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«Heute Abend nehme ich dich mit ...»

«Heute Abend nehme ich dich mit ...»

Das Bettmümpfeli von Karin Mayerhofer Dobler über einen geheimnisvollen nächtlichen Ausflug mit der Katze.

Am Himmel leuchtet bereits das Abendrot, als die Katze nach Hause kommt und sich zu dem kleinen Mädchen aufs Bett legt, um es in den Schlaf zu schnurren.


Während die Mutter eine Geschichte erzählt, streichelt das Kind liebevoll über das Fell seiner Katze, und diese kuschelt sich in die kleine Hand.


Die Mutter liegt wie immer neben dem Kind, Seite an Seite berühren sie sich und geniessen die Nähe.


Da beginnt das Kind zu träumen: «Heute Abend nehme ich dich mit», spricht die Katze zu dem Kind, «dann kannst du was erleben!»

«Au ja!», schreit das Kind vor Freude.

«Pst, leise», sagt die Katze, «sonst hört uns doch deine Mutter, und dann hält sie dich zurück.»

Die Mutter merkt, dass das Kind eingeschlafen ist, klappt das Buch zu, legt es unter das Bett, steht auf und küsst ihr schlafendes Kind zärtlich. Dann löscht sie das Licht und verlässt das Zimmer.

«Gut gemacht», spricht die Katze, «nun gehört die Nacht uns.»

Sie bläst ihren Atem über das Kind, und jetzt ist das Kind auch eine Katze.


Auf samtenen Pfoten schleichen die zwei an der Mutter vorbei, die gerade eine neue Birne in die Korridorlampe schraubt, gehen die Treppe hinunter, laufen durch die Stube, und die Katze miaut den Vater des Kindes an, damit er sie hinauslässt.


Der Vater streichelt die Katze, öffnet die Balkontüre und sagt zu der Katze wie jeden Abend: «Pass auf dich auf, und komm wohlbehalten zurück.»

Die Kindkatze huscht neben der Katze hinaus und wird sofort vom Dunkel der Nacht verschluckt, sodass sie unsichtbar ist.

Im Garten tummeln sich schon ein paar andere Katzen, und Kater Fritzli hat bereits ein Lied angestimmt.


Blitzli, seine Freundin, rollt sich derweil wohlig auf dem Rücken am Boden hin und her und fühlt sich sichtbar wohl.

Die Kindkatze setzt sich mit ihrer Freundin auf die etwas erhöhte Mauer und schaut zu.


Die Tigerkatze hüpft auf der Wiese herum und jagt Insekten. Ein dicker, fremder Kater wird durch den Gesang von Fritzli angezogen und sofort von der Freundin der Kindkatze angeknurrt, bis er den Schwanz einzieht und sich aus dem Staub macht.

Es ist eine warme Nacht, und die Kindkatze ist erstaunt, wie gut sie in der Dunkelheit sehen kann.

Da bewegt sich etwas im Gras.


Neugierig geht die Kindkatze näher und streckt die Pfote aus.

«Aua!», das tut weh. Sie hat sich an den Stacheln des kleinen Igels gestochen. Dieser ist unterwegs, um Schnecken zu fressen.

Die Katze lacht die Kindkatze aus und sagt: «Komm mit, ich zeige dir unser Revier.»


Die Kindkatze stapft neben ihr her und staunt schon wieder, weil es keine Grenzen gibt. Sie springen durch Zaunlöcher, klettern auf Bäume und scharren in Gartenbeeten.

Durch eine Katzentür gelangen sie ins Nachbarhaus und fressen mit Vergnügen den Napf der Nachbarkatze leer.

Die Kindkatze ist müde geworden, und die Katze findet, dass es jetzt wohl Zeit ist, wieder zurückzukehren. So führt sie die Kleine sicher nach Hause.


Sie klopft mit den Vorderpfoten an die Balkontür, und der Vater lässt sie erfreut herein.


Die Kindkatze läuft im Schatten der Freundin durch die Wohnung, zusammen springen sie die Treppe hoch in den oberen Stock, wo sich die Kindkatze gleich in ihr Bett legt und sofort einschläft.

Die Katze streicht ihren Kopf an dem Kind, dann hüpft sie die Treppe wieder hinunter und bittet den Vater mit inbrünstigem Miauen, sie doch wieder hinauszulassen.


Der Vater schüttelt verwundert den Kopf über diese unentschlossene Katze, aber weil er sie so gut mag, steht er gerne noch einmal für sie auf, öffnet ihr die Türe und begleitet sie mit den Worten «Pass auf dich auf, und komm wohlbehalten zurück» in die Nacht.

























Mehr zur Autorin

Karin Mayerhofer Dobler lebt im Kanton Bern und beobachtet gerne Menschen und Tiere. Im Alltäglichen sucht sie das Besondere und erzählt gerne davon. Ihre Vielseitigkeit ist eine Gabe, findet sie und hat deshalb nebst Kurzgeschichten für Kinder und Erwachsene, auch Gedichte in Hochdeutsch veröffentlicht. Das neuste Werk ist ein Hörbuch mit Geschichten in ihrer Muttersprache Liechtensteiner Mundart. Diese hat sie als Morgengeschichten für das Schweizer Radio geschrieben und nun kurzerhand zusammen mit dem Musiker Paul Brandenberg als Lesung mit Musik selbst herausgebracht. Jeden vierten Montag im Monat lädt sie eine Autorin ein und stellt sie auf Radio LoRa von 21 bis 22 Uhr vor. http://www.literatursalon.li/Autoren/karin-mayerhofer-dobler

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