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«Hoch die Beine»
Bild/Illu/Video: rhb.ch

«Hoch die Beine»

Was sein muss, muss sein! Nicht dass es ihr Vergnügen macht, aber um ihr Hobby finanzieren zu können, arbeitet Ursina als Putzfrau. Kunst und Qultur sind ihr wichtig. Sie braucht dieses Geld für Kurse und Theaterkarten. Gestern ging sie mit Freunden ins Schauspielhaus. Sie sassen bis nach Mitternacht noch vergnügt in einer Bar. Folglich wurde es spät. Müde und verschlafen sitzt sie am nächsten Morgen im Zug auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz. Zweimal wöchentlich, betätigt sie sich als Bodenmasseuse. Die Zeit kann sie zum Glück frei wählen.


Heute ist ihr jeder Handgriff zu wider, alles ist ihr zu viel, sie hat keine Energie und dadurch unmotiviert. Wegen dem nächtlichen Sturm und Regen ist das Treppenhaus heute besonders schmutzig. Der sonst so zügige Ablauf der Arbeit geht ihr nur mühsam von der Hand. Nach drei Stunden ist die Arbeit vollbracht, alles ist blitzsauber.

Ausgelaugt, nach der mühsamen Arbeit, schleppt sie sich zur Bushaltestelle. Sie wartet sehnsüchtig auf den Bus. Die Beine sind heute schwer wie Blei. Der Bus ist wie immer vollgestopft mit Menschen, Ursina muss stehen.


Ein paar Minuten später besteigt sie den Zug. Gleichzeitig folgt ihr eine Frau so um die vierzig, nimmt schräg gegenüber von ihr Platz. Ursina wählt einen Fensterplatz, nimmt eine liegengebliebene Zeitung vom Sitz legt mit einem Seufzer ihre Füsse darauf, streckt ihre Beine aus und entspannt sich. Das Hochlagern der Beine ist gesund und vorbeugend gegen Krampfadern denkt sie gesundheitsbewusst, sie schliesst ihre Augen. Da der Zug fast leer ist an diesem Nachmittag, nimmt sie diese bequeme Position ein.

Noch nicht ganz absitzend schüttelt die unfreundlich dreinschauende Person ihren Kopf. Mit abschätziger Miene murmelt sie in sich hinein:

«Nein, das gibt es doch nicht, das darf doch wohl nicht wahr sein.»

Sie blickt in Ursinas Richtung, schaut sie direkt an, sagt dann erneut mit lauter Stimme:


«Das gibt es doch nicht, das kann nicht wahr sein, das eine Frau ihres Alters schon am Nachmittag die Beine hochlegen muss. Ausserdem ist es so unappetitlich ihre Füsse anzusehen.»

Sie schüttelt wieder ihren Kopf, die dünnen Haare fliegen hin und her.

Erst jetzt wird Ursina klar, dass sie die Angesprochene ist. Sie aber geniesst weiterhin die entspannte Position, lässt sich nicht stören. Unbeeindruckt schaut sie in die Zeitung blättert darin. Ein Lächeln kann sie sich nicht mehr verkneifen. Mit bitterbösen Blicken wird sie von der Nachbarin getroffen und gepiekst, die ihren Kopf trotzig in den Nacken wirft. Gerne hätte Ursina ihr zugerufen, dass dies keine Frage des Alters sei. Demonstrativ stöhnt sie, streckt die Beine aus, lächelt sie zuckersüss an. Während diese Person Ursina fixiert, fragt sie: «Ohhhh, sie können sich glücklich schätzen, sie haben bestimmt nie müde oder geschwollene Beine.»


Ganz plötzlich ändert diese Person ihren Gesichtsausdruck, er bekommt weiche Züge. Zögernd schiebt sie ihre Beine, die sie verdreht unter dem Sitz versteckt hält, langsam nach vorne, hebt sie ein wenig hoch, schaut prüfend nach unten. Es sieht so aus als hätte sie ihre Füsse noch nie genau angeschaut. Ursina sagt: «Sie haben ja so hübsche Beine und kleine Füsse, nicht so Grosse wie ich.» Sie lügt, sie will hören, wie die Frau jetzt darauf reagiert.


«Im Ernst», antwortet die Frau, «finden Sie, dass ich schöne Beine und Füsse habe? Ich habe nie bewusst darauf geachtet. Beim Schuhkauf habe ich grosse Mühe ein passendes Paar zu finden.»

Sie bückt sich, schlüpft aus ihren Schuhen, hebt die Beine auf den Sitz, beäugt ganz genau ihre kleinen Füsse, bewegt die Zehen. Danach legt sie sich entspannt zurück und sagt: «Ich wusste gar nicht, wie wohltuend das Hochlegen der Beine ist.» Während sie mit Ursina plaudert wird die Haltestelle ausgerufen, wo die Frau aussteigen muss. Mit Sack und Pack nur auf Strümpfen verlässt sie, unterdessen besänftigt, eilig den Zug. Lachend winkt sie Ursina mit ihren Schuhen in ihrer Hand zu, als der Zug den Bahnhof verlässt.

Schmunzelnd denkt Ursina, «Experiment geglückt!» und lächelt zurück.


















Mehr zur Autorin:

Nora Dubach lebt und arbeitet in Männedorf am Zürichsee. Seit 10 Jahre hat sie eine Ateliergemeinschaft und Mitarbeit in der Zürcher Tonhalle. Ebenfalls seit 10 Jahre arbeitet sie am Zürcher Filmfestival mit. Seit 2000 ist sie Vorstandsmitglied Mitarbeit in einer Galerie

Seit ihrem elften Lebensjahr schreibt und malt sie. Insgesamt hat Dubach in ihrer Karriere 1500 Gedichte geschrieben. Seit 2003 bis heute organisiert Dubach regelmässige Lesungen durch die Vereine zum Beispiel dem Rhein, in Bibliotheken, im Theater im Kino in Qulturzentren, im Radio und Hörbuch Literaturfestival.

Die Autorin ist Mitglied beim ZSV Femskript FSA, Pro Lyrica, Schweizer Schreibfrauen. Seit 2018 ist sie regelmässig bei «Zürich liest» und seit 2021 gibt sie Lesungen und Ausstellungen im In- und Ausland.


Hier ein Ausschnitt ihres Schaffens:

2000 3 kleine Bücher Liebesgedichte

2003 1 Band «ZERREISS MIT MIR» Lyrik Nimrod Verlag Zürich

2008 1 Band «DEN BLICK RASCH ZURÜCK» Lyrik Kurzgeschichte

Tuschzeichnungen Iris Kater Verlag

2018 1 Band  «DIE NATUR BRICHT IHR SCHWEIGEN»

2018 1 Band  «GLEISSENDES LICHT TRIFT AUF DUNKELHEIT»

2020 1 Band  «NAH BEI  6 Autoren» ein Gemeinschaftswerk

Ihre Werke sind in Lyrikkalendern, Jahrbüchern, Kunst- und Literaturmagazinen,

und in 30 Anthologien erschienen.

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