Jachen Wehrli:  «Wenn Leidenschaft Leiden schafft.»
Bild/Illu/Video: Morgenluft

Jachen Wehrli: «Wenn Leidenschaft Leiden schafft.»

Wir befinden uns am «Slam in der Werkstatt» in Chur. Es ist Dienstagabend, der 10. September, kurz vor 23 Uhr. Die Werkstatt ist ziemlich gut besetzt und die Aufgabe des Publikums liegt gerade darin, den heutigen Gewinner durch Applaus zu bestimmen. Eine schwierige Aufgabe. Die vier Finalisten stehen auf der Bühne, jeder kriegt seinen Applaus ab und es sieht sehr knapp aus. Die Moderatoren Fabian und Pierre besprechen sich kurz und können noch keinen Gewinner ausmachen. Stef landet auf dem vierten Platz und weiter geht‘s mit den besten drei. Wieder kriegt jeder seinen Applaus, wieder klingt es jeweils sehr ähnlich laut. Fabian und Pierre besprechen sich und es steht immer noch kein Gewinner fest. Jessica landet auf dem dritten Rang und weiter geht’s. Die besten zwei an diesem Abend sind Kilian Küttel und Jachen Wehrli. Doch wer ist dieser Jachen Wehrli und wie kam er zu Poetry Slam? Diese bewegende Geschichte möchte ich euch erzählen und dafür hole ich etwas aus.


Das erste Mal hörte ich von Jachen Wehrli durch eine Facebook Werbung. Zuerst konnte ich ihn gar nicht einschätzen. Mit seinen dunklen Augen, den langen, dunklen Haaren und dem Bart schien er auf den ersten Blick beinahe etwas beängstigend zu wirken. Ich habe mir seine Facebook Seite unter die Lupe genommen und sobald man sich seine Videos anschaut, kommen seine aufmerksame Art, der liebevolle Blick und seine wachen Augen zur Geltung. Sehr schnell erfährt man etwas über seine Geschichte, welche für mich unglaublich spannend klang. Ich habe ihm kurzerhand geschrieben und ihn ein paar Wochen später, eben an jenem Dienstagnachmittag vor dem Slam in der Werkstatt, in seinem Heimatort Cazis zu einem Kaffee getroffen und er hat mir seine ganze Geschichte erzählt:


Wir schreiben das Jahr 2015, Jachen arbeitet im Aussendienst und liebt seinen Job. Seine Arbeit hat einen direkten Bezug zu seinem Hobby und es kommt ihm so vor, als ob sein Hobby zum Beruf geworden wäre. Er arbeitet leidenschaftlich gerne und ist nicht sehr oft zu Hause bei seiner Frau und den Kindern. Er deckt die ganze Deutschschweiz, Liechtenstein und Tessin ab, arbeitet wochenlang für sieben Tage die Woche, kennt keine Grenzen und Home Office zählt gar nicht als Arbeit, da es so Spass macht. Dann der erste Kollaps im Mai 2015: An seinem letzten Ferientag spürt er plötzlich seine Hände nicht mehr. Trotzdem geht er zur Arbeit und zwar so lange, bis er kaum noch Auto fahren kann. Dann geht er endlich zum Arzt.


Jetzt im Nachhinein gab es schon etliche Anzeichen dafür: Schlafprobleme, Gliederschmerzen und alle möglichen (kleineren) Erkrankungen, sobald es auf der Arbeit etwas ruhiger wurde. Aber seine Anforderungen an sich selbst waren damals: «Meine Leistung muss der Firma entsprechen und alle Kunden müssen mit mir zufrieden sein. Ich mache es jedem Recht, mit allen Mitteln.»

Im Spital werden MRI, Lumbalpunktionen (Hirnwasseruntersuchungen), diverse neurologische Abklärungen und Blutuntersuchungen durchgeführt. Vorläufig wird die Diagnose Polyradikulitis gestellt und er wird zur weiteren neurologischen Abklärung nach Valens geschickt. Unter Belastung funktioniert sein Körper mehr oder weniger, aber sobald er zur Ruhe kommen sollte, beginnen die Schmerzen. Die Ärzte sagen alle, dass dies Erschöpfungssymptome seien, die sich auf den Körper auswirkten, also psychosomatische Anzeichen für ein Burnout. Davon will Jachen nichts hören, das Wort «Psycho» darf in keinem Bericht stehen, denn er ist felsenfest davon überzeugt, dass er kein Burnout hat. Es folgt ein Jahr ohne viel Schlaf, er verliert seinen Job und fällt in eine Depression.


Dann eine nächste Diagnose: Amalgamvergiftung. Eine Erleichterung für Jachen. Eine Bestätigung, dass er kein Burnout hat. Es findet eine Entgiftung statt und Jachen wird in ein IV-Programm zur Wiedereingliederung gesteckt, in welchem er sich jedoch nicht sehr wohl fühlt. Er schreibt auf eigene Faust ein paar Bewerbungen und kriegt auf Anhieb wieder eine Stelle, was ihm den Ausstieg aus dem IV-Programm leicht macht. Nach fast zwei Jahren krankgeschrieben sein stürzt er sich über Nacht wieder zu 100 Prozent in den Aussendienst.


Jachen möchte es zwar ruhiger angehen, was ihn aber nicht zufrieden stellt und so übertreibt er es erneut. Er stürzt sich nicht nur in die Arbeit, sondern zusätzlich auch noch in den Sport, um allen zu beweisen, dass er kein Burnout hat. Nach sieben Monaten folgt der nächste Zusammenbruch: Nun sind es seine Beine, die nicht mehr funktionieren. Eine Woche Spitalaufenthalt mit erneutem MRI, Lumbalpunktionen, weiteren neurologischen Abklärungen und Blutuntersuchungen folgen, ohne Befund. Das einzige, was auffällt, ist ein wenig Borreliose, das man im Blut findet. Ein ganzes Ärzteteam erklärt Jachen, dass seine Organe voll funktionstüchtig seien und er körperlich gesund sei. Aber er sei trotzdem krank: er habe alles übertrieben und müsse sich nun erholen. Dem sagt man eben ein Burnout. Er wird in die Höhenklinik nach Davos-Clavadel befördert. Aus der Sicht von Jachen gilt dieser Aufenthalt zur Behandlung der Borreliose. Er hat bestimmt kein Burnout.


Nach fünf erfolglosen Wochen, im November 2017, wird er wieder nach Hause geschickt. Man kann jemandem mit einem Burnout nicht helfen, wenn er denkt, alles liege an Borreliose. Seine Beine funktionieren immer noch nicht, ihm flattert wieder die Kündigung ins Haus und er gerät in die nächste Depression. Er hat zwar seine Alltagsstruktur und erledigt haushälterische Arbeiten, aber er kämpft «nur» auf eigene Faust weiter. Er weigert sich, in eine Psychiatrie zu gehen und fällt in eine immer tiefere Depression, zusätzlich leidet er an einer sozialen Phobie. Er kann sich keine kurzen Einkaufslisten mehr merken und beginnt Einkaufslisten zu schreiben. Aber aufschreiben bedeutet, dass das Erinnerungsvermögen nachlässt und dadurch folgen Minderwertigkeitsgefühle. Er bleibt fast ein Jahr lang zu Hause, schläft meistens und bringt gegen Schluss kaum noch eine Mahlzeit auf den Tisch. Nach ein paar schönen Ferienwochen mit der Familie, die ohne psychischen Tauchgang von statten gehen, fällt Jachen definitiv ins Loch und sieht auf diesem Weg keine Möglichkeiten mehr.


Dann interveniert seine Frau, gerade noch rechtzeitig, bevor Jachen seinen Kampf ganz aufgibt. Er hat eine Idee und macht seiner Psychiaterin den Vorschlag, dass er als Auszeit für zwei Monate mit seinem Wohnmobil in die Toskana gehen würde und sich so erholen könnte. Sie stimmt einer Auszeit zu, aber diese würde in der Burnout Fachklinik in Susch stattfinden müssen, etwas anderes käme nicht in Frage. Jachen lehnt das vehement ab und geht wieder nach Hause, aber auch seine Frau lässt ihm keine andere Wahl. Ende September 2018 begibt er sich nach Susch in die Clinica Holistica.


Das war gerade einmal vor einem Jahr und innerhalb dieses Jahres hat sich bei Jachen noch einmal alles verändert. Wie es mit seiner unglaublichen Geschichte weitergeht, erfahrt ihr nächste Woche.

Fortsetzung folgt…

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