Bild/Illu/Video: Karin Hobi-Pertl

Ich bin Mutter. Und lese.

Seit neustem baue ich mir die Zeit für meinen ungelesenen Bücherberg wieder ein. All den Ausreden zum Trotz. «Die Kinder lassen mir keine Zeit», lasse ich nicht mehr gelten bei dem, was mir wichtig ist. Und mein Leben hat mir bis jetzt schon so manches Mal aufgezeigt, dass alles viel möglicher ist, als es scheint.  

Bilderbuchfamilie
Wir sind alles andere als eine Bilderbuchfamilie. Kennt ihr die auf den Plakaten? Lachend, mit sich im Reinen und immer voller Friede, Freude und Harmonie. Das! Das sind wir nicht. Also vielleicht manchmal. Ab und zu. Aber im Allgemeinen eher nicht. Bei uns klöpft’s «tätschboombäng» und es wechselt zwischen liebevollen Umarmungen, sich im Weg stehen, sich gegenseitig auf den Mond schiessen wollen und dann wieder kuscheln. Und in dieser ganzen chaotischen Konstruktion eines unvorhersehbaren Alltags in dem sekündlich spontan entschieden und gehandelt werden muss, ist es verdammt schwierig, in irgendeiner Form etwas zu planen und sich gar darauf zu fixieren. Ja, in einer «Tätschboombäng-Welt» ist es nicht immer einfach, seinen eigenen Bedürfnissen nachzugehen.

Lange Lesepausen
Also mir fehlt inzwischen das Lesen. So das richtig zeitlose Einfach-mal-drauflos-lesen. Ein Kapitel nach dem anderen. Versunken in diese andere Welt. Abgetaucht. Losgerissen von Raum und Zeit. Alles um mich herum ausgeblendet. Klar hatte ich auch während der «Babyjahre» meine Bücher bei mir (ein Wunder eigentlich, dass ich die Hebamme während der Geburten nicht um eine Lesepause gebeten habe). Nur lag ein einzelnes Buch eindeutig für längere Zeit auf meinem Nachttisch, Lesepausen wurden länger und ich musste einzelne Abschnitte sicher mehrere Male lesen, bis die Konzentration ganz da war.


Hilferufe reissen mich zurück
Ganz bewusst habe ich meine private Bibliothek auf dem Weg zum Kinderzimmer eingerichtet. Finde ich selber ziemlich clever von mir (schulterklopf). Denn Richtung Kinderzimmer bin ich doch öfters mal unterwegs. Das gibt mir regelmässig die Möglichkeit, einfach vor dem Buchregal stehen zu bleiben, reinzulesen in ungelesene Romanen oder Lieblingsstücke und völlig darin zu versinken. Bis mich Hilferufe schlagartig zurückreissen in die Realität. Auch wenn ich weiss, dass es sich bei dem «Notfall» nicht immer um Bisswunden, Kratzspuren, ausgerissene Haare oder fliessendes Blut handelt, sondern um hungrige, müde oder gelangweilte Kinder, die nach Aufmerksamkeit schreien oder sonst etwas von mir wollen. Und steigt mir nicht grad noch ein penetranter Geruch in die Nase? Aus ist’s mit der Lesezeit. Buchdeckel zu und los. Windeln wechseln!

So wichtig wie die Ersatzwindel
Die Lesemomente vor dem Zubettgehen, auf die zähle ich eh schon lange nicht mehr. Da fallen mir die Augen zu, noch bevor ich die erste Seite umgedreht habe. Es müssen andere Situationen her! Sofort! Und was ist dazu nötig? Mein Buch immer bei mir zu haben. So wie die Ersatzwindel. Ja! Mein Buch sollte doch im Minimum die gleiche Wichtigkeit bekommen. So kann ich jeden einzelnen Moment nutzen, der nach einer Lesemöglichkeit aussieht. Am einfachsten ist es auf dem Spielplatz, wenn die Kinder beschäftigt sind. Oder auf dem Klo. Wenn ich beschäftigt bin. Da kann ich für ein paar Minuten wunderbar die Tür schliessen und so tun, als ob ich nichts höre, wenn jemand was von mir will. Ich habe sogar angefangen zu lesen, wenn das Essen in der Pfanne brutzelt. Oder im Ofen. Eindeutig geschenkte Lesezeit! Und davon gibt es noch mehr! Denn wer Kinder beobachtet oder sich sogar an seine eigene Kindheit erinnert, weiss genau, wie oft auch diese kleinen Menschen in ihre eigene Welt abtauchen. Hochkonzentriert. Kaum davon wegzukriegen, was sie gerade tun. Und wenn ich dann mein Buch zücken kann, machen wir es uns gegenseitig möglich, dass jeder ganz nah bei sich selbst sein kann. Eintauchen. Versinken. Kapitel um Kapitel. Ganz ohne Raum und Zeit.

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