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«Kehrtwenden»
Bild/Illu/Video: Arthur Baumgartner

«Kehrtwenden»

In ihrer Kindheit geriet Anne regelmäßig in Panik, sobald ihr kleiner Körper im Sonnenlicht einen Schatten warf. Wenn sie beim Spielen im Sand diesen dunklen, in sich kauernden Klumpen neben sich sah, schrie sie angsterfüllt auf, um darauf in höchster Not davon zu laufen. Bei dem Versuch, dem schwarzen Monster zu entkommen, schaute sie hektisch hinter und neben sich; fast immer strauchelte sie dabei und stürzte zu Boden. Selbst der Schmerz nahm ihr nicht die Furcht und sie blieb häufig mit zugekniffenen Augen wimmernd liegen. Ihre Mutter ging dann kopfschüttelnd ins Haus, nicht ohne sie vorher als Dummkopf zu beschimpfen, in der einen Hand die Zigarette, in der anderen eine Bierflasche. Anne lernte, die trüben und regnerischen Tage zu lieben, sie erfüllten sie mit der ruhigen Gewissheit, dem Ungeheuer nicht zu begegnen und sich dem Grauen nicht aussetzen zu müssen.


Es war einer der vielen Liebhaber ihrer Mutter, der sie eines Tages vom Boden hob und sie zu trösten versuchte: «Kleine, sieh es doch mal so: Unser Schatten ist immer bei uns, er gehört zu dir wie dein Kopf, deine Arme und deine Beine! Selbst wenn du niemanden mehr auf der Welt hast, dein Schatten ist immer da, jedenfalls bei Licht!»

Von dem Tag an fasste Anne den Mut, sich dem Anblick ihres Schattenbildes zu stellen. Zuerst sehr zögerlich und mit klopfendem Herzen, dann jedoch mit wachsendem Interesse. Sie musste nicht mehr kreischend die Flucht in das behütende Halbdunkel eines Hauses oder großen Baumes ergreifen, sobald sich im Sonnenlicht die gefürchtete Silhouette zeigte. Ihr Schatten schien an ihren Füssen zu kleben, von denen aus sich je nach Tageszeit verschiedene Wesen bildeten. Es gab die unförmigen, gedrungenen mit verschwommenen Kanten oder – und die fand sie wesentlich hübscher- die unnatürlich lang gestreckten, scharf konturierten. Sie traute sich sogar nach einiger Zeit, in die Hocke zu gehen und der Gestalt behutsam ihre Hand aufzulegen. Es passierte Anne nichts, ausser dass ihre Bewegungen gespiegelt wurden. Sie winkte ihrem Schatten zu und war freudig überrascht, den gleichen Gruß im selben Augenblick von ihm zu empfangen. Anne begann, sich auf den Sonnenschein zu freuen, brachte er ihr doch den neuen und einzigen Freund.


Die ungewöhnliche Beziehung zwischen Anne und ihrem Schattenbild intensivierte sich in ihrer Jugend. Als junge Erwachsene war sie ihrem Schatten regelrecht verfallen, bei schlechten Witterungsbedingungen verzehrte sie sich nach ihm. Sie wartete sehnsüchtig auf die Momente, in denen sich sein Umriss zeigte. Dann teilte sie alles mit ihm, sie aß und trank mit ihm zusammen, sie ließ sich von ihm streicheln, in dem sie ihn liebkoste, sie erzählte von ihren Nöten und ihren Träumen, die ausschliesslich von ihnen beiden handelten und beteuerte ihm mehrmals zärtlich, wie sehr sie ihn liebte. Der Schatten hörte ihr geduldig zu, liess sich von ihr streicheln, senkte während ihrer Erzählungen zustimmend den Kopf, wenn sie nickte und spitzte ebenfalls die Lippen, wenn sie ihm einen Kuss zuwarf. Anne war glücklich, sobald ihr Schatten bei ihr war und todtraurig, wenn er sich nicht blicken ließ, besonders in den langen Wintermonaten. An ihren Zimmerwänden hingen unzählige gerahmte Fotos von sich und ihm, die sie an Sommertagen von Fremden hatte machen lassen. Ihre Sammlung zeigte ihren Geliebten in seinen verschiedenen Gestalten: Mal ganz klein neben ihren Füssen, dann wieder lang und dünn von ihr abgespreizt, hier verschwommen und eher grau, dort gestochen scharf und tiefschwarz. Sie fand jedes Foto gelungen und wunderschön. Aber irgendwann konnten auch die Fotografien Anne nicht mehr über seine Abwesenheit hinweg trösten. Die Tage ohne Sonnenschein krochen nur so dahin, sie ertrug die Einsamkeit nicht. Anne hatte nie eine Ausbildung absolviert und ging mittlerweile auch keinem Job mehr nach. Die ohnehin sehr scheue und sonderbare junge Frau war für die Arbeitgeber nicht tragbar, da sie bei jedem sichtbaren Sonnenstrahl ihren Arbeitsplatz verliess, nach draußen lief und verzückt vor sich hinredete. Auch bei der Arbeitsagentur galt sie als verrückt und schwer bis nicht vermittelbar. So hatte Anne nichts anderes zu tun, als sehnlichst ihren Schatten zu erwarten.


An einem besonders trübsinnigen Tag hatte sie die erlösende Idee: Sie kaufte sich ein Verdunkelungsrollo und einen besonders leistungsfähigen Baustrahler. Auf dem Heimweg vom Baumarkt konnte sie es kaum erwarten, ihn zu Hause anzuschliessen. Endlich würde sie ihren Geliebten wiedersehen und zwar für immer! Die Idee war nicht neu, denn sie hatte oft an ihrem Zimmerfenster eine Decke befestigt und ihn mittels ihrer Lampen erscheinen lassen, aber das Ergebnis war unbefriedigend; das Ausrichten des nicht sehr hellen Lichts hatte sich als recht schwierig erwiesen und ihr Schatz war nur schemenhaft zu erkennen.


Von nun an befand Anne sich in einem euphorischen Zustand. Der Baustrahler war, bis auf die Zeiten, an denen er sich ein wenig abkühlen musste, ununterbrochen eingeschaltet und Anne und ihr Schatten waren ständig beisammen. Sie feilte immer mehr an der Ausrichtung des Strahlers, sodass es ihr ein leichtes war, mit ihm an ihrer Seite einzuschlafen. Es war die glücklichste Zeit ihres Lebens.


Doch irgendwann kamen die ersten Zweifel: Wo genau war ihr Liebster, wenn sie ihn nicht sehen konnte? Denn diese Momente gab es trotzdem, denn sie verrückte nicht jedes Mal den Baustrahler, wenn sie beispielsweise im Badezimmer war oder etwas in der Küche zu tun hatte. Hinzu kamen die Zeiten, in denen sie an trüben Tagen die Einkäufe tätigte. Zuerst schob sie die Frage weg, doch sie wurde drängender und quälte sie. Konnte er nach Bedarf seinen Umriss verändern und womöglich andere Frauen begleiten? Dieser Gedanke stach schmerzhaft in ihre Brust, so dass sie ihn schliesslich damit konfrontierte. Aber er blieb stumm. Sie schrie ihn an, weinte und flehte, doch sie erreichte ihn nicht, er gab keine Auskunft. Es gab Tage, an denen sie sich mit Vernunft zur Ordnung rufen konnte. Er liebte sie so, wie sie ihn. Punkt. Aber der Stachel der Eifersucht sass tief und ließ sich nicht länger ignorieren. Manchmal riss sie vor Wut den Stecker des Baustrahlers aus der Dose, doch sie strafte damit nur sich selbst und stöpselte ihn schnell wieder ein, um erneut auf ihren Schatten einzuschreien. Es gab mittlerweile keinen einzigen Tag mehr, an dem Anne nicht heulte und schrie und auf ihn eindrosch.


Inzwischen war sie überzeugt: Ihr Schatten hinterging und betrog sie. Das hatte sie einfach nicht verdient, er musste dafür bezahlen. So schwer ihr der ungeheuerliche Gedanke auch fiel, für diesen Verrat würde sie ihn töten.


Durch diesen Entschluss fiel eine riesengrosse Last von Anne. Sie genoss die letzten Tage mit ihrem geliebten Schatten, ohne nochmals ein einziges Wort über seine Treulosigkeit zu verlieren. Im Gegenteil, sie lachten viel, nahmen ausgiebige Sonnenbäder, von denen Anne noch letzte Selfies schoss und legten sich abends liebevoll Arm in Arm schlafen.


Es war an einem sonnigen Sommerabend, als sie in den Wald gingen und sich eine weite Lichtung suchten. Aus ihrem Rucksack zog Anne einen Kanister und ein Feuerzeug. Ihrer Silhouette im Sonnenlicht schenkte sie keinen einzigen Blickmehr, sondern goss entschlossen den Inhalt des Plastikbehälters über ihren Kopf und hielt das Feuerzeug an ihre Haare. Sie brannte sofort. Das kleine Häuflein, das von ihr übrig blieb, warf einen langen und scharf begrenzten Schatten.


























Mehr zur Autorin

Angela Ahlborn lebt mit Mann, jüngstem Sohn und Katze in Hannover. Sie arbeitet an Drehbüchern und Romanen, schreibt seit ein paar Jahren bevorzugt Kurzgeschichten und Gedichte, die in verschiedenen Anthologien unter ihrem früheren Namen Angela Rother-Busche erschienen sind. Kürzlich wurde ihre Erzählung «Sirius kann mich mal!» in das literarische Journal Schreibtisch, Ausgabe 2020 der Edition federleicht aufgenommen.

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