei nicht nur Kompass, sondern auch Gradmesser, ob ein Text funktioniere oder nicht. Er wisse, wovon er spreche. Schliesslich habe er vor seinem Durchbruch 1998 auch zahlreiche schwächere Werke verfasst. Nachträglich korrigieren sei keine Alternative: Ein missratenes Brot könne man auch nicht «zurückbacken».

Ein Bankräuber, eine Nackte und ein Spekulant
Die bisher unveröffentlichten lebensnahen Texte stiessen beim Publikum auf grossen Zuspruch. Peter Stamm schaffte es durch seinen Vortrag seine Figuren zum Leben zu erwecken, was ihm verdienten Applaus einbrachte. In einer der Kurzgeschichten kämpfte ein Mauerblümchen aus einer Marketingagentur um die Gunst eines charmanten Archäologen, dessen Herz sie dank eines
exhibitionistischen Auftritts anlässlich der Einweihung einer Kunstgalerie eroberte. In einer anderen Geschichte tagträumte ein Jugendlicher von einem Banküberfall und ging am Ende dennoch wieder arbeiten. In einer weiteren Kurzgeschichte verspekulierte sich ein Bankier, schuf sich aus Angst vor Konsequenzen in bester Robinson Crusoe-Manier eine Insel mitten im Dschungel der Grossstadt Zürich und verharrte dort auf unbestimmte Zeit: Eine echte literarische Perle!

Der zugängliche Literaturstar

Während der Fragerunde nach der Lesung zeigte sich Peter Stamm als weltoffener Gesprächspartner, der dem Publikum auf Augenhöhe begegnete und mit ihm über die Leidenschaft philosophierte, mit Wörtern zu jonglieren. Obwohl er in seiner Karriere mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, suchte er anschliessend an die Lesung den Austausch mit den anwesenden Literaturliebhabern. Wer weiss: Vielleicht inspirierten ihn diese ja zu neuen Geschichten ...


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