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Keine ist zu gering, um nicht ausgenützt zu werden.
Bild/Illu/Video: zVg.

Keine ist zu gering, um nicht ausgenützt zu werden.

Liebe Frauen


Diese Anrede von einem Mann, nämlich von mir, ist kein Grund misstrauisch zu sein, denn es geht auch mir darum Benachteiligungen sichtbar zu machen. Keine Angst, ich bin dabei nicht nur uneigennützig. Die Methoden zum Nachteil der Frauen werden früher oder später auch gegen Männer eingesetzt. Viele haben es leider in ihrer antifeministischen oder sogar frauenfeindlichen Haltung nur noch nicht gemerkt.

Auch wenn die Bibel «nicht so ihr Ding ist» kann es sich lohnen meinen Text zu lesen.

Es geht hier um die Fälschung des Bibeltextes, um eine ganz bewusste in meinen Augen böswillige Fälschung. Aber lassen sie mich zuerst den Text in der richtigen, dann in der gefälschten Variante zitieren. Er stammt aus dem Brief des Paulus an die Römer (kurz «Römerbrief») und gehört zu den wichtigsten und ältesten theologischen Texten des Neuen Testaments. Der Römerbrief wird heute als echter, das heisst wirklich von Paulus selbst verfasster Brief an die frühchristliche Gemeinde in Rom aufgefasst. Der Vers stammt aus seinem 16. Kapitel und es ist der 7. Vers davon. Die deutschen Übersetzungen stammen aus der Zürcher Bibel des Jahres 2012 und aus der Luther Bibel von 1984:


7 Grüsst Andronikus und Junia, meine Landsleute, die meine Gefangenschaft geteilt haben. Sie sind angesehen unter den Aposteln und haben schon vor mir zu Christus gehört.

7 Grüßt Andronikus und Junias, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berühmt sind unter den Aposteln und schon vor mir in Christus gewesen sind.


Die Fälschung ist so diskret, dass sie das vermutlich sogar übersehen haben. In der zweiten Version hängt ein unscheinbares «s» am Namen Junia. Damit wird aus einem Frauennamen ein Männername!

Nur den Männernamen Junias gibt es in der gesamten antiken Welt nicht und auch später gibt es keinen einzigen Textbeweis dafür, weder im griechischen, noch im lateinischen Raum ist je ein Junias nachge­wiesen worden. Abenteuerliche Rechtfertigungen, wie es sei eine Kurzform des Namen Justinian oder ähnliche, gehören ins Reich der Legenden. In der neuen Luther Bibelübersetzung von 2017 ist dieser Name übrigens auch korrigiert worden. In den theologischen Wissenschaften ist es heute Konsens mindestens von einem Übersetzungsfehler auszugehen. Viele aus den Fächern der wissenschaftlichen Theologie und Religionswissenschaft jedoch sehen das nicht als einen reinen Übersetzungsfehler, sondern als eine bewusste Fälschung an.


Dazu müssen wir schauen, ab wann dieser «Fehler» aufgetreten ist. Seit der frühesten und ersten, als wissenschaftlich zu bezeichnenden Übersetzung, des Bibeltextes 1516 durch Erasmus von Rotterdam bis in die 20-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war durch die Akzentsetzung völlig klar, dass es sich hier um einen Frauennamen handelt. Warum ist dann 1927 in dem für die Wissenschaft wichtigen Text des altgriechischen Novum Testamentum graecae dieser Akzent gefälscht worden?


Die Ostkirchen, alle orthodoxen Kirchen haben übrigens immer am Namen Junia festgehalten. Bekanntlich hatten die Frauen, wenigstens in vielen Ländern Europas und in den Vereinigten Staaten, damals Rechte, die sie in den Weltkriegen wieder verloren haben, so zum Beispiel Autofahren, Flugzeuge fliegen, öffentlich als Musikerin, Schriftstellerin und Künstlerin aufzutreten und anderes mehr. Was also war um das Jahr 1927 los, als die 13. Ausgabe dieses wissenschaftlichen altgriechischen Bibeltextes gefälscht worden ist? Daraufhin ist diese Stelle in fast allen Bibelübersetzungen weltweit falsch übersetzt worden. Eine Fehlanpassung an eine bewusste Fälschung.


Die Polizei weiss, wenn sie Vergehen und Verbrechen aufklären will muss sie sich die Frage stellen «cui bono» oder zu deutsch wem nützt es? Eine Tat lässt sich oft dann aufklären, wenn diese Frage, das Motiv, geklärt ist.


1923, als die zwölfte Ausgabe des Novum Testamentum graecae erschienen ist, war noch ganz selbstverständlich von Junia die Rede. Eine neue Ausgabe dieser wissenschaftlichen Bibel des Neuen Testaments in Altgriechisch dauerte etwa drei Jahre und ein Jahr für den aufwändigen Druck. Also schauen wir was so in den «goldenen Zwanzigerjahren» geschichtlich passiert ist. Ab etwa 1925 haben wir ein deutliches neues politisches Schwergewicht von konservativen Parteien, wie zum Beispiel die katholisch konservativen Kräfte in der Schweiz, die den «Klassenkampf» staatlich unterdrücken wollten. Desgleichen erstarkten in Deutschland kaisertreue konservative politische Kräfte. Auch die Nationalsozialisten erzielten erste Erfolge. Es sind dieselben Kräfte, die sich auch heute keinen Deut um die Lohngleichheit in der Verfassung scheren, die damals die «alte Ordnung» wiederherstellen wollten. Wie «die Ordnung» der Nazis ausgesehen hat, ist hinlänglich bekannt.


Meiner Meinung nach hat dieser konservative politische Druck von Arbeitgebern, Kaisertreuen, konservativen Katholiken und Rechtsextremen, eine sehr unheilige Allianz, zur Fälschung geführt. Die Frauen sollten wieder an den Herd zurück, anstatt Bücher zu lesen, Fotos zu machen, Autos zu fahren oder Konzerte zu geben. Nein, sie sollten die deutsche Nation gross machen. Das hiess vor allem Kinder gebären, denn man brauchte viele Soldaten. Löhne der Arbeiter tief halten, das Streikrecht beschneiden, wieder Zucht und Ordnung vor allem in der katholischen Kirche einführen, denn einige Frauen waren damals schon so mutig Priesterinnen und Pfarrerinnen zu fordern, und den Frauen wieder die drei Aufgaben Kirche, Kinder und Küche aufzuhalsen. Habe ich deutlich gemacht, wem es genützt hat? Habe ich ebenso deutlich gemacht, wer gelitten hat? Es hat mit der Einschränkung der Freiheiten der Frauen begonnen und am Ende Millionen Tote weltweit gebracht.


In einem einfachen Satz ausgedrückt: Wenn es darum geht Frauen zu benachteiligen, ist nicht einmal die Heilige Schrift «das Wort Gottes» heilig genug, um nicht gefälscht zu werden.


Es kann, ja es darf doch nicht sein, dass Paulus Frauen als Gemeindeleiterinnen eingesetzt hat, und bewahre hier vielleicht sogar von einem weiblichen Apostel Junia spricht. Vielleicht wissen sie ja, dass im Altgriechisch, der Sprache des Neuen Testaments, die Übersetzung an manchen Stellen schwierig sein kann. So haben sich die Übersetzenden lange Gedanken darüber gemacht, ob hier der korrekte deutsche Text «ein bekannter Apostel…» oder «bekannt unter den Aposteln…» lauten sollte. Das ist leider nicht eindeutig zu entscheiden. Eindeutig, also Konsens in der wissenschaftlichen Bibelforschung, ist jedoch, dass der Name Junia ein Frauenname ist, der auch so mehrfach in antiken Texten und Schriftstücken vorkommt und somit gut belegt ist.


Die Diskussion, ob Frauen in den christlichen Kirchen als Pfarrerinnen beziehungsweise Priesterinnen ordiniert und anschliessend von einer Kirchgemeinde gewählt werden können, hätte sicher einen anderen Verlauf genommen, wenn vielen Frauen bereits damals bewusst gewesen wäre, dass Paulus ganz selbst­verständlich Frauen zu Gemeindeleiterinnen berufen hat. Möglicherweise spricht er in diesem Vers sogar von einem weiblichen Apostel Junia. Das Argument, dass Frauen im römischen Reich selten bis nie in Gefängnissen eingesperrt worden sind, heisst nicht unbedingt etwas. Paulus hat auch symbolische Botschaften in seinen Texten verwendet. Er könnte mit Mitgefangenen auch ausdrücken wollen, dass die genannten Personen solidarisch im Glauben waren. Das wäre dann im Sinne zu lesen: Wir von den christlichen Gemeinden sind alles Gefangene im Glauben an Jesus Christus. Einen deutlichen Hinweis darauf liefert das Wort Stammverwandte. Wir kennen eine solche Anrede «liebe Schwestern und Brüder im Glauben» ja auch aus den Gottesdiensten der orthodoxen Kirchen bestens.

Ob Junia selbst ein Apostel war oder nicht, klar ist, dass sie einen hohen Rang in Rom bekleidet hat. Denn Paulus erwähnt nur seine wichtigsten Mitstreiter im Glauben derart lobend. Die Forschung ist sich heute auch weitgehend einig, dass ohne vermögende Frauen, die den frühchristlichen Gemeinden ihre Häuser für Zusammenkünfte zur Verfügung gestellt haben, das Christentum die Verfolgungen kaum überlebt hätte. Auch kann man aus sehr guten Gründen annehmen, dass die Mehrheit derer, die Jesus damals gefolgt sind, Frauen waren. Aus den damaligen gesellschaftlichen Umständen ergibt sich, dass sie im Neuen Testament oft totgeschwiegen worden sind. Frauen waren zum Beispiel als Zeuginnen nicht vollwertig, deshalb musste auch die Auferstehung Jesu Christi (auch noch) durch Männer, nämlich Apostel bezeugt werden. Witwen hatten einen besonders schweren Stand und mussten meist Schutz bei einem männlichen Verwandten suchen, damit sie nicht einfach um ihren Besitz gebracht wurden. Land ist ihnen oft entrissen worden. Wenn kein genügend alter männlicher Nachkomme da war, konnten sie sich nicht einmal für ihr Erbe gerichtlich wehren.


Zum Glück haben es unsere Frauen da besser, denn sie dürfen jeden Beruf ergreifen wie zum Beispiel Automechanikerin, und ebenso dürfen sie abstimmen und wählen, politische und juristische Ämter innehaben und so weiter. Festgelegt ist jedoch auch, dass sie nur in Ausnahmefällen gleich viel wie ihre männlichen Berufskollegen verdienen. «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» soll das ein Wunschtraum bleiben? Zählt ein Verfassungsauftrag genauso wenig wie die Bibel, die ja einfach ignoriert werden kann? Politische Schönwetterreden und die Scheinargumente der Arbeitgeber sind ihnen ja hinlänglich bekannt.


Frauen haben 20, 40 oder noch mehr Jahre zu billig gearbeitet. Zum Dank erhalten sie dann noch reduzierte Renten von AHV und Pensionskassen. Reduktionen von Pensen, also weniger Prozent arbeiten, trifft in der Regel Frauen zuerst. Ihre Stellenprozente werden eher gekürzt; spielt doch eh keine Rolle, ob Frau 50% wie gewünscht oder nur 40% arbeiten kann. Schliesslich gibt es da noch den Mann zuhause, der den Verdienstausfall gerne kompensieren darf. Und falls es keinen solchen Mann an ihrer Seite gibt, haben sie sowieso etwas in ihrem Leben falsch gemacht, kurz gesagt sie sind selbst daran schuld.


Frauen meinen sie müssten sich auch heute noch das Streiken erlauben lassen; die Erziehung zur Anpassung ist immer noch hochwirksam. Nein, das Recht zu streiken muss man sich nehmen, das wird einem nicht gegeben. Das gibt nicht der Chef und nicht der Betrieb, das gibt nicht der altgediente Politiker und schon gar nicht der Bundesrat, dieses Recht gibt man sich selbst oder man kann es gleich lassen. Wie war das mit dem Stimmrecht? Haben nette Briefe an die Regierungen damals irgend etwas bewirkt? Wenn ich im Geschichtsunterricht aufgepasst habe, Null und nichts abgesehen von netten Worten und jahrelanger Vertröstung. Erst der engagierte Einsatz und Kampf mit harten Methoden hat eine Veränderung nämlich das Stimmrecht für die Frauen gebracht. Wieso soll es jetzt ausgerechnet, wenn es um Geld, das Frauen vorenthalten wird, geht anders sein? Können sie sich vorstellen, dass Arbeitgeber Frauen freiwillig mehr Lohn, einen gerechten Lohn, geben? Dieselben Arbeitgeber, die das nicht einmal für angestellte Männer freiwillig tun? Falls sie auf diese Freiwilligkeit hoffen, werden sie noch im Pflegeheim darauf warten.


Das Ziel des Frauenstreiks darf es auch nicht sein, dass die wenigen Managerinnen endlich die gleichen Millionensaläre kassieren wie ihre männlichen Konkurrenten. Stehen sie für sich selbst für ihren Lohn, für ihrer Karriere und für ihre Stelleprozente ein. Damit tun sie nicht nur sich etwas Gutes, sondern auch all den Frauen, die in prekären Jobs festsitzen, temporär angestellt sind und unter miesen

Bedingungen ihre Arbeit verrichten müssen. Eine Reinigungsfachkraft kann kaum streiken, denn sie kann weder die Ausfallstunden wirtschaftlich verkraften, noch kann sie es sich leisten, dass sie ersetzt wird. Es warten europaweit andere Frauen auf ihren Job. Aber jede Lohnerhöhung, die Frauen erwirken oder eben erstreiken können, hat auch Signalwirkung auf diese krass unterbezahlten Jobs.


Wenn es nicht mehr normal ist, dass Frauen einfach weniger verdienen, weil es Frauen sind, wirkt sich das auf alle Arbeitsverhältnisse aus. Und vergessen sie nie, das Recht steht auf ihrer Seite! Aber das Recht stellt von sich aus keine Gerechtigkeit her. Wäre ja schön, ist aber nicht so. Nehmen sie sich das Recht heraus selbst, mit anderen Frauen zusammen, für sich einzustehen. Anständige Löhne haben nicht nur eine finanzielle Wirkung, sondern es stärkt auch ihr Selbstvertrauen. Selbstbewusste Frauen erobern sich den öffentlichen Raum und lassen sich nicht zuhause einsperren. Sie erleiden weniger Gewalt, sei es Frauenhass, körperliche Gewalt oder eine Zwangsheirat. Wagen sie es auch sogenannte weibliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Frauen erziehen ihre Kinder selbst, Frauen pflegen gratis kranke und alte Familienangehörige und Frauen leisten Nachbarschaftshilfe alleine. Natürlich dürfen sie das alles tun, sie sollten sich nur an der Selbstverständlichkeit stören mit denen ihnen und nur ihnen diese Arbeiten zugeschoben werden. Das ist der Punkt.


Keine ist zu gering, um nicht ausgenutzt zu werden! Denn, ich wiederhole es nochmals:

Wenn es darum geht Frauen zu benachteiligen, ist nicht einmal die Heilige Schrift, das „Wort Gottes“ heilig genug, um nicht gefälscht zu werden.

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