Karin's Bücherregal
Christiane Dumrath
Martina Tonidandel
Bild/Illu/Video: zVg.

Ich sammle und jage

Ich bin Sammlerin. Ich sammle Geschichten. Und schreibe sie auf. Denn ich liebe es, in Geschichten anderer Menschen einzutauchen. Zu erleben, wie die Leute zuerst skeptisch sind, wenn ich sie um ein Interview bitte. Wie sie sich in vielen Fällen sogar fragen, ob sie überhaupt etwas zu erzählen haben, ob sie wichtig genug sind für ein Interview. Und wenn sie dann diese Zweifel überwinden, sich einlassen auf mein Interesse und erkennen, wie mich ihre Geschichten faszinieren, berühren, zum Lächeln bringen oder Tränen der Rührung in meine Augen treiben, dann sind sie kaum mehr zu stoppen.

Leben(s)traum Chur
Genau so entstand mein erstes Buch. «Lebens(t)raum Chur». In dem ich 31 Menschen interviewte, die mit Chur verbunden sind und sich hier ihre Träume erfüllen. Einige bekannte Gesichter, die sich souverän und gekonnt meinen Fragen stellten, bei denen für mich oft der Schwierigkeitsgrad darin bestand, sie aus dieser Contenance ins Gefühl zu kriegen. Und für andere war das Wahrnehmen von Interview- und Fototerminen ganz neu, aufregend und wurde manchmal etwas skeptisch betrachtet. Mit einem Grinsen denke ich daran zurück. An eine Zeit, in der die Herausgabe eines Buches auch für mich Neuland war. Und wie gerne begegne ich jeder einzelnen Person auch heute noch und erfahre, wie es weiter ging, mit ihrer Lebensgeschichte.

Meine Aussenwelt ist inexistent
Ich bin Jägerin. Ich jage Bücher. Wenn ich die Tür des Buchladens öffne und vor ihnen stehe, weiten sich meine Pupillen. Mein Puls schnellt in die Höhe. Mein Herz hüpft. Und meine innere Stimme brüllt: Los! Jage! Finde sie! Die ganz besonderen Stücke. Ich bin wie in Trance. Flüstere leise: Ja! Ich will. Und dann geht’s los. Bücher mit Frontansicht auf den Regalen. Bücher eingereiht nach Alphabet. Bücherstapel bei den News. Bei den Empfehlungen. Bei den Topverkäufen. Und dann die nette Verkäuferin, die von ihrem aktuellen Liebhaberstück erzählt. Mit funkelnden Augen. Meine Aussenwelt ist inexistent. Gebannt höre ich zu. Fliege fasziniert mit im Fluge der Euphorie, während die Verkäuferin liebevoll über das Buch streicht, es am liebsten umarmen und liebkosen will. Ich will auch! Ich will sie zu mir nehmen, die Geschichte, eingebettet zwischen Cover und Kurzbeschrieb. Mein neues Baby einordnen zwischen seinen neuen Geschwistern. Bis ich es zu mir nehme und mich Seite um Seite gespannt und konzentriert darauf einlasse und mich jedem einzelnen Buchstaben hingebe.

Konkurrenz? Verlustängste? Akzeptanz?
Kürzlich hat sogar noch eine neue Buchhandlung ihre Tore in Chur geöffnet. «Lüthy Bücher». Ich trete natürlich neugierig ein in die gute Stube. In die grosszügigen Räumlichkeiten mit Buchcafé. Ich werde nett empfangen und gehe erst mal um die Tische mit aktuellen Büchern, bestaune Empfehlungen und natürlich lokale Exemplare. Und beobachte genau, ob auch meine Bücher in den Regalen stehen. Und – wie soll’s auch anders sein – verfalle ich dem riesengrossen Sortiment an allem, was das Bücherherz begehrt. Aber trotz der ganzen Buchliebhaberei kommen Fragen auf. Wie ist das für all die anderen Buchhandlungen in Chur? Dürfen wir mit Konkurrenzkampf rechnen? Mit Verlustängsten? Oder bleibt jeder individuell mit seinen Vorteilen «im Spiel»? Mit gegenseitiger Akzeptanz oder gar einem Zusammenspiel?

Meine Fragen haben mich zu Schuler Bücher gelockt. Und da habe ich Antworten bekommen. Von Martina Tonidandel, Geschäftsführerin des Geschäfts an der Grabenstrasse. Und von Christiane Dumrath vom Schuler Buchladen in der Bahnhofunterführung:

Karin Hobi: Wie war eure erste Reaktion, als ihr vom neuen Buchladen erfahren habt?

Martina Tonidandel: Ich kann nur für mich sprechen. Ich war sehr erstaunt und überrascht, damit hatte ich nicht gerechnet. Die Branche zieht sich mit stationären Buchhandlungen eher zurück oder wenn es gelingt, einen zu finden, tritt ein Nachfolger auf. Zusätzliche Player am Ort sind ungewöhnlich geworden.


Wie geht es euch inzwischen damit?

Martina Tonidandel: Wir haben es inzwischen akzeptiert, dass wir noch einmal mehr herausgefordert werden. Die Entscheidung der Buchhausgruppe nach Chur zu kommen – in  einen gesättigten Markt und in dieser überdimensionierten Grösse – kann ich bis heute auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht verstehen.


Was hat sich dadurch für euch verändert?

Martina Tonidandel: Wir haben unser Leitbild überprüft und uns in verschiedenen Punkten neu ausgerichtet. Wir wollen zum Beispiel unser Sortiment der veränderten Lage anpassen und bieten seit kurzem nach einer kleinen Renovation ein schöneres, entspanntes Einkaufserlebnis, wodurch wir noch mehr persönliche Nähe zu unseren Kunden herstellen wollen. Mit diesen Punkten verändern wir uns nicht, wir wollen nur noch besser werden.


Welches sind «Vorteile» und Stärken eurer Buchhandlung?

Martina Tonidandel: Unsere Bücherwelt ist eine andere als die des neuen Mitbewerbers. Wir wollen wie eh und je eine erlesene und aktuelle Auswahl bieten, mehr Klasse statt Masse und für die Bündner Literatur einstehen und für unsere Kunden das für sie beste Buch finden.


Christiane Dumrath: Wir sind eine kleine Buchhandlung. Schon deshalb wählen wir unser Buch-Sortiment sehr gezielt und sorgfältig aus. Ausserdem haben wir neben unseren Büchern eine besondere Auswahl an sogenannten Non-Books. Geschenke, Trouvaillen, «Nice-to-have's», die es in Chur oft nur bei uns gibt. Das wissen unsere Kunden und kommen auch deshalb gezielt zu uns.


Was bietet ihr der Kundschaft, was die andern nicht anbieten?

Martina Tonidandel: Wir haben eine enge Beziehung zu vielen unserer Kunden. Unsere Buchhandlung ist für sie wie uns ein Ort der Begegnung, wo sich Leser, Bekannte und Freunde zufällig treffen und ein kulturelles Gut wie das Buch hochgehalten wird. Deshalb soll unser Angebot nicht beliebig, sondern eine Auslese vom Besten auf dem Markt sein und vielleicht ab und zu auch eine ungewöhnliche Neuentdeckung oder Überraschung bieten.


Christiane Dumrath: Wir betreiben unsere Filiale mit sehr viel persönlichem Engagement und Herzblut. Individualität ist uns wichtig. Wir möchten nicht austauschbar und beliebig sein.  Unter Millionen Buchtiteln suchen wir gezielt nach den Besten. Unser Laden ist ein Ort, an dem schon viele die Zeit vergessen und ihren Zug verpasst haben. Ausserdem denke ich, dass unsere Kunden den persönlichen Aspekt bei uns sehr schätzen. Nicht nur im Gespräch vor Ort. Auch dass der Kunde direkt in unsere Filialen anrufen kann und dort «seine/n» Buchhändler/in am Telefon hat und nicht in irgendeinem Call-Center landet, macht viel aus. Und durch unsere 365-Tage Bahnhofs-Öffnungszeiten sind wir auch die perfekte Ergänzung zu unserer grossen Schwester an der Grabenstrasse. Wer sein Buch dort bestellt hat, kann es auch am Sonntagmorgen, Ostermontag oder am 1. August bei uns abholen.


Welche Kundschaft zieht ihr an?

Martina Tonidandel: Vorwiegend sind es Einheimische, buchaffine und kulturell wie gesellschaftlich interessierte Menschen, die sich gern länger in einer Buchhandlung aufhalten und nach neuem Lesestoff, Inspiration und Wissen suchen. Aber auch Grosseltern und Eltern, die ihre Kinder an das Medium Buch heranführen wollen. Und sehr oft sucht man bei uns die Neuerscheinungen auf dem Bündner Buchmarkt, romanische Literatur, Wanderführer und -Karten.

Christiane Dumrath: Unsere Kundschaft ist sehr vielfältig. Wir haben ganz wunderbare, treue Stammkunden, Pendler, Schüler, Touristen, Wanderer. Menschen, die es schätzen, an dem trubeligen Ort Bahnhof durch unsere Tür zu treten, um kurzzeitig in einer anderen, kleinen Welt zu landen. Und natürlich auch viele, die der Bahnhof zufällig in unseren Laden spült. Das ergibt eine tolle, spannende Melange.


Spürt ihr einen «Konkurrenzkampf»?

Martina Tonidandel: Bis jetzt spüren wir den Wettbewerb noch nicht in Zahlen. Bis heute sind die Reaktionen unserer Kunden die auffälligsten und gleichzeitig sehr rührend. Sie sorgen sich um unsere Zukunft mit dieser neuen Konkurrenz und Machtdemonstration. Aber diese Zukunft wird zeigen, wie gut unsere Arbeit in der Vergangenheit war und welches Ladenkonzept der Kunde wünscht. Wettbewerb heisst ja, sich um die Wette bewerben, immer wieder. Der Kunde stimmt mit seinem Portemonnaie und jedem Kassenbon darüber ab, welche Buchhandlung am Platz Chur bestehen bleiben wird. Wir sind zuversichtlich, dass wir mit unseren Kunden im Rücken mithalten können.


Christiane Dumrath: Nein, bisher nicht. Und die Rückmeldungen unserer Kundschaft sind für uns sehr erfreulich und stimmen uns positiv. Es wird im Dezember ja auch noch das Steinbock-Quartier eröffnet. Dann ist nach einer zweijährigen Dauerbaustelle endlich Platz für neues Leben an diesem Ort. Wir freuen uns darauf und hoffen auf ein lebendiges, urbanes Quartier, das die Leute anzieht und so vielleicht der eine oder andere noch unseren kleinen Buchladen entdeckt.


Könntet ihr euch vorstellen, in gewissen Momenten gemeinsam mit «Lüthy» oder anderen Buchhandlungen «aufzutreten»?

Martina Tonidandel: Im Moment fällt mir diese Vorstellung sehr schwer. Ein so aggressiv geführter Verdrängungswettbewerb um Kunden und Personal geht nicht spurlos an uns vorbei. Der Buchmarkt ist allgemein hart umkämpft, die Kunden weniger treu als noch vor 15 Jahren. Bücher werden mal hier, mal dort bezogen. Um erfolgreich auf dem Markt zu sein, muss man ein eigenständiges Gesicht zeigen. Wir werden sehen – wir schliessen nichts aus.


Welches sind die nächsten «Highlights» bei euch? (Lesungen oder sonstige Anlässe)

Martina Tonidandel: Am Donnerstag, 7. November laden wir zur Lesung mit Franziska Hidber und Christian Ruch ein, die ihren ersten Krimi «Venner» bei uns vorstellen. Und wir führen am 20. November unser beliebtes Literatur-Dinner durch, dieses Mal sind unsere Gäste im Museumscafé zu einem Vier-Gänger eingeladen, mit literarischer Unterhaltung zwischen den Gängen.

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