Integration in die Arbeitswelt
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Integration in die Arbeitswelt

Das Interview mit Roman Lorez wurde von Luzia Mark, Jobcoach von Stiftung Profil Arbeit und Handicap geführt.


Sie arbeiten seit dem 1.1.2017 im Gemeindebetrieb Bonaduz Rhäzüns im Werkbetrieb. Ursprünglich haben Sie eine Ausbildung zum Büropraktiker absolviert. Wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen?

Meine frühe Kindheit verbrachte ich auf einem Bauernhof und später bin ich ebenfalls sehr ländlich aufgewachsen. Dieses Umfeld prägte mich stark, und Arbeit war für mich immer mit körperlichen Tätigkeiten verbunden. Ich packe gerne körperlich an und fühle mich draussen an der frischen Luft am wohlsten.


Die Ausbildung im kaufmännischen Bereich mit Unterstützung der IV war zum damaligen Zeitpunkt die naheliegende Lösung. Doch die Arbeit im Büro erfüllte mich nie. Es war für mich rasch klar, dass ich nach der einjährigen Ausbildung beruflich etwas anderes machen möchte.


Nun führen Sie die Recyclingsammelstelle der Gemeinden. Wie kam es dazu?

Meinen jetzigen Vorgesetzen kenne ich bereits aus meiner Kindheit. Er wohnte im Nachbardorf und arbeitete als Förster in der Region. Mit der Schule waren wir öfters bei ihm im Wald. Ich fragte während der kaufmännischen Ausbildung beim Betriebsleiter an, so bin ich zu dieser Anstellung gekommen.


Der Einstieg gestaltete sich in Form eines Praktikums. Anfangs arbeitete ich zwei Tage pro Woche im Werkhof und die restlichen in einem geschützten Bürozentrum für Menschen mit Beeinträchtigung. Nach diesem Praktikumsjahr konnte ich Anfangs 2017 einen Nischenarbeitsplatz mit einem 100% Pensum antreten.


Was sind Ihre Aufgaben?

Ich betreue die Sammelstelle selbständig. Ich berate Kunden, helfe beim Ausladen mit, kontrolliere die korrekte Entsorgung, nehme Sperrgut entgegen und kassiere dafür ein, organisiere den Austausch der Mulden mit den jeweiligen Firmen und sorge allgemein für Ordnung an der Recyclingsammelstelle. Zusätzlich werde ich im Aussendienst eingesetzt. Dort mähe ich Fussballfelder und unterstütze die Teamkollegen bei Arbeiten, bei denen eine zweite Person benötigt wird.


Dank diesem zusätzlichen Arbeitsplatz konnte das Angebot erweitert werden. Die Annahme von kostenpflichtigen Gütern konnte von drei Tagen im Jahr auf fünf Tage in der Woche erhöht werden. Dieser Mehrwert wird von den Anwohnern sehr geschätzt und das übrige Team vom Werkhof wird entlastet.


Was gefällt Ihnen besonders gut an ihrer Arbeit und ihrem Arbeitsplatz?

Mir gefällt die körperliche Arbeit an der frischen Luft und die Abwechslung sehr gut. Es wurde für mich ein kleines Büro auf der Sammelstelle eingerichtet, so kann ich mich im Winter zwischendurch etwas aufwärmen.


Die Arbeiten kann ich mit meinem körperlichen Handicap selbständig erledigen. Benötige ich ausnahmsweise Unterstützung, habe ich ein hilfsbereites Team hinter mir. Das funktionierte von Anfang an sehr gut.

Diese gegenseitige Unterstützung im Team ist sehr wertvoll.


Als Sie die Stelle in im Gemeindebetrieb Bonaduz Rhäzüns angetreten haben, was waren die grössten Herausforderungen für Sie?

Meine grösste Herausforderung war die Ungewissheit wie die Anwohner auf mich reagieren würden. Diese anfänglich unsichere Situation entspannte sich jedoch rasch. Die Reaktionen waren durchwegs positiv, und nach ein bis zwei Monaten kannten mich die meisten Anwohner der Gemeinden. In der Zwischenzeit kenne ich ebenfalls viele mit Namen, und der Kontakt mit den Leuten ist in der Regel sehr positiv.


Sprechen die Anwohner Sie auf Ihr Handicap an?

Ich werde sehr wenig darauf angesprochen. Ich bin diesem Thema gegenüber jedoch sehr offen. Das Handicap gehört zu mir und ich kann problemlos darüber sprechen. Manchmal bemerke ich, wie Kinder auf meine Hand schauen. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Es ist ganz natürlich, dass man Ungewöhnliches genauer betrachtet. Ich vergleiche es zum Beispiel mit jemandem, der den ganzen Kopf tätowiert hat: Da schauen auch viele hin.


Gab es einen Moment wo Sie am liebsten aufgegeben hätten und zurück in die geschützte Institution wechseln wollten?

Nein, das gab es nie. Ich habe den Schritt keine Sekunde bereut.


Was war wohl aus Sicht des Arbeitgebers das Schwierigste?

Zu Beginn wussten wir alle nicht ob die Anstellung so umsetzbar ist oder nicht. Dies war sicherlich ein gewisses Risiko für den Betrieb. Im Praktikum konnten meine Ressourcen und meine Grenzen erkannt werden. Es zeigte sich, dass ich die Tätigkeiten zum grössten Teil selbständig ausführen kann, zudem sind die Anwohner sehr hilfsbereit sind. So können wir zum Beispiel grosse Gegenstände gemeinsam an den vorgesehenen Ort bringen. Als es zur Festanstellung kam und Fragen auftauchten, erhielten mein Chef und ich Unterstützung durch den Jobcoach von der Stiftung Profil Arbeit & Handicap.


Wie kamen Sie mit Ihren Arbeitskollegen zurecht?

Es lief von Anfang an super. Neue Aufgaben werden vorgängig im Team oder je nach Aufgabe mit dem Chef besprochen. So weiss jeder was zu tun ist und es kann entsprechend umgesetzt werden.


Welchen Tipp können Sie anderen jungen Menschen mit einem Handicap geben?

Mir ist bewusst, dass dies eine einmalige Chance ist, die ich bekommen habe. Ich kann nur sagen: Nutzt die Chance, die geboten wird und gebt nicht auf! Sollte es in einem Betrieb nicht klappen, tut sich vielleicht ein anderes Türchen auf.

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