Institution Zweier-Beziehung
Bild/Illu/Video: Sandra Peters

Institution Zweier-Beziehung

Die Ehe als Institution wie wir sie kennen, wurde spätestens mit der Christianisierung als einzig geduldete und daher einzig mögliche Form des Zusammenlebens zwischen zwei (heterosexuellen) Partnern, zum europaweiten Dauerrenner.


Zunächst als reine Wirtschaftsgemeinschaft, arrangiert von den Eltern, fristeten die beiden meist sehr unterschiedlichen Partner gemeinsam ihren Alltag und hofften darauf, dass sich mit der Zeit die Liebe schon noch einstellen würde.


Im Mittelalter war es vielen Menschen aus finanziellen Gründen überhaupt nicht möglich zu heiraten, was damals (zumindest theoretisch) bedeutete, dass man jungfräulich in den Tod gehen musste.


Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde die Liebe in den Mittelpunkt der heterosexuellen Ehe gestellt. Doch in den meisten Fällen sah die Realität noch bis 20. Jahrhundert so aus, dass die Eltern und das soziale Umfeld, die gesellschaftliche Stellung und finanzielle Möglichkeiten noch eine sehr grosse Rolle bei der Entscheidung für eine Partnerschaft spielten.


Ein wichtiger und nicht zu vernachlässigender Aspekt ist auch, dass das ehrfürchtig in der Kirche geraunte «Bis dass der Tod uns scheidet» noch bis vor 100 Jahren viel einfacher umzusetzen war. Die Menschen starben aus medizinischen und ernährungstechnischen Gründen einfach früher und somit betrug die Dauer der damaligen Durchschnitts-Ehe maximal 10 bis 15 Jahre. Das ist ein durchaus überbrückbarer Zeitrahmen, wenn alles gewaltfrei und gesittet abläuft.


Für Ehen in denen Gewalt, Missbrauch und Erniedrigungen an der Tagesordnung waren, wurde zum Glück Mitte des 20. Jahrhunderts die Möglichkeit zur Scheidung eingeführt. Dies ist ein Recht, von dem heutzutage jedes dritte verheiratete Paar Gebrauch macht. Denn «bis dass der Tod uns scheidet» könnte im 21. Jahrhundert durchaus auch 70 Jahre bedeuten. Und das will wohl keiner, oder?


Was bedeutet die Zweierbeziehung denn heute noch? In Zeiten, in denen viele Paare sich trennen, einige sich und ihre Beziehung für andere öffnen oder gar polyamourös leben, hat da die Beziehung zu nur einem Menschen überhaupt noch einen dauerhaften Platz?

Wir sind zu einer Gesellschaft gewachsen, die sich andauernd optimiert. Neben unseren Jobs, unserer Gesundheit, unseren Körpern, sind auch unsere Beziehungen ständig einem selbstauferlegten Optimierungszwang unterstellt. Und da Arbeit an der bereits bestehenden Beziehung uns oft zu anstrengend ist, muss schnell auch mal ein(e) Geliebte(r) her oder wenn beide damit einverstanden sind auch mehrere Geliebte. Aus sexueller Hinsicht mag dies durchaus begründbar sein, aus emotionaler und entwicklungspsychologischer Sicht ist es auf Dauer unbefriedigend.


Wie wir mittlerweile aufgrund der Bindungsforschung gelernt haben, ist es für ein Kind im ersten Lebensjahr unerlässlich, dass es eine gute und stabile Bindung zu Mutter und/oder Vater aufbaut. Nur wenn ein Kind sicher gebunden ist, kann es die beiden wichtigsten Grundbedürfnisse eines jeden Menschen befriedigen: Dazu gehören und sich immer weiter zu entwickeln. Nur so, kann aus einem kleinen Menschen ein psychisch stabiler und gesunder Erwachsener werden.

Als man dies Ende der 1970er Jahre erkannte, wurde das Rooming-in in Spitälern nach der Geburt und das Stillen (wieder) aktuell.


Klingt soweit auch ganz logisch, aber was hat dies mit unseren heutigen Beziehungen in den 2020ern zu tun? Einiges! Denn die Bindung beziehungsweise unser Bedürfnis danach bleibt ein Leben lang bestehen. Und in langjährigen Partnerschaften stellt sich mit der Zeit zum Partner das gleiche Bindungsverhalten wie zur ersten Bindungsperson (meist die Mutter) ein. Diese Bindung ist ausschliesslich für diesen Partner da.


Da wir also immer wieder (unbewusst) auf der Suche nach Bindung sind und diese als Erwachsene nur in einer stabilen Zweierbeziehung finden, wird sich die gute alte Institution der Zweierbeziehung wohl nie selbst abschaffen. Denn je sehr wir uns auch weiterentwickeln und optimieren: Wir bleiben Menschen, deren Gehirn sich seit der Steinzeit nicht verändert hat und die nur mit Bindung zu anderen überleben können.

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