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(Keine) Gebrauchsanweisung für das Leben
Bild/Illu/Video: Alice Gabathuler

(Keine) Gebrauchsanweisung für das Leben

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Regale in der Jugendbuchabteilung eines Buchladens in Themenbereiche unterteilt waren: Erste Liebe / Freundschaft / Umwelt / Drogen / Sexualität / Fremde Länder und Qulturen und so weiter. Fast wie in einer Abteilung für Ratgeber. Und natürlich sollte die jugendliche Leserschaft dabei etwas lernen. Zum Beispiel, dass es sich für Mädchen lohnt, brav zu sein. Und Jungs zwar wild sein dürfen, aber am Ende dann doch nicht zu wild.


Glücklicherweise gab es immer schon Autor*innen, die sich einen Deut um den moralischen Zeigefinger einer ganzen Gesellschaft kümmern. Ihre Bücher sind ein Abbild des Lebens, in all seinen Schattierungen; ihre Figuren dürfen sperrig sein, Klischees brechen, gegen den Strom schwimmen, unbeholfen sein, Fehler machen, sich anders entscheiden als erwartet, bei aller Liebenswürdigkeit auch mal furchtbar unliebenswürdig daherkommen. Wie richtige Menschen halt. Zu wahren Perlen werden solche Bücher, wenn sie eine tolle Geschichte in einer glaubhaften, authentischen Sprache erzählen.

So weit, so gut und hoffentlich überzeugend. Nur: Wie schreibt man als Autorin solche Geschichten? Ich glaube, fast alle von uns landen irgendwann in der Abteilung der … Sie haben’s geahnt … Ratgeber. Ja, auch ich. Ich stieg dabei gleich ganz oben ein, nämlich mit einem Ratgeber, der den verheissungsvollen Titel «Wie man einen verdammt guten Roman schreibt» trug. Leider klang der Inhalt so sehr nach Reissbrett, dass ich das Buch nicht einmal zu Ende gelesen habe. Dann wollte ich von den ganz Grossen lernen und kaufte mir «Das Leben und das Schreiben» von Stephen King. Ich habe das Buch verschlungen, fand aber Kings Methode nicht unbedingt nachahmenswert. «Wort für Wort – oder die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben» von Elisabeth George hat mir die Augen geöffnet und mir bewusst gemacht, dass mit mir nichts falsch ist, wenn ich bei den Figuren beginne und nicht bei der Geschichte. Und ich habe bekommen, was ich suchte: Rat für meine Art zu schreiben.


Es gab auch totale Fehlkäufe. Jemand, der vom Schreiben wahrscheinlich keine Ahnung hat, schlägt in seinem Ratgeber allen Ernstes vor, jeden Tag eine Stunde zu schreiben und rechnet dann peinlichst genau vor, dass man so innerhalb eines Jahres ein Buch schreiben kann. Theoretisch mag das ja stimmen. Praktisch sieht es bei mir so aus, dass ich in der ersten Schreibstunde ungefähr so produktiv bin wie ein bekiffter Koala im Tiefschlaf. Ich brauche endlos lang Zeit, um in die Gänge zu kommen. Würde ich pro Tag eine Stunde am Laptop sitzen, gäbe es von mir kein einziges Buch. Auch in hundert Jahren nicht. Statt mir also diesen mathematisch trockenen Ratgeber zu kaufen, hätte ich das Geld wohl besser in Kaffee und Kuchen investiert. Am witzigsten aber sind Schreibratgeber, die versprechen, dass man nach ihrer Methode ein Buch in einem Monat schreiben kann. Die sind ungefähr so brauchbar wie Diäten, die einen Gewichtsverlust von 10 Kilogramm in drei Tagen versprechen.


Mein Fazit: Im Idealfall enthalten Schreibratgeber (sehr) brauchbare Tipps und Tricks in Sachen Handwerk, also konkret der Arbeit am Text selber. Sie geben Denkanstösse, wie man seine Geschichten planen und plotten könnte, und sie helfen, den persönlichen Arbeits- und Schreibrhythmus zu finden, ohne das ultimative Wedeln mit der absolut perfekten allgemeingültigen Methode. Die gibt es nämlich nicht. Weil Autor*innen zwar alle zur selben Berufsgruppe gehören, jedoch in ihrer Art völlig verschieden sind. Wie richtige Menschen halt.


Wenn ich je einen Schreibratgeber verfassen würde (was ich nicht tun werde), dann würde im Vorwort stehen: «Lies dich durch die Tipps. Pick dir jene heraus, die für dich funktionieren, vergiss den Rest und finde heraus, welche Art von Schreiben zu dir passt.» Und wenn es eine Botschaft in meinen Jugendbüchern hat, dann diese: «Finde heraus, wer du bist, geh deinen Weg, genau deinen, wie er zu dir passt und keinen anderen, denn du bist einzigartig.»

Das gilt übrigens auch für uns Erwachsene.


Und wer jetzt – trotzdem – eine Moral sucht: Das Leben ist wie das Schreiben und das Schreiben ist wie das Leben. Wir sind alle einzigartig.

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